Der Lingkor von Hüttenberg

Am Fuß der Wand kommen wir zum Bagogaling, dem westlichen Eingangstor von Lhasa, der Hauptstadt Tibets. Das Tor hat die Form eines Stupa, eines buddhistischen Reliquienschreines. Über dem Tschörten wehen Tausende bunte Gebetsfahnen. Auf einem riesigen Thangka, einem Rollbild, ist Padmasambhava, der tibetische Lehrer, mit Almosenschale und Donnerkeil abgebildet. Ein paar Schritte noch, dann müßte der Potala zu sehen sein ...

Wir sind aber "nur" in Hüttenberg, wo Heinrich Harrer, Bezwinger der Eiger-Nordwand, Tibet-Flüchtling und Freund des Dalai Lama, einen Pilgerpfad in die Wand seines Heimatortes anlegen ließ. In Lhasa gibt es kein Westtor mehr. Die Roten Garden haben es während der Kultur-revolution zerstört. Und auch vom Lingkor, dem ursprünglich acht Kilometer langen Pilgerpfad um die heilige Stadt, sind nur noch Bruchstücke erhalten.

Chinesische Kasernen Im alten Tibet gab es unzählige Lingkors. Sie führten um den Kailas, den heiligen Berg, und um die Klosterstädte Drebung, Sera sowie Ganden, sie führten über 5.000 Meter hohe Pässe, durch Einöde, Eis und Schnee. Der wichtigste war aber der Pilgerpfad um den Jokhang, den heiligsten Tempel und religiöses Zentrum Tibets. Schließlich steht schon im Tempelführer des V. Dalai Lamas, daß man der Gefahr einer schlimmen Wiedergeburt entgeht, wenn man das Tempelkloster sieht. Falls man es zweimal sieht, wird man als Mensch verkörpert und falls man es sogar dreimal sieht, werden die Gifte der Seele vernichtet.

Einmal im Leben wollte deshalb jeder fromme Tibeter - ähnlich wie bei der Hadsch, der Pilgerfahrt der Moslems nach Mekka - den Potala, den Winterpalast seines Gottkönigs, sehen und den Lingkor durchmessen. Viele Nomadenfamilien zogen über Tausende Kilometer durch das riesige Land. Ihre gesamte Habe auf den Rücken der Yaks geschnürt, begleitet von einer Meute halbwilder Hunde waren sie oft monatelang unterwegs. Im vierten tibetischen Monat, dem Geburstmonat Buddhas, durften auch Gefangene in Eisenketten um den Lingkor pilgern und um Almosen betteln. Abends mußten sie aber wieder in ihr Gefängnis zurück.

Als Heinrich Harrer 30 Jahre nach seiner Flucht vor den Rotchinesen das erste und einzige Mal Tibet wiedersehen durfte, war er erschüttert. Tausende Klöster, Tempel und Pilgerpfade waren zerstört worden. Wo früher Nomaden und Bauern die Stadt im Uhrzeigersinn umrundeten, standen nun chinesische Mietskasernen. Wo früher Bettler und die Mutter des Dalai Lama, in der linken Hand die 108 Perlen der Gebetsschnur, in der rechten Hand eine Gebetsmühle drehend, beständig das "Om mani pad me hum" murmelten, patrouillierte nun chinesische Geheimpolizei. Wo früher Verbrecher und Feudalherren den Lingkor mit ihrer Körperlänge durchmaßen, indem sie sich beständig zu Boden warfen, wurde die Religion verboten.

Um diesem Werk der Vernichtung etwas entgegenzusetzen, entstand die Idee, weit weg vom Schneeland auf dem Dach der Welt, ein Stück Tibet wieder erstehen zu lassen.

Zentrale Gestalten des Hüttenberger Lingkors sind der tibetische Dichter und Asket Milarepa und der Mönch Padmasambhava, der im 8. Jahrhundert den Buddhismus von Indien nach Tibet brachte. Wir gehen durch das Westtor von Lhasa, das hier in Hüttenberg allerdings nach Osten ausgerichtet ist, und gelangen zu einer Mani-Mauer, einer aus Natursteinen aufgeschütteten Mauer, auf die die Pilger ihre Opfersteine legen. Diese Steinhaufen, meist haben sie an ihrer Spitze bunte Gebetsfahnen, sind ganz typisch für Tibet. Der Wind soll die auf den Gebetsfahnen aufgedruckten Gebete in alle Richtungen tragen. Unter den vielen Mani-Steinen finden wir auch einen ganz besonderen. In ihn sind heilige Silben eingraviert, er stammt von der Mutter des Dalai Lama. In Tibet selbst sind die meisten dieser der Mediation dienenden Mani-Mauern allerdings verschwunden.

Das "Om", ein weißes Zeichen auf rotem Grund umrandet von Blattwerk, öffnet uns den Weg. Die heilige Silbe steht am Beginn einer Verehrungsformel oder einer Meditation. In die Felswand gemalt finden wir wie im Himalaja die Mantras "Om mani padme hum" (Oh Juwel in der Lotusblüte). "Mani", das Juwel oder Kleinod, dient als Symbol für die Überwindung des ewigen Kreislaufes von Geburt und Tod. "Padme", der Lotus, selbst steht für geistige Entfaltung, Reinheit und das Heilige. Wie die Lotusblüte entfaltet der Mensch seine Fähigkeiten.

Über dem "Om" ist rot ein Spruch eingemeißelt, den die Gäste der Eröffnung des Pilgerpfades 1994 dem Dalai Lama zuriefen: "Kiki soso lha gye lo! Die Götter werden siegen!" Ein Schrei der Tibeter nach Religionsfreiheit, aber auch eine Mahnung, daß die Bergriesen des Himalajas als mystischer Sitz der Götter auch von überlegenen Armeen nicht besiegt werden können.

Sechs Jahre Askese Ein weißer Kadam Chörten, einem Stupa, der in Tibet als Hülle für Reliquien wie Asche, Knochen, Haare und Stoffteile dient, symbolisiert Buddhas Eingang ins Nirwana. Wir kommen zum mystischen Monogramm "Namchuwangdan", einem Talisman. Mit den heiligen Silben "Hum" und "Hrih" endet die Einführung in die tibetische Formenwelt.

Nun steigen wir auf einer silber glänzenden Alu-Stiege in die Wand ein. Die Treppe ist 500 Meter lang, überwindet einen Höhenunterschied von 80 Metern und führt uns zum Bildnis des Buddhas Sakyamuni, des Erwachten, des historischen Buddhas. Mit der eisernen Bettelschale der Mönche sitzt er mit gekreuzten Beinen auf dem Lotusthron. Siddharta Gautama, der historische Buddha und Religionsstifter, wurde 563 v. Chr. im indischen Lumbini geboren, gelangte nach sechs Jahren Askese zur Erleuchtung, indem er unsere Wünsche als Ursache allen Leidens erkannte und ging 483 v. Chr. ins vollkommene Verlöschen ein.

In einer kleinen Felsnische steht eine Bronzefigur des Padmasambhava oder Guru Rinpoche, des kostbaren Lehrers. Sie wurde von Exil-Tibetern im indischen Dharamsala hergestellt. Padmasambhava kam im 8. Jahrhundert nach Tibet und führte die alte Bön-Religion samt ihren Geistern und Dämonen zum Buddhismus. In 80 Meter Höhe kommen wir an einem Kristall-Stupa vorbei, der vormittags in der Sonne glänzt, bevor uns der Lingkor zu einem riesigen Thangka führt. "Der Weg zum Dach der Welt" ist 10 mal 14 Meter groß und zeigt auch Padmasambhava, den Missionar.

Im Uhrzeigersinn geht es weiter. Bevor wir wieder absteigen, zweigen wir zu einer schwankenden Hängebrücke ab, einer tibetische Nachbildung, die uns das karge Land erahnen läßt. Beim Abstieg gelangen wir zu fünf bunt bemalten, überdimensional großen Gebetsmühlen. Blau, rot, gelb, grün und weiß leuchten sie aus der Wand. Ihr Mantra, das uns schon bekannte "Om mani padme hum", wird bei jeder Drehung wirksam. Wir können es nicht lassen und schicken unsere Gebete in den Kosmos.

Unser Weg endet bei zwei Felsengemälden, dem des Milarepa und des Marpa. Milrepa, der wichtigsten Heiligen Tibets, ein buddhistischer Saulus, hatte mit Zauberei und schwarzer Magie Schrecken verbreitet, bevor ihn Marpa bekehrte. Seine Kagyüpa-Schule, die fortlaufende Unterweisung, ist eine von vier Richtungen des tibetischen Buddhismus.

Der Lingkor ist zu Ende. Die Götter noch lange nicht. Sie werden siegen! Kiki soso lha gye lo!

Buch-Tips Literatur zu Tibet Tibet, Mythos und Wirklichkeit.

Von Hans Först, Weisshaupt 1997. 192 Seiten, 200 Farbfotos, öS 715,- Tibet Reiseführer.

Von Hans Först, Weisshaupt 1995. 416 Seiten, 175 Fotos, öS 409,- .

Leben in Tibet.

Tradition und Alltag im Land des Buddha. Von Alexandra David- Neel, - Heyne 1998, öS 88,-.

Wo Tibet noch tibetisch ist.

Von Regine Leisner. Theseus 1998. 120 Seiten mit 110 Fotos, öS 496,-.

Dalai Lama XIV.: Logik der Liebe.

M. Goldmann 1998, öS 109,-.

Ich, Palden Gyatso, Mönch aus Tibet.

Palden Gyatso, Lübbe 1988. 288 Seiten, öS 1. 277,- .

Den Pfad des Buddha gehen.

Kalu Rinpoche: Scherz 1998.

254 Seiten, öS 291,

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