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Der Krieg auf dem Dorf als "ganz großes Kino“

Mehr als 10.000 Menschen haben auf einer Roadtour durchs Weinviertel bisher den Film "Heil Hitler - Die Russen kommen“ gesehen. Vielleicht weil es ihre eigene Geschichte ist.

Frühjahr 1945, im Lichtspieltheater Matzen läuft die Deutsche Wochenschau: Die Szene, in der Adolf Hitler einen kleinen, wohl kaum 14-jährigen Jungen in HJ-Uniform tätschelt, um ihn danach im "Volkssturm“ gegen die Russen anlaufen zu lassen, verstört, andere glauben tatsächlich noch an den Endsieg. Kurz danach zerstörten die Bomben das älteste Kino im Weinviertel, das nun, fast 70 Jahre danach, noch einmal dieselbe Szene zeigt.

Im ausverkauften "Cine“ sitzen viele alte Männer, die selbst als Kinder und Jugendliche in einen Krieg geworfen wurden, der schmutziger nicht sein konnte. Als die Kindersoldaten von damals darüber berichten, wie sie an der Front nach der Mama geschrien haben, vor Angst, nesteln viele der alten Herren im Publikum nach dem Taschentuch. Die alten Frauen, die gekommen sind, nicken, als die Zeitzeuginnen auf der Leinwand erzählen, wie damals fast alle Frauen von den Russen vergewaltigt wurden. "Denen war das ja scheinbar wurscht, ob das a Junge oder a Alte war. Die haben anscheinend den Befehl erhalten, uns zu demütigen, wo es nur geht.“ Fast scheint es, als seien sie froh, dass das Tabu endlich gebrochen, und vor der Kamera ausgesprochen wird, was damals einer ganzen Generation an Mädchen, Müttern und Alten passiert ist.

Das endlich gebrochene Tabu

Denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist ihre Geschichte. So radikal ehrlich und intim erzählt, dass einerseits zwar alte, vernarbte Wunden aufgerissen werden, dies andererseits aber als geradezu befreiend erlebt wird. Und die vielen jungen Zuseher, die Nachgeborenen, können nicht glauben, dass der große Krieg, den sie aus dem Geschichtsunterricht und den Schwarzweißbildern kennen, hier, in ihren Dörfern und Kleinstädten, in ihren Familien stattgefunden hat, dass das, was Oma und Opa getan und erlitten haben, "ganz großes Kino“ ist - ein Film, der in ihren Familien bis heute unbewusst und unterbewusst nachwirkt.

Als der Dokumentarfilm nach knapp 90 Minuten mit dem Zitat von Magda Kisser endet: "Wir sind ja ein Geschichtsbuch, aber in einem Geschichtsbuch muss man auch blättern“, herrscht geradezu andächtige Stille. Die Menschen, die die Vorführung in Matzen verlassen, und die Besucher, die draußen auf die wiederum ausverkaufte Zusatzvorstellung gewartet haben und nun in den Saal drängen, gehen schweigend aneinander vorbei. Jeder spürt, dass das, was hier gezeigt wurde und wird, noch nicht vergangen ist. Dass der Krieg, fast 70 Jahre danach, gerade im Weinviertel, wo der "Endkampf“ besonders unnachgiebig geführt wurde und in manchen Orten noch Tage nach dem Kriegsende weiterging, erschreckend präsent ist. In der hügeligen Landschaft, den Kellergassen, den Häusern, den Familien.

Denn was damals passiert ist, wurde ob der Unfassbarkeit und Monstrosität der Gewalt verdrängt, beschwiegen, zugedeckt. Man war doch auf der Seite der Täter, wie also über die eigenen Ängste, Nöte und Wunden reden? Oder war man doch auch Opfer, oder beides? Wie sollte der Kriegsheimkehrer seiner Frau erzählen, was er in den Schützengräben getan und erlitten hatte, wo er es doch selbst nicht verstand. Wie sollte die Frau ihm erzählen, dass sie von den Russen vergewaltigt wurde? So wurde geschwiegen, oftmals bis heute.

Doch unter der Oberfläche schwären die Wunden, die niemals verheilt, höchstens vernarbt sind - und scheinbar mussten so viele Jahrzehnte vergehen, damit jetzt, so spät, offen über das unvergleichlich große Verbrechen gesprochen werden kann.

Und der Film bewirkt, dass darüber gesprochen wird. So berichten Psychologen und Therapeuten der Region davon, dass viele ihrer Klienten, ausgelöst durch den Film, plötzlich über die damaligen Ereignisse sprechen, Zeitzeugen über ihre Traumata, spätere Generationen davon, dass sie nun verstehen können, warum ihre Eltern so verbittert, so verletzt, so angriffig und angegriffen waren.

Anstoß zu eigenen Projekten

In einigen Orten hat der Film eigene Interview-Projekte, szenische Lesungen aus Briefen und Dokumenten von damals und sogar Filme bewirkt, wie in Gaubitsch, wo der Theaterverein einen Themenabend veranstaltete, bei dem sich 600 Dorfbewohner fünf Stunden lang in ihre eigene Geschichte vertieften. Nirgendwo ging es in den Gesprächen noch darum, aufzurechnen, Schuld zuzuweisen oder Schuld von sich zu schieben, die Zeitzeug(inn)en auf der Leinwand wie im Publikum wollen mit ihren Berichten nur eines - an ihrem Lebensabend ein Vermächtnis gegen den Krieg abliefern.

Wo immer "Heil Hitler, die Russen kommen“ auf seiner Roadtour durchs Weinviertel bisher gelaufen ist, ob in Mistelbach, Wolkersdorf, Poysdorf, Strasshof, Orth an der Donau oder Laa, waren die Säle so voll, dass selbst Stehplätze verkauft wurden. So hatte der Film in rund 30 Vorstellungen mehr als 10.000 - zahlende - Zuseher. Nach dem Besuch des Films bedanken sich viele Zuseher, alte Menschen genauso wie Jugendliche, für den Film. Vielleicht, weil er nicht wertet, weil keine Historiker vorkommen, die das Gesagte der Zeitzeugen relativieren, sondern der Film die Betroffenen einfach erzählen lässt - in einem Oral-History-Projekt ihre kleinen, persönlichen Geschichten, ineinander zu 13 Kapiteln verwoben, die die große Geschichte hervortreten lassen.

Es sind die Erzählungen dieser "einfachen“ Menschen, die spürbar machen, dass Geschichte gemacht wird und passiert - und dass es im Krieg nur Verlierer gibt.

In vielen der Gasthäuser, wo Plakate für "Heil Hitler - Die Russen kommen“ hingen, wurde das "Heil Hitler“ im Filmtitel jedenfalls vom Wirt oder von Gästen überklebt: "Weil das will hier wirklich keiner mehr …“

Der Autor, Koregisseur von "Heil Hitler - Die Russen kommen“, ist Initiator des Zeitzeugen-Schulprojekts "A Letter To The Stars“.

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