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Der Geschmack des Sommers in Graz

1945 1960 1980 2000 2020

Man spürt den Pulsschlag einer kulturell hochaktiven Stadt: Einen Sommer lang werden Häuser zur Kulisse, Plätze zur Bühne, Künstler und Besucher zu Hauptdarstellern. Im Sommer entwickelt sich Graz zu einer Festivalstadt europäischen Formats.

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Man spürt den Pulsschlag einer kulturell hochaktiven Stadt: Einen Sommer lang werden Häuser zur Kulisse, Plätze zur Bühne, Künstler und Besucher zu Hauptdarstellern. Im Sommer entwickelt sich Graz zu einer Festivalstadt europäischen Formats.

Graz hat sich im Sommer zu einer Festivalstadt europäischen Formats entwickelt: Der Kalender ist üppig bestückt und eine Auswahl kein leichtes Unterfangen -ein Querschnitt bietet alle Facetten urbaner Kulturerlebnisse, die durch eine große Klammer der gesellschaftlichen und räumlichen Offenheit zusammengehalten werden.

Humor mit Tiefgang

Die heurige Styriarte biegt unter dem Motto "und lachte" in die Zielgerade und blickt auf erfolgreiche Wochen zurück. Humor und Heiterkeit in allen Spielarten der Musik begeisterten nicht nur das Publikum, sondern auch Künstler, die sich aus dem engen Korsett der "schweren" Klassik ein wenig befreien durften. Von "Der Barbier von Sevilla" in deutscher Fassung unter dem Dirigat von Michael Hofstetter über "British Humour" des A-Cappella Ensembles "Voces8" und heiteren Kammermusiken von Rossini und Mozart bis hin zum subtil aufblitzenden Witz eines György Ligeti spannt sich der Bogen.

Für tiefgründige Kontrapunkte sorgte Meister Nikolaus Harnoncourt persönlich: Beethovens "Missa solemnis" und die "Paukenmesse" Haydns in der Pfarrkirche Stainz waren Ausrufungszeichen in höchster Vollendung. Bei Antonin Dvorák "Das goldene Spinnrad" ersetzte ihn die Amerikanerin Karina Canellakis mit feinnerviger Energie und als Signal der weiblichen Zukunft. Vor dem finalen Wochenende kann man das Nebeneinander von Spaß und Tiefe jedenfalls bereits als gelungene Symbiose resümieren.

Die Urmutter aller Musikfestivals in Graz ist "Voices of Summer -The AIMS Festival Orchestra & Singers", es bringt bis 14. August junge amerikanische Musikstudenten in die steirische Hauptstadt, die von erfahrenen Musikschaffenden unterrichtet und an die Spitze herangeführt werden. Das Repertoire reicht von symphonischer über sakrale Musik bis zu Oper und Musical, Gesangsikonen wie Christa Ludwig, Linda Watson und Bo Skovhus unterrichten die Meisterklassen und das Publikum ist herzlich eingeladen, bei der Formung der Stars von morgen dabei zu sein.

Die Gastdirigenten Markus Landerer, Alexander Kalajdzic, Philipp Pointner und Karen Kamensek, allesamt Meister ihrer Zunft, sorgen dafür, dass bei dutzenden Konzerten das Gelernte in der Direttissima auf die Bühne gebracht wird. Highlight und Abschluss zugleich ist das "Meistersingerkonzert" in der Helmut-List-Halle, wo Studenten um den Titel "Meistersinger des Jahrgangs" rittern. Kleines, feines Detail am Rande: Viele Musiker packen auf den Plätzen der Stadt ihre Instrumente aus und spielen spontane Konzerte - das ist "American Summerfeeling".

Dabei kann es den jungen Leuten passieren, dass sie auf eine ausgelassene Theatertruppe treffen, denn "La Strada" erobert wieder die Straßen von Graz. Vom 31. Juli bis zum 8. August verwandeln "Neuer Zirkus", Straßen-und Figurentheater und "Community Art" die Stadt zur Bühne und Bewohner zu Zuschauern.

Raus auf die Straße

In 24 Produktionen sollen heuer jede Form menschlichen Lebens dargestellt und neue Perspektiven entwickelt werden. In der Reihe "Neuer Zirkus" entwerfen "The Seven Fingers" in der Grazer Oper ein eigenes Universum ihrer Träume, Erlebnisse und Wurzeln, "Le Collectif de la Bascule" erzählen am Hauptplatz von einer neuen Welt voller Bewegung und Balance, marokkanischer Flair und russische Hypnose inklusive. Beim Straßentheater zieht die "Compagnie Adhok" aus Frankreich als "Schöne Ausreißer" durch die Stadt -die sieben Senioren sind dem Altersheim entronnen und lernen wieder zu leben; ein wenig gebrechlicher zwar, jedoch voller Wünsche und Hoffnungen des Alters. Für Unordnung und lustvolles Chaos sorgen die Chilenischen Straßenartisten "Murmuyo y Metrayeta", sie tanzen und spielen Satiren der menschlichen Schwächen.

Ein besonderes Highlight hat Nikolaus Habjan mit seinem "Schubert Theater Wien" im Gepäck. Der Puppenspieler erweckt Michael Jackson als alternden King of Pop zum Leben und lässt ihn als modernen Peter Pan zwischen Bildern der Vergangenheit und Hoffnung auf neue Erfolge pendeln. Bei "Community Art" lösen sich die Grenzen zwischen Künstlern und dem Publikum endgültig auf, die Truppe "zweintopf" thematisiert in Installationen die zunehmende Kontrolle des öffentlichen Raums und stellt die Frage, wer uns wofür beobachtet. Zum Abschluss wird an drei Abenden in der Kaiserfeldgasse zum "open dance" gebeten. Beim Straßenfest mit Tango, Rebétiko und anderen fernen Klängen ändert sich der Rhythmus der Stadt - die Autos müssen daheim bleiben!

Architektur: mehr als ein Gebäude

Dieser Sommer steht erstmalig im Zeichen der Architektur - im erweiterten Sinn, denn jeder Mensch "wohnt" in seinem Körper und hat seine eigene Bauweise. Die Idee hinter einer Vielzahl von Veranstaltungen ist die Auflösung starrer Denkmuster, es sollen Fragen gestellt und beantwortet werden, die in ästhetische und soziale Dimensionen führen: Eine Stadt ist keine Anhäufung von Gebäuden, sondern Lebenswelt und Entfaltungsraum für ihre Einwohner.

Der "Architektursommer 2015" umfasst Lesungen von und Diskussionen mit Architekten, Touren durch die Innenstadt, Pop-up Galerien in leeren Geschäften der Annenstraße, Straßenbahnfahrten an die urbanen Ränder und Einblicke in "social design". Graz ist das beste Beispiel starken Wandels, die Stadt hat sich auch mithilfe der Architektur zu einer modernen und offenen Metropole entwickelt und damit das Bewusstsein seiner Einwohner verändert - der Architektursommer ist ein weiterer Schritt in die Zukunft.

Mediterrane Stimmung und reges Treiben in den Gassen: Man spürt den Pulsschlag einer kulturell hochaktiven Stadt. Einen Sommer lang werden Häuser zur Kulisse, Plätze zur Bühne, Künstler und Besucher zu Hauptdarstellern.

Informationen und Tickets: www.styriarte.at, bis 26. Juli www.aimsgraz.at, bis 14. August www.lastrada.at, von 31. Juli bis 8. August www.architektursommer.at, bis 30. September

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