Der kritische Gebrauch Der vernunft

Der europäischen Aufklärung wird nachgesagt, selbstreflexiv genug gewesen zu sein, um die Frage nach ihrer eigenen Beschaffenheit zu stellen. Was ist eigentlich Aufklärung? Diese Frage stellte fast beiläufig ein Autor am Ende der Epoche um 1780, und es entstand jedenfalls im deutschsprachigen Raum eine spannende Diskussion.

In der Gegenwart wird diese Frage nach den Eigenschaften der Aufklärung leider viel zu selten gestellt. Sehr häufig überwiegen Klischees, Vorurteile, Zerrbilder oder einfach Annahmen über die Aufklärung, die alle sehr fragwürdig sind. Hier ein paar typische Beispiele: die Aufklärung sei das, was "die anderen" (etwa "der Islam" oder "die Chinesen") nicht hätten; die europäische Aufklärung habe die Vernunft vergöttert (so beispielsweise viele Vertreter der Romantik); sie sei ident mit der europäischen Moderne (etwa nach Horkheimer und Adorno); sie sei vieles gewesen, nur nicht aufgeklärt; sie sei religionsfeindlich und atheistisch gewesen (so etwa Peter Gay); letztlich sei die Aufklärung gescheitert.

Das ist wenig differenziert. Tatsächlich können wir zwischen verschiedenen Konzeptionen der Aufklärung unterscheiden. Sie kann als interkulturelles Phänomen von Rationalisierungsprozessen verstanden werden. Deshalb ist es legitim, von einer "antiken" oder einer "jüdischen" Aufklärung zu sprechen. Der Begriff der Aufklärung kann aber auch ganz eng als historischer Epochenbegriff konzipiert werden und bezieht sich dann nur auf die Kultur-und Geistesgeschichte von Europa sowie von Nord-und Lateinamerika im Zeitraum von etwa 1650 bis 1800.

Diese europäische Aufklärung war sehr heterogen. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Aufklärung war wohl die verstärkte Wendung zum eigenen Verstand bzw. zur eigenen Vernunft, zum Menschen, zum Individuum und zur Geschichte. Dazu gehörte auch die weitere Ausdifferenzierung zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen oder Disziplinen -etwa zwischen Völkerrecht, Moralphilosophie und Moraltheologie. Aufklärung war vor allem "Aufklärung des Verstandes", nämlich der selbstreflexive und kritische Kampf gegen Unwissenheit, Unverstand, Aberglauben und Vorurteile sowie die Klärung von Begriffen. Die Vertreter der europäischen Aufklärung hätten sich wohl nicht auf mehr als diesen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen können.

Skeptische Grundhaltung

Es gab je nach Land teilweise gravierende Unterschiede. Innerhalb dieser Aufklärung kann zwischen verschiedenen Strömungen und Konzeptionen unterschieden werden. "Aufklärung durch Wissenschaft" war die Kurzformel für das szientistische Aufklärungsmodell vor allem der französischen Enzyklopädisten. "Aufklärung als Emanzipation" beinhaltete die Befreiung von verschiedenen Formen der Bevormundung, von sozialen, religiösen, politischen oder kulturellen Fesseln und Unfreiheiten, die sich vor dem "Forum der Vernunft" nicht begründen lassen konnten. Schließlich betonten späte Aufklärer wie Kant die "Aufklärung der Vernunft", nämlich das reflexive, vor allem selbstreflexive Selbstdenken. Sie kritisierten etwa das Modell der "Aufklärung durch Wissenschaft" als einseitig und reduktionistisch.

Einem verbreiteten Klischee zufolge war die europäische Aufklärung "vernunftgläubig": sie habe Gefühle und Emotionen abgelehnt oder bekämpft. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich auch hier wieder unterschiedliche Ansätze: von rationalistischen Zugängen bis zu einer "Verteidigung" von Gefühlen. In einem Punkt können die Aufklärer aber wohl als "rationalistisch" bezeichnet werden: Die überwiegende Mehrheit suchte nach den Grenzen der Vernunft und damit der Erkenntnis.

Viele Aufklärer benutzten in ihren diskursiven Auseinandersetzungen den Humor, die Satire, die Parodie oder den Zynismus als "Waffen" - wahrscheinlich mehr, als das in früheren oder späteren Epochen der Fall war. Auffallend sind auch bestimmte Einstellungen oder Denkmuster: die Bereitschaft, einen Perspektivenwechsel durchzuführen, die erweiterte Denkart und eine skeptische Grundhaltung. Als Beispiel kann Rousseau gelten, der -obwohl er selbst eine Zeitlang Mitarbeiter der berühmten Encyclopédie war -eine scharfe Kritik an deren methodischen Annahmen formulierte.

Häufig wird "der" Aufklärung vorgeworfen, sie habe zu Unmoral und Gottlosigkeit geführt. In diesem Zusammenhang fallen dann Namen wie der Marquis de Sade oder der Baron d'Holbach. Diese sind für den Mainstream der Aufklärung allerdings nicht repräsentativ. Die gelungene Aufklärung sollte in normativer Hinsicht vor allem in zwei Bereichen gesehen werden. Erstens in der Begründung des modernen Rechtsstaats und der Toleranz, zweitens in der Kritik an der Sklaverei und dem Plädoyer für Menschenrechte und Kosmopolitismus. So schaffte es die Kritik religiös motivierter Abolitionisten (die die Abschaffung von Sklaverei und Sklavenhandel forderten) und von Evangelikalen in England, seit den 1780er Jahren breite Volksschichten für ihre Agenda zu gewinnen. Ein Historiker sprach hier mit einiger Berechtigung von der ersten internationalen Menschenrechtsbewegung. Die Abolitionisten entwickelten in einer entstehenden Öffentlichkeit friedliche Methoden der Einflussnahme wie Petitionen, Poster, Zeitschriftenartikel oder den Konsumboykott.

Nie am Ende, nie gescheitert

Auch das verbreitete Klischee von der religionsfeindlichen europäischen Aufklärung ist in Frage zu stellen. Der Mainstream kritisierte häufig Theologie, religiösen Fanatismus oder die Amtskirchen, beteiligte sich aber gleichzeitig an der philosophischen Reflexion über die so genannte natürliche Religion. In den Worten von Albrecht Beutel "sah sich das konfessionell plurale Christentum zur Ausbildung von transkonfessionell tragfähigen ethischen Grundlagen (Vernunft, Naturrecht, natürliche Religion) gedrängt und ermächtigt" - vor dem Hintergrund der Religionskriege des 17. Jahrhunderts und angesichts der Tatsache eines konfessionell zersplitterten Europas.

Ist die Aufklärung relevant für die Gegenwart? Ja, wenn wir darunter die kritische Frage nach den Grenzen unserer Erkenntnis verstehen. Ja, wenn wir darunter den Kampf gegen Ignoranz, Vorurteile, Fanatismus und dogmatische Positionen verstehen, in den Bereichen der Wissenschaften, der Politik oder der Religionen. Ja, wenn wir darunter das Bemühen um differenziertes Denken und Urteilen in einer Zeit verstehen, die auch von Klischees, Pauschalurteilen, Filterblasen, Echokammern und fake news gekennzeichnet ist.

Ist die Aufklärung gescheitert? Auch diese plakative Frage sollte differenziert beantwortet werden. Verstehe ich Aufklärung als einen Prozess und einen Kampf gegen eine vielköpfige Hydra, wo Vorurteile, Halbbildung, Unwissenheit, Aberglauben, Fanatismus, Dogmatismus und so weiter immer wieder nachwachsen? Wenn ja, dann kann sie nie an ihr Ende kommen. Sie kann aber auch nicht endgültig scheitern, solange es auf diesem Planeten Menschen gibt, die bereit sind, von ihrer eigenen Vernunft einen kritischen Gebrauch zu machen.

| Der Autor ist Dozent für Neuere Geschichte, Lehrbeauftragter an der Universität Wien, Buchautor und Gymnasiallehrer. Seine neue Monographie "Gescheiterte Aufklärung? Ein philosophischer Essay" ist dieser Tage erschienen (s. o.). |

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