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Der letzte Wiener Mohikaner

Dass er der Letzte seines Schlages war, diese traurige Gewissheit vermittelte David Axmann (1947-2015) bereits zu Lebzeiten. Er stand in der Reihe eines Daniel Spitzer, Karl Kraus, Alfred Polgar, Robert Neumann, Friedrich Torberg. Meisterhaft beherrschte er, was Kraus als die Kunst des Feuilletons definierte: auf einer Glatze Locken zu drehen. Schlichtweg zu jedem Thema fiel ihm etwas ein, und immer war es etwas Eigenwilliges und Tiefgründiges, brillant Formuliertes, virtuos Gedichtetes. Ihn prägten die deutsche wie die hebräische Sprache, die wienerische Angst vor dem Tiefsinn, der jüdische Witz als Äquivalent von Geist und die schmerzhafte Verbundenheit mit dem "angeblich so wunderbaren, Heiligen Land". Axmann war Spezialist für die Philosophie Martin Bubers, die Kabbala und die Wiener Austria.

Als Kultur- und später Chefredakteur des von Jörg Mauthe 1980 gegründeten Wiener Journal versammelte er eine Schar spracherotisch affizierter junger, mittelalter und ganz alter Schreiber, von Helmut Ploebst und Michael Amon bis zu Herbert Eisenreich und Edwin Hartl, die aus dem querdenkerisch-konservativen Blatt eine intellektuelle Spielwiese machten, die dem Haider-Österreich auch einen politischen Kontrapunkt setzte. Die Glanzstücke des Wiener Journal waren freilich Axmanns Parodien und Persiflagen.

Der Unzeitgemäße aus skeptischer Überzeugung wurde hierzulande "grotesk unterschätzt" (Amon). Die amtierende Leitung der "Wiener Zeitung" behandelte ihn schnöde, öffentliche Würdigungen blieben aus. Als Miguel Herz-Kestranek ihn vor einigen Jahren zu einer Publikation bewegen wollte, schrieb David Axmann in typisch bescheidener Unbescheidenheit: "Mit einem Sammelband aus dem verstaubten Fundus möchte ich allerdings noch etwas zuwarten. Spätestens zu meinem Hunderter wär's freilich an der Zeit."

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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