Der Liquidator im Kraftwerks-Sarkophag

Der Offizier Anatoly N. Tkachuk überlebte die Mission ins Innere des havarierten Reaktors des Atomkraftwerks Tschernobyl. Nun sind seine Erinnerungen in Buchform erschienen.

Der 25. Jahrestag der Ereignisse von Tschernobyl und der noch lange nicht (ob je, sei dahingestellt) ausgestandene GAU von Fukushima sind praktisch zusammengefallen. Die weltweite Aufmerksamkeit oszilliert zwischen dem rückwärtsgewandten Erschrecken und der Sensibilität für japanische Zwischentöne. Die Bilder gleichen sich - rauchende Reaktoren, kreisende Hubschrauber, die irgend etwas abzuwerfen versuchen, ehe sie der Strahlenwucht weichen müssen, evakuierte Flächen, die jeden Tag vergrößert werden; auch in der zögerlichen Informationspolitik sind die Japaner um nichts besser als zuvor die sowjetischen Behörden. Oder die amerikanischen oder die deutschen oder die britischen oder die französischen, wenn es um das Ausmaß von Störfällen, Verstrahlungen oder gar Todesopfern geht. Um die vielen namenlosen Opfer, die im Zuge der Versuche der 50er- und 60er-Jahre ganz offiziell abkommandiert wurden als uniformierte Versuchskaninchen. Uniformiert und uninformiert … Im Film "Der Eroberer“ spielte John Wayne den Reiterfürsten Dschingis Khan und sah seltsam aus als mongolischer Herrscher. Der Film kostete ihn ebenso wie ca. achtzig Prozent der gesamten Filmcrew das Leben - mangels Zugang zur Mongolei drehte man in Amerika, in der Wüste von Utah, wo Wochen zuvor ein oberirdischer Atomversuch stattgefunden hatte. Sie alle starben an Krebs. Geschichten und Geschichte. Doch Vergangenheit?

Die Vergangenheit wird mit einem Male sehr lebendig, wenn Anatoly N. Tkachuk den Raum betritt. Der Russe war 1987, nach der Errichtung des Sarkophags von Tschernobyl, der für die Sicherheit aller dort stationierten Truppen verantwortliche KGB-Offizier. Er bestand darauf, dass Untersuchungen über den Zustand des Reaktorkerns unternommen würden, um die Schutzmassnahmen für die Liquidatoren der Realität statt dem Wunschdenken der Funktionäre anzupassen. Kein Roboter konnte in dem zerstörten Gebäude Erkenntnisse bringen, jedes Messgerät fiel dem Strahlensturm zum Opfer. "Es ist leichter, selbst in den Tod zu gehen, als Männer in den Tod zu schicken.“ Mit dieser Haltung übernahm er das Kommando über einen Trupp, der in das Innere des explodierten Reaktors hineinging, an den vielleicht schlimmsten Ort der Erde.

Dantes "Inferno“

Tkachuks Schilderung ist so bedrückend wie faszinierend. In seinem soeben erschienenen Buch "Ich war im Sarkophag von Tschernobyl - Der Bericht des Überlebenden“ beschreibt er lakonisch das Geschehen - nach zehn Minuten starb der erste Mann -, um wenig später der Angst, dem Zittern der Männer Raum zu geben, wenn sie vor dem geschmolzenen Atombrennstoff stehen, in der Dunkelheit die Orientierung verlieren, die davontickende Atemluft ebenso im Bewusstsein wie das tödliche Risiko auf jedem Meter - und doch wissen, dass so viele Leben davon abhängen, welche Informationen sie herausbringen aus der Atomruine. Sie müssen begreifen, dass die Messdaten wichtiger sind als sie selbst. Die Schilderung der Umgebung mutet an wie ein bisher unbekanntes Kapitel von Dantes "Inferno“, ein Ort, der nicht einmal den verdammtesten Seelen zugemutet wird.

Tkachuk ist der einzige Überlebende der vier; einer starb wenige Tage später nach ihrer Rückkehr, der andere siechte etliche Jahre. Er selbst hatte massive gesundheitliche Probleme, doch er hat sie überwunden. Und auf die in jedem Gespräch wie selbstverständlich gestellte Frage "Wie haben Sie überleben können?“ gibt er eine erstaunliche Antwort. Es war nicht die Schutzkleidung und auch sonst keine privilegierte Ausrüstung. "Gott hat mich beschützt. Er hat mit mir noch etwas vorgehabt, ich hatte meine Aufgabe noch nicht erfüllt.“

Ein Dioskurenpaar

Aus dem KGB-Offizier ist ein erfolgreicher Wirtschaftskapitän geworden, der im heutigen Russland eine wichtige Rolle spielt. Doch neben all diesen Dingen hat er dieses Buch geschrieben, weil er sich dazu verpflichtet fühlt. Wie kaum ein Zweiter ist er mit den bipolaren Entwicklungen der militärischen und der zivilen Nutzung der Atomenergie vertraut.

Er kann das Risiko einschätzen, das von dem lecken Sarkophag in Tschernobyl ausgeht. Die Zeit läuft davon, das neue Schutzbauwerk ist ein internationales Problem und nur gemeinsam zu lösen. Dabei ist ihm bewusst, dass es dauern wird, ehe die Menschheit neue Technologien entwickeln wird, die an die Stelle der Atomkraft treten. Doch er klagt die mangelnde Informationspolitik an, die Menschen in Sicherheit wiegt, statt ihnen die Wahrheit zu sagen; er prangert die Trägheit der Systeme an, zeigt auf, dass die Welt versäumt hat, aus der Katastrophe von Tschernobyl die Konsequenzen zu ziehen. Eine realistische Lösung ist nicht gelungen, und wenn die Mischung, die sich im Sarkophag bildet, ein Cocktail aus Chemie, Physik, Mikrobiologie und Radioaktivität, den sich kein Mensch vorzustellen vermag - wenn diese Mischung austritt und auf die Umwelt trifft, dann gnade uns Gott! Und wenn die radioaktiven Abwässer sich durch die Betonplatten hindurchfressen und allmählich ins europäische Grundwasser einsickern, dann werden wir merken, wie nah die Ukraine ist, wie bedeutungslos Grenzen sein können. Es besteht sicherlich die Gefahr, dass im medialen Tagesgeschäft die eine Katastrophe von der anderen abgelöst wird. Auch Fukushima ist schon von den Titelseiten verschwunden. Ich halte das für die besondere Botschaft des Berichtes, den Tkachuk in der dritten Person verfasst hat. Diese Erzählhaltung bietet die Möglichkeit der Distanz in jenen Momenten der Erzählung, wenn der Mensch nur seine Seele festhalten und um das Überleben bitten möchte. Die Botschaft, dass man sich nicht ablenken lassen darf von der Lösung der weltbedrohenden Probleme, von der Ehrfurcht vor der Schöpfung, von dem Glauben an eine gerechte Welt.

Anatoly N. Tkachuk ist nicht furchtlos in den Reaktor hineingegangen; nur der Dumme kennt keine Angst. Doch er war, wie seine Mitstreiter, bereit zu sterben, damit andere leben können. Er hat überlebt, und er gibt Hunderttausenden, die in den Nachfolgestaaten der UdSSR zum Teil unter schrecklichen Bedingungen mit den Folgen der Verstrahlung fertig werden müssen, eine Stimme. Und er gibt ihnen die Würde.

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