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Feuilleton

Der Job der Christen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schmutzkübelkampagne der FPÖ gegen die Caritas und das Schweigen der ÖVP dazu sind empörend. Fromme Gedanken in einer unfrommen Debatte.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schmutzkübelkampagne der FPÖ gegen die Caritas und das Schweigen der ÖVP dazu sind empörend. Fromme Gedanken in einer unfrommen Debatte.

Christen befinden sich hierzulande, allen empirischen Daten zufolge, auf dem Rückzug. Dafür macht sich ein Kulturchristentum breit, das aber den Kern dieser Religion wenig im Blick hat: Kulturchristen wollen Kreuze (wieder) an die Wände hängen oder beschwören ein "christliches" Abendland. Aber Christentum muss zuallererst Gott aufs Tapet bringen, es predigt einen Gott, der das Heil der Menschen will und in der Gestalt von Jesus Christus die Welt gerettet hat. Es spricht für sich, dass in den politischen Debatten ums Christliche diese Dimension so gut wie nicht zur Sprache gebracht wird.

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass das Ansprechen der Gottesfrage im christlichen, im neutestamentlichen Sinn untrennbar mit der Menschenfrage zu tun hat: Gottesliebe und Nächstenliebe sind, so der biblische Befund, gleichwertig. Ohne die Sorge um Arme, zu kurz Gekommene, Schwache, Entrechtete ist das Christentum nicht zu haben. Dazu kommt, dass alles, was das Neue Testament über Jesus von Nazaret berichtet, wesentlich von macht-und institutionskritischen Zugängen geprägt ist.

Es war die FPÖ, die sich völlig im Ton vergriffen hat

In der aktuellen politischen Schmutzkübelkampagne gegen die Caritas, wie sie zurzeit von der FPÖ betrieben wird, wäre es wichtig, dies ins Spiel zu bringen. Caritas-Präsident Michael Landau hat mit seiner vorweihnachtlichen Kritik "schwerer Empathiedefizite" der Regierung gegenüber armutsbetroffenen Menschen offenbar einen Nerv getroffen. Sonst wäre das Heulen der blauen Wölfe nicht gar so laut ausgefallen.

Dabei -siehe oben - hat Landau nur seinen Job als Christ gemacht, der eben auch darin besteht, den Herrschenden auf die Nerven zu gehen, wenn Menschen und ihre Nöte aus dem Blick der Politik zu geraten drohen. Es ist die genuine Aufgabe der Caritas, dies sowohl in Weckrufen als auch in konkreter Tat zu gewährleisten.

Dass sich die politischen Player, die zurzeit am Ruder sind, da auf den Schlips getreten fühlen, versteht man ja irgendwie. Aber eigentlich müsste auch diese Regierung froh über eine NGO wie die Caritas sein und sollte sie als Stachel im Fleisch verstehen. Denn Politik, will sie nachhaltig sein, braucht derartiges Widersprechen und Korrektiv. Wenn aber die Kanzlerpartei einmal mehr schweigt oder sich -in Gestalt von Staatssekretärin Karoline Edtstadler - als Moderatorin geriert, die den Koalitionspartner FPÖ wie die Caritas zur "Mäßigung" ruft, dann krankt es krass an der Wahrnehmung: Es war die FPÖ, die sich völlig im Ton vergriffen hat.

Wie ein christliches Fundament sichtbar bleibt

Um allfälligen Missverständnissen vorzubeugen: Die Caritas ist eine große Institution; und als solche ist auch sie im Sinne jesuanischer Macht-und Institutionenkritik im Blick zu behalten. Doch der FPÖ (und auch dem schweigenden Regierungspartner ?) geht es darum, lästige Kritik loszuwerden, statt sich konstruktiv damit auseinanderzusetzen. Es gibt dabei ja Beispiele

christlichsozialer Standfestigkeit, die niemand vermutet hätte, die aber zeigen, dass auch schwarze Machtpolitiker wissen, dass hier Dämme brechen. Wie etwa der ehemalige Raiffeisen-Boss Christian Konrad gegen die "Empathiedefizite" der Politik agiert und der Regierung die Leviten liest, ist erstaunlich, zeigt aber, wie ein christliches Fundament sichtbar und glaubwürdig bleibt - und vor allem mehr ist als eine kulturchristliche Mode .

Man kann in dieser Debatte einmal mehr das Diktum des Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde bemühen, der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, "die er selbst nicht garantieren kann". Auf nichts anderes rekurriert auch Michael Landau, wenn er sich "politisch" einmischt: Ohne die Voraussetzung "Was ihr dem Geringsten tut ..." ist das Christentum nicht zu haben. Will sie ihre Wurzeln nicht kappen, wäre es speziell für die ÖVP unabdingbar, sich in politischer Tat wie in klarem Wort dazu zu bekennen.