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Der liebe Gott ist nicht nur einfach lieb

Eine heutige Auslegung der Bibel darf bei der Rede von Gott die Kategorien von Strafe und Zorn nicht ausblenden. Auch die ausschließliche Zuweisung, das Alte Testament rede von einem „Gott der Strafe“, das Neue hingegen von einem „Gott der Liebe“, ist grundfalsch.

„Mein Auge wird kein Mitleid zeigen und ich werde keine Schonung üben ... So tobt sich mein Zorn aus und ich stille meinen Grimm an ihnen und verschaffe mir Genugtuung“ – lesen wir in einem an Jerusalem gerichteten Gerichtswort des Propheten Ezechiel (5,11). Bezüglich der Rede von Zorn und Gericht Gottes lassen sich in den zurückliegenden 60 Jahre drei Phasen unterscheiden. Im vorkonziliaren „grünen Katechismus“ von 1955 wird der katholische Glaube in der Beantwortung von 248 Fragen dargestellt. Frage 18 lautet: „Warum sagen wir: Gott ist gerecht?“ Antwort: „Wir sagen: Gott ist gerecht, weil er das Gute belohnt und das Böse bestraft, wie es ein jeder verdient.“ Hier wird in aller Nüchternheit von der Strafe Gottes gesprochen. Im Römischen Messbuch, in seiner Gültigkeit von 1570 bis 1962, war in der Messe für Verstorbene als Sequenz das berühmte „Dies irae“ vorgesehen. Hier wird der bevorstehende Tag des Herrn erwartet als „ein Tag des Zornes, ein Tag der Not und Bedrängnis ... Da jage ich den Menschen Angst ein, sodass sie wie blind umherlaufen; denn sie haben sich gegen den Herrn versündigt.“

Auch von Gottes Strafe und Zorn sprechen

Mit der Liturgiereform des II. Vatikanums ist die Sequenz aus dem Messbuch entfernt worden. Als Begründung lesen wir im Lexikon für Theologie und Kirche 1995 (3, 219): „Der düster wirkende Gesang ist geprägt von Heilsangst angesichts des göttlichen Strafgerichts ... Wegen des vorherrschenden Gerichtsmotivs ist das Dies irae kaum geeignet, den, österlichen Sinn des christlichen Todes‘ auszudrücken.“ Damit wird eine zweite Phase treffend gekennzeichnet: Die Rede vom Zorn und von der Strafe Gottes tritt zugunsten der Rede von seiner Liebe und seinem rettenden Handeln zurück. In weiten Bereichen der theologischen und katechetischen Rede ging diese Entwicklung so weit, dass von der Strafe und vom Zorn Gottes bald gar nicht mehr gesprochen wurde. Gott war einfach nur lieb.

Hier setzte nun in allerjüngster Zeit erneut eine Gegenbewegung ein. Vor allem aufgrund des biblischen Befundes wurde klar, dass eine Rede von Gott, welche die Kategorien von Strafe und Zorn theologisch nicht mehr einzuholen vermag, angesichts der biblischen Überlieferung defizitär bleibt.

Vom biblischen Befund her gesehen stellt sich damit die theologische Aufgabe, das strafende und rettende Handeln Gottes in rechter Weise einander zuzuordnen. Eine verbreitete, aber theologisch unhaltbare Verhältnisbestimmung verteilt die beiden Seiten Gottes auf das Alte und das Neue Testament: Das Alte Testament verkünde den Gott der Strafe und des Gerichts, Jesus aber zeige uns das menschenfreundliche Antlitz Gottes, er offenbare uns den Gott der Liebe. Diese Gegenüberstellung ist grundfalsch und wird von keinem ernst zu nehmenden Theologen vertreten. Die Menschenfreundlichkeit Gottes besteht darin, dass er sein Volk besucht, um ihm Erlösung zu verschaffen. Die Menschenfreundlichkeit Gottes besteht darin, dass er kommt. Das ist im Alten Testament nicht anders als im Neuen Testament.

Rückgriff auf das Modell der Erziehung

Die Strafe Gottes ergibt sich aus der Reaktion seines Volkes auf sein Kommen. Das im Hintergrund stehende Konzept lässt sich im Rückgriff auf das Modell der Erziehung veranschaulichen. In idealtypischer Vereinfachung gesprochen sind (kleine) Kinder, um zu überleben, auf die Zuwendung ihrer Eltern angewiesen. Würden sie diese ablehnen, gingen sie zugrunde. Wird die Zuwendung „gebrochen“, entsteht auf Seiten der Betroffenen der Eindruck von Strafe. Dies ist eines der Modelle, nach dem die Bibel das Verhältnis Gottes zu seinem Volk und letztlich zu allen Menschen versteht.

Vor allem die Propheten sahen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass das Volk die liebende Zuwendung seines Gottes ablehnt. „Ich habe Söhne großgezogen und emporgebracht, doch sie sind von mir abgefallen“ (Jes 1,2). „Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg“ (Hos 11,2).

Im 8.–6. Jahrhundert wurde Israel von politischen Katastrophen heimgesucht: Das Nordreich wurde von den Assyrern, das Südreich von den Babyloniern erobert und ein großer Teil der Bevölkerung ins Exil verschleppt. Die Katastrophe wurde jedoch nicht als ein Schicksalsschlag ohne Bedeutung angesehen. Die Katastrophe machte sichtbar, was in breiten Teilen der Gesellschaft über Jahrzehnte hin verschleiert wurde. Einzelne Propheten hatten bereits darauf hingewiesen, wurden aber kaum gehört. Jetzt konnte es nicht mehr geleugnet werden: Israel wurde in der Katastrophe mit seiner Gottlosigkeit konfrontiert: „Wir haben gesündigt und getrotzt, du aber hast nicht vergeben. Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt, getötet und nicht geschont“ (Klg 3,42–43).

Das Unheil wurde als Strafe Gottes verstanden. Die Strafe steht hier aber nicht isoliert in sich. Sie ist Teil eines komplexen, schmerzhaften kommunikativen Prozesses, der zu einer erneuerten, vertieften und erlösenden Gemeinschaft mit Gott führen sollte. Die Betroffenen sollen über die zunächst unverständliche Katastrophe zur Selbsterkenntnis und zur Gotteserkenntnis geführt werden: „Prüfen wir unsere Wege, erforschen wir sie und kehren wir um zum Herrn“ (Klg 3,40).

Darum geht es, wenn in der Bibel von der Strafe Gottes die Rede ist. Nicht an allen Stellen wird dieser Zusammenhang thematisiert; er ist aber durchgehend aus dem größeren Kontext heraus zu erschließen. Es ist demnach möglich, „Strafe Gottes“ als eine Form menschlicher Selbstzerstörung zu verstehen. In Ez 11,21 findet sich eine Deutung, die in diese Richtung weist: „Ihr Verhalten lasse ich auf sie selbst zurückfallen.“ Streng genommen fügt Gott hier denen, die sich anderen Göttern zuwenden, kein Unheil zu, sondern er bewirkt lediglich, dass das Unheil, das sie sich durch ihren Götzendienst verschaffen, auf sie selbst zurückfällt. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Unheil wirkenden Tatsphäre: Dadurch, dass jemand Böses tut, umgibt er sich mit einer Sphäre des Unheils. Irgendwann fällt sie auf ihn selbst zurück. So wird er Opfer einer Not, die er im Grunde selbst hervorgebracht hat.

Es gibt auch das Leiden der Unschuldigen

Die Rede von der Strafe Gottes ist eine sekundäre Redeweise. Sie ist und bleibt bezogen auf die Rede vom rettenden und erlösenden Handeln Gottes. In diesem Sinne ist sie allerdings unaufgebbar. Missverständnisse entstehen, wenn dieser Bezug nicht mehr bewusst ist.

Die biblische Tradition geht davon aus, dass sich das erwählte Volk – ja, „jeder Mensch“ (vgl. Gen 3) – von Gott abgewandt hat. Dabei sind sie in große Not geraten. Und immer noch wollen sie nicht einsehen, was zu ihrer Heilung führt. Aus dieser schmerzlichen Erfahrung heraus sind viele der zum Teil dramatischen Aussagen vom Zorn und von der Strafe Gottes zu verstehen. Keineswegs aber wird in der Bibel Unheil durchgehend als Strafe Gottes gedeutet. Es gibt das Leiden der Gerechten und der Unschuldigen – im Alten wie im Neuen Testament. Jesus belehrte seine Jünger, als sie einen Mann sahen, der seit seiner Geburt blind war: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Joh 9,3).

Der Schrei nach Gott – angesichts von Ungerechtigkeit und Leid

Auftakt-Veranstaltung zum Jahresthema der Theologischen Kurse. Referenten: Ludger Schwienhorst-Schönberger, Thomas Söding/Bochum.

Freitag, 16. Okt., 16–20 Uhr; Samstag, 17. Okt., 9–13 Uhr (Die Seminartage können auch einzeln besucht werden). Ort: Wien, Stephansplatz 3. Anmeldung (unbedingt notwendig) & Info:

Theologische Kurse, Tel. 01/51552-3108,

www.theologischekurse.at

Veranstaltung in Kooperation mit der FURCHE

* Der Autor ist Prof. f. Alttest. Bibelwissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät Wien

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