Die Frage, ob in eine klassische kastilische Paella Zwiebeln gehören oder nicht, kann in einem Kriminalroman von Manuel Vázquez Montalbán die Gemüter gewaltig erhitzen. Der Sizilianer Andrea Camilleri hat seinen Kommissar Salvo Mont-albano nach dem spanischen Schriftstellerkollegen und KP-Genossen benannt, der in seinen Barcelona-Krimis die Verschmelzung von revolutionärem Anspruch, regionaler Eigenart und kultischer Feinschmeckerei zelebrierte.

Camilleris Montalbano wiederum hat eine Haushälterin, welche die apartesten Gerichte der autochthonen Küche für ihn bereitstellt, die er nach des Tages oft blutigen Mühen in andächtiger Stille und am liebsten allein verzehrt. Ein Männertraum: weibliche Versorgung auf höchstem Niveau und ohne Konversationszwang. Auch Donna Leons recht gewöhnlichem venezianischem Polizisten Brunetti sind die Mahlzeiten seiner Frau Paola Stütze und Halt in der Welt des Verbrechens.

Gaumenfreudige Schnüffler

Die literarische Verbindung von Schnüffler und Gaumenfreude hat Tradition. Agatha Christies Meisterdetektiv Hercule Poirot, bekanntlich als Belgier unter Briten geschmacklich herausgefordert, pflegt die Feinschmeckerei aus Passion und bedauert, ihr nur dreimal täglich frönen zu können. Eines anderen Belgiers Figur ist ein glühender Anhänger der französischen Küche: Georges Simenons Kommissar Maigret. Für ihn kocht Madame Maigret oder sein Freund Dr. Pardon. Wenn Maigret mit seiner Frau das befreundete Ehepaar besucht, tauschen die Damen Kochrezepte aus, während die Herren sich zurückziehen, um Wichtigeres zu besprechen.

Auch in heimischen Krimis wird viel gegessen und getrunken. Alfred Komarek macht in "Polt muß weinen“ seinen Weinviertler Inspektor Polt zum Diener einer archaischen Preßhaus- und Kellerreligion bedächtigen Genießens. "Millionenkochen“ heißt der Mira-Valensky-Krimi der Profiköchin Eva Rossmann über eine TV-Kochshow, "Ausgekocht“ ihre Mordgeschichte aus der Haubenlokalszene, und der Band "Kaltes Fleisch“ beschäftigte sich mit einem wichtigen Kochingredienz im Naturzustand - oder eben gerade nicht, nämlich als Supermarktware. Nicht zur appetitanregenden Sorte gehört auch Wolf Haas’ Schilderung der steirischen Backhendl-Massenausspeisung in "Der Knochenmann“, wo das Hendl beim Löschenkohl "nach allem möglichen“ schmeckt, "nur nicht nach Hühnerfleisch“.

Boom der Koch-Krimis

Der Siegeszug der hedo-nistischen Lifestyle-Kultur leitete in den 1990er Jahren den Boom der Koch-Krimis ein. Gefragt sind Kochrezepte im Buch, die die Spannung mildern, den Tod verharmlosen und den Tourismus fördern. Verlage bringen längst eigene krimiaffine Kochbücher heraus, von "Simenon und Maigret bitten zu Tisch“, über Montalbáns "Unmoralische Rezepte“ und Eva Rossmanns "Mira kocht“ bis zur Rezeptsammlung "Zum Sterben gut“, die Patricia Cornwall ihrer kochfreudigen Pathologin Kay Scarpetta untergeschoben hat.

Gemäß Ludwig Feuerbachs Diktum "Der Mensch ist, was er ißt“ dient Ess- und Trinkbares im Krimi dazu, den Helden zu charakterisieren. Die Sinnesmenschen erhalten die kulinarische Kompetenz entweder zugesprochen, um ihre erotische zu unterstreichen (Montalbano), oder um deren Fehlen zu betonen: Poirot, Maigret oder auch der TV-Kommissar Benno Berghammer betreiben das Essen und Trinken unleugbar als erotisches Ersatzprogramm. Der Tod tritt beim "Bullen von Tölz“ als Störenfried auf, immer läutet das Handy, und Benno wird als ein bayerischer Tantalus von den Fleischtöpfen der Mutter geholt.

Ermittler und Ermitlerinnen leben ungesund. Im modernen US-Frauenkrimi essen die auf ihren Fall fixierten Detektivinnen viel Fastfood und Schokolade und sprechen vornehmlich "gekühltem“, wie gerne betont wird, Weißwein zu. Dagegen hält sich Christine Gräns querdenkende Klatschreporterin Anna Marx, der Schrecken der Gourmettempel, an den guten alten Whiskey, ganz nach der hartgesottenen Art des Philip Marlowe. Genuß als Mittel gegen Einsamkeit und Angst. Diäten fruchten bei der verfressenen Anna Marx genauso wenig wie bei Montalbáns Detektiv Pepe Carvalho, auch "Maigret auf Kur“ bleibt eine Episode. Der Philosoph Michel Onfray hat den Hedonismus die "Kunst der Todesverachtung“ genannt. Wer isst, fühlt sich lebendig. Für seinen Commissario Montalbano, meinte Andrea Camilleri, sei das Essen die Gegenwelt zum Tod.

Ermittler essen meist allein. Das war früher gleichermaßen Privileg der Könige und Symptom verrufenen Schlemmens. Essen ist, trotz aller Magie des runden Tisches, ein zutiefst unsozialer Akt, denn, wie Georg Simmel in "Soziologie der Mahlzeit“ treffend festgestellt hat: "Was einer isst, kann kein anderer essen.“ Im Mittelalter wurde die Todsünde der Völlerei oft in Gestalt des einsamen Essers dargestellt. Wenn der Ermittler isst, dann isst er immer eine Art Leichenschmaus: Er gehört zu den Überlebenden - wie die Leser.

Stilvolle Vergiftungen

Kochen und Essen verleihen dem analytischen Krimiskelett buchstäblich etwas Fleisch. Oft sind sie wesentlicher Teil der Handlung, etwa bei einer stilvollen Vergiftung mit Fliegenpilzen (Eva Rossmann), die freilich eher als Rauschmittel taugen. Ein Sammelband hat den vielversprechenden Titel "Mord mit Messer und Gabel. 34 Krimis. 99 Rezepte“: die deutsche Hausfrau als fröhliche Killerin.

Ein besonders zelebriertes Mahl kann einen Höhepunkt markieren, wie in Friedrich Dürrenmatts Klassiker "Der Richter und sein Henker“, wo das Essen am Schluss zum Duell zwischen Täter und Verfolger wird: Kommissar Bärlach überführt den Polizisten Tschanz bei einem gargantuesken Abendessen des Mordes. Bärlach ist todkrank und will noch einmal hemmungslos essen: Hors d’oevre, Salate, Pasteten, Kotelettes, Käse. In seinem letzten Abendmahl isst Bärlach gegen den Tod an: Seine unstillbare Gier ist pure Gier nach dem Leben. Der scheinbar Schwächere erweist sich als der Stärkere. Der Gesunde, der die Speisen nicht anrührt, erleidet die Symptome, die sich beim Kranken nicht einstellen. So gelingt eine symbolische Einverleibung des Gegners: Tschanz wird von Bärlach unter den Tisch gegessen.

Wer Fleisch verzehrt, steht metaphorisch immer im Verdacht des Kannibalismus, der auch die Krimiautoren beschäftigt. Wolf Haas jubelt in "Der Knochenmann“ den Backhuhn-Essern Menschenfleisch unter - es gilt, Leichen zu entsorgen - und löst damit am Schluss die anfängliche Anspielung auf die Ex-Verlobte des Detektivs Simon Brenner auf, die immer so gern die Knochen abgenagt hat: "Kannibale nichts dagegen.“

Als Esser ist der Polizist nicht nur Hedonist und Selbsttröster, sondern auch Mörder. Schließlich, meinte Krimiautor Montalbán, beruht auch die "Kunst des Kulinarischen auf einem vorangegangenen Mord unter Einsatz sämtlicher Tücken“. Nur dass die Gräuel in der Küche ungeahndet bleiben. Wie die Zwiebeln in der Paella.

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