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Der Jesuit als Kirchenfürst

Die Fastenexerzitien 1978 für Paul VI., die letzten vor dessen Tod, hielt der Jesuit Carlo Maria Martini. Ein Jahr später machte Johannes Paul II., der neue Papst, den anerkannten Bibelwissenschafter zum Erzbischof von Mailand: ein "Aristokrat", ein Intellektueller, der auch für seine spirituellen Wegweisungen - in zahlreichen Büchern oder in Katechesen, die er regelmäßig im vollbesetzten Mailänder Dom hält, bekannt ist. Sein literarischer Dialog mit Umberto Eco ("Woran glaubt, wer nicht glaubt") brachte Martini in die Bestsellerlisten.

Der Kardinal, in grober Vereinfachung als liberaler Vormann der katholischen Kirche apostrophiert, steht fürs Gespräch über religiöse und ideologische Grenzen hinweg. Manchem Kurialen schien solche Offenheit gefährlich, und man erfand bürokratische Hürden: So musste Martini 1993 den Vorsitz des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen abgeben, weil ab damals dorthin nur die Vorsitzenden nationaler Bischofskonferenzen entsandt werden durften. Dass Martini Chef der italienischen Bischofskonferenz wurde, blieb dadurch verhindert, dass seit Anfang der 90er Jahre - im Gegensatz zu anderen Bischofskonferenzen - der Papst den Vorsitz der italienischen persönlich ernennt.

Am 15. Februar 2002, dem 75. Geburtstag, wird Martini dem Papst seinen Rücktritt anbieten: Der Kardinal hatte wiederholt erklärt, sich nach Jerusalem zurückziehen zu wollen. Viele Mailänder möchten sich damit aber nicht abfinden: "Kardinal, verlassen Sie Mailand nicht gerade jetzt!" schrieb etwa der Jurist Guido Rossi in der Tageszeitung La Repubblica. ofri

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