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Feuilleton

Der Lawinentiger vom Schneeberg

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn die Lawinengefahr für Bergstraßen oder Skipisten zu groß wird, schlägt die Stunde der Kommissionen. Unterwegs mit einem Melder und einem Sprengkommando in Niederösterreich.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn die Lawinengefahr für Bergstraßen oder Skipisten zu groß wird, schlägt die Stunde der Kommissionen. Unterwegs mit einem Melder und einem Sprengkommando in Niederösterreich.

Es ist dunkel, es ist kalt, es ist 6 Uhr in der Früh, das vorhergesagte Sturmtief mit Schneefall und Sturm im Bergland ist schon da, und Karl Tisch macht sich fertig zur Lawinenjagd. Tisch, den sie aufgrund seiner Leidenschaft für den Berg "Schneeberg Koarl" nennen, ist Wetter-und Lawinen-Melder vom Lawinenwarndienst Niederösterreich. Die massiven Schneefälle Mitte Jänner machten eine Lawinensprengung in den Schneebergwänden notwendig, um einen sicheren Sessellift-,Pistenund Tourenbetrieb zu gewährleisten. "Es ist ein Jahrhundert-Winter mit Schneehöhen von 1,80 Metern am Kuhschneeberg, mit Wechten so hoch wie Schutzhütten und Lawinenwarnstufen, wie man sie sonst nur aus Westösterreich kennt", sagt Tisch; und wenn der "Schneeberg-Hausmeister" diesen Winter als einen bezeichnet, "den ich echt so noch nicht gesehen habe", will das was heißen.

Was das für die Lawinengefahr bedeutet, hat der niederösterreichische Skipionier Mathias Zdarsky, einmal selbst nach einem Lawinenunfall mit 80 Knochenbrüchen geschlagen, bereits vor 100 Jahren gewarnt: "Der so unschuldig weiße Schnee ist nicht ein Wolf im Schafspelz, sondern ein Tiger im Lammfell." Um diesen Lawinen-Tiger in den Schneeberg-Flanken abzuschießen, steigen der Lawinenmelder, Bergrettungsmänner, Bergführer und Sprengmeister des Landesfeuerwehrkommandos den Fadensteig hinauf. Im Sommer eine steile Bergwanderung, im Winter bei Eis-, Schnee-und Sturmbedingungen eine Extremtour. 50 Extra-Kilos wiegt das für die Lawinensprengung notwendige Einsatzmaterial in den Rucksäcken. Ziel der Sprengexpedition ist das Fadendreieck, wo der für Skitouristen gefährlich mit Schnee geladene Steilhang samt Rinne seinen Ausgang nimmt.

Kartuschen mit Gas

Lawinen-Sprengungen sind an exponierten Stellen nichts Außergewöhnliches. Viele Regionen, zum Beispiel am Arlberg, in Ischgl oder auf der Silvretta verfügen über fixe Sprengsysteme. Die Vorrichtungen werden vor der Saison montiert und die Kartuschen mit Gas oder Sprengstoff gefüllt, erklärte die Lawinen-Expertin Ingrid Reiweger von der Universität für Bodenkultur in Wien im APA-Gespräch diese Fernzündungen. Nach Abschuss werden die Sprengsysteme beim nächsten guten Wetter neu befüllt. Ein Nachteil dieser Lawinenjagden per Fernbedienung ist laut Reiweger: "Sie sind teuer und aufwendig im Unterhalt." Nicht billiger, dafür flexibel bei den Einsatzorten und schneller ist die Lawinensprengung vom Hubschrauber aus. Der Sprengstoff wird im Hubschrauber entsichert und in den Hang geworfen. Doch Flugminuten sind teuer, außerdem kann nur bei gutem Wetter geflogen werden. Karl Tisch und sein Team rücken auch bei Sturm und Schneefall aus. Über diese klassische Lawinen-Jagd sagt Reiweger: "Dazu braucht es viel Erfahrung von Sprengstoffmeistern und Fingerspitzengefühl. Die Sprengung ist nicht ungefährlich, aufwendig und teuer."

Das Einsatz-Team ist am Fadendreieck angekommen. Das Thermometer zeigt minus zehn Grad, Windstärke 90 km/h, Schneetreiben, Nebel Ein Bergführer wird angeseilt und quert in den mit Schneemassen gefüllten Steilhang. Ein Lerchenast dient als Halterung für die wie rote Würste ausschauenden Sprengladungen. "Je mehr Luft zwischen Sprengstoff und Schneedecke ist, desto besser für die Sprengwirkung", erklärt Tisch. Lawinit und Zünder werden an den Stock gebunden, eine Zündschnur gelegt, alle gehen hinter den Felsen in Deckung. Ein Sturmfeuerzeug zündet den entscheidenden Funken und: "Rrrrummms!" Durch die Schneedecke schnalzt ein Riss, ein Schneebrett löst sich, donnert Wand und Rinne hinunter, reißt Schnee und Stauden mit sich

"Den Bummser hört man bis Puchberg", sagt Tisch. Die Sprengung war erfolgreich, der Schneehang entladen, der Lawinen-Tiger erlegt. Das Sprengkommando macht sich an den nicht ungefährlichen Abstieg.

Die extremen Einsatzbedingungen sind mit ein Grund, dass die Bergrettung in Puchberg am Schneeberg mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, sagt Tisch. Die Feuerwehr sei für junge Leute attraktiver. Im Feuerwehrauto zum Einsatz zu fahren, ist auch angenehmer, "als bei Schlechtwetter, Dunkelheit, in der Nacht, in der Früh über Steilflanken aufzusteigen", versteht Tisch die Motivation der Jugend. Warum ist er dann mit 15 Jahren zur Bergrettung gegangen und hat sich zum Berg-und Flugretter, zum Einsatz-und Ortsstellenleiter der Bergrettung, zum hochalpinen Lehrwart sowie Wetter-und Lawinenmelder ausbilden lassen -und führt alle diese Tätigkeiten ehrenamtlich aus? Tisch: "Wir sind als mehrere Gleichaltrige zur Bergrettung gegangen und die Ausbildungen, die Einsätze, das Vertrauen und die Kameradschaft haben uns zusammengeschweißt - so bin ich auf den Geschmack gekommen."

Ein Berggenuss, der ihn neben seinem Beruf als Verschub-Lokführer im Winter mindestens jeden zweiten Tag auf "seinen" Schneeberg treibt, um Lawinenprofile in den Hängen zu graben, Aufbau und Festigkeit der Schneedecken zu bestimmen und seine Auswertungen an den Lawinendienst zu schicken. Der Schneeberg ist aufgrund seiner exponierten Lage als östlichster Zweitausender der Alpen besonders windanfällig, sagt Tisch und: "Der Wind ist der Baumeister der Lawinen!"

Muster bei Lawinenunfällen

Lockerer Schnee und Wind ist das am häufigsten auftretende Gefahrenmuster, bei dem die in Summe meisten Lawinenunfälle passieren, schreiben Rudi Mair, Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol, und sein Stellvertreter Patrick Nairz in ihrem Standardwerk zur Schnee-und Lawinenkunde "Lawine. Die entscheidenden Probleme und Gefahrenmuster erkennen" (Tyrolia 2018). Hier gehöre dringend in der Ausbildung angesetzt, weil es sich um ein recht offensichtliches Gefahrenmuster handelt, welches mit etwas Erfahrung in den allermeisten Fällen erkennbar sein sollte, heißt es bei Mair/Nairz.

Der "Schneeberg-Koarl" fordert Skitouristen ebenfalls auf, die Notfallausrüstung wie Lawinenpieps nicht nur zu kaufen, sondern den Umgang damit zu trainieren. Und bei den Lawinenlageberichten sei es wichtig, die Texte zu studieren und sich nicht auf die Bilder zu beschränken. "Jeden Winter aufs Neue stehen wir vor Schneelöchern, in denen kurz zuvor Menschen ihr Leben verloren haben", beschreiben die Lawinenexperten Mair und Nairz den Anlass für ihr Lehrbuch, denn "es stimmt nachdenklich, noch dazu wenn wir erkennen, dass Menschen immer wieder in dieselben Fallen tappen".

Lawinen lösen sich regelmäßig unter denselben Voraussetzungen zu ähnlichen Zeiten und an denselben Orten. Mair und Nairz decken diese Gefahrenmuster auf - wer sie beachtet, kann den Lawinen- Tiger nicht bändigen, ihm aber ausweichen. Und wenn er wieder wild zu werden droht, steigen Karl Tisch und sein Sprengteam in die Steilhänge des Schneebergs hinauf. Dieser Sprengeinsatz fand nach sieben Stunden bei einem Bier in der Edelweißhütte ein gutes Ende. Und die Schneebergler waren sich in der Meinung eines anderen Lawinen-Jägers einig: "Experte, pass auf! Die Lawine weiß nicht, dass du Experte bist!"

Es ist dunkel, es ist kalt, es ist 6 Uhr in der Früh, das vorhergesagte Sturmtief mit Schneefall und Sturm im Bergland ist schon da, und Karl Tisch macht sich fertig zur Lawinenjagd. Tisch, den sie aufgrund seiner Leidenschaft für den Berg "Schneeberg Koarl" nennen, ist Wetter-und Lawinen-Melder vom Lawinenwarndienst Niederösterreich. Die massiven Schneefälle Mitte Jänner machten eine Lawinensprengung in den Schneebergwänden notwendig, um einen sicheren Sessellift-,Pistenund Tourenbetrieb zu gewährleisten. "Es ist ein Jahrhundert-Winter mit Schneehöhen von 1,80 Metern am Kuhschneeberg, mit Wechten so hoch wie Schutzhütten und Lawinenwarnstufen, wie man sie sonst nur aus Westösterreich kennt", sagt Tisch; und wenn der "Schneeberg-Hausmeister" diesen Winter als einen bezeichnet, "den ich echt so noch nicht gesehen habe", will das was heißen.

Was das für die Lawinengefahr bedeutet, hat der niederösterreichische Skipionier Mathias Zdarsky, einmal selbst nach einem Lawinenunfall mit 80 Knochenbrüchen geschlagen, bereits vor 100 Jahren gewarnt: "Der so unschuldig weiße Schnee ist nicht ein Wolf im Schafspelz, sondern ein Tiger im Lammfell." Um diesen Lawinen-Tiger in den Schneeberg-Flanken abzuschießen, steigen der Lawinenmelder, Bergrettungsmänner, Bergführer und Sprengmeister des Landesfeuerwehrkommandos den Fadensteig hinauf. Im Sommer eine steile Bergwanderung, im Winter bei Eis-, Schnee-und Sturmbedingungen eine Extremtour. 50 Extra-Kilos wiegt das für die Lawinensprengung notwendige Einsatzmaterial in den Rucksäcken. Ziel der Sprengexpedition ist das Fadendreieck, wo der für Skitouristen gefährlich mit Schnee geladene Steilhang samt Rinne seinen Ausgang nimmt.

Kartuschen mit Gas

Lawinen-Sprengungen sind an exponierten Stellen nichts Außergewöhnliches. Viele Regionen, zum Beispiel am Arlberg, in Ischgl oder auf der Silvretta verfügen über fixe Sprengsysteme. Die Vorrichtungen werden vor der Saison montiert und die Kartuschen mit Gas oder Sprengstoff gefüllt, erklärte die Lawinen-Expertin Ingrid Reiweger von der Universität für Bodenkultur in Wien im APA-Gespräch diese Fernzündungen. Nach Abschuss werden die Sprengsysteme beim nächsten guten Wetter neu befüllt. Ein Nachteil dieser Lawinenjagden per Fernbedienung ist laut Reiweger: "Sie sind teuer und aufwendig im Unterhalt." Nicht billiger, dafür flexibel bei den Einsatzorten und schneller ist die Lawinensprengung vom Hubschrauber aus. Der Sprengstoff wird im Hubschrauber entsichert und in den Hang geworfen. Doch Flugminuten sind teuer, außerdem kann nur bei gutem Wetter geflogen werden. Karl Tisch und sein Team rücken auch bei Sturm und Schneefall aus. Über diese klassische Lawinen-Jagd sagt Reiweger: "Dazu braucht es viel Erfahrung von Sprengstoffmeistern und Fingerspitzengefühl. Die Sprengung ist nicht ungefährlich, aufwendig und teuer."

Das Einsatz-Team ist am Fadendreieck angekommen. Das Thermometer zeigt minus zehn Grad, Windstärke 90 km/h, Schneetreiben, Nebel Ein Bergführer wird angeseilt und quert in den mit Schneemassen gefüllten Steilhang. Ein Lerchenast dient als Halterung für die wie rote Würste ausschauenden Sprengladungen. "Je mehr Luft zwischen Sprengstoff und Schneedecke ist, desto besser für die Sprengwirkung", erklärt Tisch. Lawinit und Zünder werden an den Stock gebunden, eine Zündschnur gelegt, alle gehen hinter den Felsen in Deckung. Ein Sturmfeuerzeug zündet den entscheidenden Funken und: "Rrrrummms!" Durch die Schneedecke schnalzt ein Riss, ein Schneebrett löst sich, donnert Wand und Rinne hinunter, reißt Schnee und Stauden mit sich

"Den Bummser hört man bis Puchberg", sagt Tisch. Die Sprengung war erfolgreich, der Schneehang entladen, der Lawinen-Tiger erlegt. Das Sprengkommando macht sich an den nicht ungefährlichen Abstieg.

Die extremen Einsatzbedingungen sind mit ein Grund, dass die Bergrettung in Puchberg am Schneeberg mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, sagt Tisch. Die Feuerwehr sei für junge Leute attraktiver. Im Feuerwehrauto zum Einsatz zu fahren, ist auch angenehmer, "als bei Schlechtwetter, Dunkelheit, in der Nacht, in der Früh über Steilflanken aufzusteigen", versteht Tisch die Motivation der Jugend. Warum ist er dann mit 15 Jahren zur Bergrettung gegangen und hat sich zum Berg-und Flugretter, zum Einsatz-und Ortsstellenleiter der Bergrettung, zum hochalpinen Lehrwart sowie Wetter-und Lawinenmelder ausbilden lassen -und führt alle diese Tätigkeiten ehrenamtlich aus? Tisch: "Wir sind als mehrere Gleichaltrige zur Bergrettung gegangen und die Ausbildungen, die Einsätze, das Vertrauen und die Kameradschaft haben uns zusammengeschweißt - so bin ich auf den Geschmack gekommen."

Ein Berggenuss, der ihn neben seinem Beruf als Verschub-Lokführer im Winter mindestens jeden zweiten Tag auf "seinen" Schneeberg treibt, um Lawinenprofile in den Hängen zu graben, Aufbau und Festigkeit der Schneedecken zu bestimmen und seine Auswertungen an den Lawinendienst zu schicken. Der Schneeberg ist aufgrund seiner exponierten Lage als östlichster Zweitausender der Alpen besonders windanfällig, sagt Tisch und: "Der Wind ist der Baumeister der Lawinen!"

Muster bei Lawinenunfällen

Lockerer Schnee und Wind ist das am häufigsten auftretende Gefahrenmuster, bei dem die in Summe meisten Lawinenunfälle passieren, schreiben Rudi Mair, Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol, und sein Stellvertreter Patrick Nairz in ihrem Standardwerk zur Schnee-und Lawinenkunde "Lawine. Die entscheidenden Probleme und Gefahrenmuster erkennen" (Tyrolia 2018). Hier gehöre dringend in der Ausbildung angesetzt, weil es sich um ein recht offensichtliches Gefahrenmuster handelt, welches mit etwas Erfahrung in den allermeisten Fällen erkennbar sein sollte, heißt es bei Mair/Nairz.

Der "Schneeberg-Koarl" fordert Skitouristen ebenfalls auf, die Notfallausrüstung wie Lawinenpieps nicht nur zu kaufen, sondern den Umgang damit zu trainieren. Und bei den Lawinenlageberichten sei es wichtig, die Texte zu studieren und sich nicht auf die Bilder zu beschränken. "Jeden Winter aufs Neue stehen wir vor Schneelöchern, in denen kurz zuvor Menschen ihr Leben verloren haben", beschreiben die Lawinenexperten Mair und Nairz den Anlass für ihr Lehrbuch, denn "es stimmt nachdenklich, noch dazu wenn wir erkennen, dass Menschen immer wieder in dieselben Fallen tappen".

Lawinen lösen sich regelmäßig unter denselben Voraussetzungen zu ähnlichen Zeiten und an denselben Orten. Mair und Nairz decken diese Gefahrenmuster auf - wer sie beachtet, kann den Lawinen- Tiger nicht bändigen, ihm aber ausweichen. Und wenn er wieder wild zu werden droht, steigen Karl Tisch und sein Sprengteam in die Steilhänge des Schneebergs hinauf. Dieser Sprengeinsatz fand nach sieben Stunden bei einem Bier in der Edelweißhütte ein gutes Ende. Und die Schneebergler waren sich in der Meinung eines anderen Lawinen-Jägers einig: "Experte, pass auf! Die Lawine weiß nicht, dass du Experte bist!"