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Der letzte Tag dieser Menschheit

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Mit dem filmischen Kammerspiel "The Party" gelingt der britischen Filmemacherin Sally Potter eine ebenso schonungslose wie kurzweilige Zeitdiagnose einer leider ganz aktuellen Lost Generation.

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Mit dem filmischen Kammerspiel "The Party" gelingt der britischen Filmemacherin Sally Potter eine ebenso schonungslose wie kurzweilige Zeitdiagnose einer leider ganz aktuellen Lost Generation.

Das filmische Kammerspiel ist eine Kunstform, die nur scheinbar einfach zu realisieren ist. Der britischen Regisseurin Sally Potter gelingt dieses in "The Party" aber vorzüglich: eine exzeptionelle Satire auf das Elend der britischen Snobiety - und zwar durchaus (wenn auch nicht ganz eindeutig) linksliberaler Provenienz. Was die hier in einem Raum versammelten vier Paare (eines davon nur in Gestalt des gehörnten Ehemannes präsent) innerhalb von gerade 71 Minuten an Zynismus, Lebens- und Gesellschaftsüberdruss sowie an versteckten bis offenen Bosheiten aufs Publikum loslassen, ist eine wirkliche Freud. Auch wenn einem mehr als einmal das Lachen im Hals steckenbleibt.

Vom und hin zum Knalleffekt

Schon der Beginn von "The Party" ist ein Knalleffekt, richtet die Gastgeberin des titelgebenden Events ihre Pistole hier schnurstracks gen Zuschauerraum; doch der folgende Mord (oder war es bloß eine Tötung im Affekt?) bleibt zunächst unerklärt. Einen Film lang überstürzen sich die Ereignisse, die sich dann final in Richtung der in der Eingangssequenz vorweggenommenen Dramatik entwickeln.

Janet (Kristin Scott Thomas) hat es geschafft: Die Oppositionspolitikerin ist ins Schattenkabinett aufgestiegen und firmiert dort als Gesundheitsministerin. Das soll nun in der Festivität mit den engsten Freunden gefeiert werden. Doch die entpuppen sich in jede Richtung hin voller Abgründe. Da ist April (unüberbietbar maliziös: Patricia Clarkson) mit ihrem vertrottelten und zu allem Überfluss noch deutschen Ehemann Gottfried (Bruno Ganz), dann das lesbische Paar Martha und Jinny, das soeben in anderen Umständen ist und sich auf Drillinge freut (oder darob bangt). Schließlich der Antiintellektuelle der Runde, Investmentbanker und Kokainist Tom, der sich physisch wie emotionell nicht unter Kontrolle hat, sowie Janets Gespons Bill, der scheinbar stupide vor sich hinsüffelt, dann aber dazu beiträgt, das Diabolische in jedem Individuum der illustren Runde zum Ausbruch zu bringen.

Was eine Konversationskomödie scheint, ist eine Aufdeckung aller möglichen Hohlheiten einer Gesellschaft, die den Glauben an sich und an die Zukunft verloren hat. Bigotter Feminismus kommt da ebenso aufs Tapet wie die anderen scheinbar ernsthaften Diskurse der letzten Jahre, die sich in diesem Setting aber eben als überbordende Banalitäten erweisen.

Zuneigung und Hass und vice versa

Selten wurden die Blasen einer Auseinandersetzung so rasant offenbar wie in dieser Konstellation, und ebenso atemlos lässt Sally Potter die Gefühlsachterbahnen zwischen Zuneigung und in der Sekunde danach abgrundtiefen Hass bloßlegen. Ein Feuerwerk an Pointen und Bosheiten, eine Fundgrube an politischen Wahrheiten und Oberflächlichkeiten sind da - örtlich wie zeitlich - auf engstem Raum versammelt.

Kein Wunder, dass Janet am Schluss die Pistole von Tom bemüht, diese Szenerie schreit geradezu nach einem Ende mit Knall und Fall. Oder spielt da die Fantasie den Streich, der alles Geschehen erst wieder fraglich erscheinen lässt? Großartig unwirklich das Ganze, das Potter in der Fulminanz auch noch dadurch unterstreicht, dass sie "The Party" in Schwarzweiß, die Metapher des Artifiziellen, gefilmt hat.

The Party

GB 2017. Regie: Sally Potter. Mit Kristin Scott Thomas, Patricia Clarkson, Bruno Ganz, Cillian Murphy, Timothy Spall. Filmladen. 71 Min.

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