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Der Magier von Gugging

Eine Aura hat er. Und die Leute hören ihm zu. Der mittelgroße Mann, einer der meist zitierten Professoren in den Computerwissenschaften, hat etwas zu sagen. Dabei wirkt Thomas Henzinger, mit 46 Jahren erster Präsident des Institute of Science and Technology Austria (IST), sehr unösterreichisch, im positiven Sinne. Seine sorgfältig gewählten Worte haben einen Schweizer Touch mit amerikanischer Grundierung. Er studierte Informatik in Linz und ging dann in die USA. In Österreich, sagt er, hätte er es viel schwerer gehabt. Weil er als Uni-Assistent nicht die Freiheit gehabt hätte, unabhängige Grundlagenforschung zu betreiben: "Nach Stanford konnte ich sofort Assistant Professor werden, hatte mein eigenes Budget, konnte machen was ich wollte. Das ist es, was es mir erlaubt hat, meinen wissenschaftlichen Traum zu erfüllen." Genau diese Freiheit will Henzinger den Studienabgängern, die nahe Klosterneuburg als Doktoranden mit ihren Professoren forschen, auch geben. In nur wenigen Jahren will er in Maria Gugging, nahe Klosterneuburg, ein Forschungsinstitut von Weltrang aus dem Hut zaubern.

Sein ehemaliger Linzer Professor, Bruno Buchberger, erinnert sich an einen fleißigen, konzentrierten Studenten: "Er ist einem Vortragenden aus Stanford durch eine intelligente Frage aufgefallen, der hat ihn gleich mitgenommen. Seine Karriere ist eine logische Weiterentwicklung." 1991 promovierte Henzinger in Stanford. Sein Weg führte von Cornell und Berkeley, wo er seit 1998 Professor war, über das Max-Planck-Institut in Saarbrücken an die ETH Lausanne, von der er schwärmt. Sie sei ein Vorbild. "Die Schweizer sind stolz auf ihre ETH's. Wie auf Toblerone oder das Skiteam. Es wäre schön, wenn uns so etwas gelingen würde."

Haim Hariri, Vorsitzender des IST-Exekutivkomitees, lobt Begeisterungsfähigkeit und Hingabe von "Tom". Qualität und Integrität attestieren ihm alle. Er schaffte es, das heiß diskutierte Projekt gut an den Start zu bringen. Zuerst zog sich Ideengeber Anton Zeilinger kurz zurück, weil der Standort auf politischen Entscheid nach Gugging vergeben wurde. Dann gab das Institut 2008 bekannt, der nicht unumstrittene Gehirnforscher Tobias Bonhoeffer werde Präsident, doch der sagte aus gesundheitlichen Gründen ab. Jetzt ist die Stunde von Thomas Henzinger. Standortdebatte? Ihm gefalle es im Grünen. Aus dem Ausland kenne er andere Distanzen. Mit "Elite" habe er kein Problem, wenn damit Spitzenforschung gemeint sei. Nur soziale Elite dürfe nicht gemeint sein.

Henzingers Forschungsgruppe am IST arbeitet daran, Fehler in großen Softwaresystemen zu finden. Er selbst entwickelte neue Programmiermodelle und prägte den Begriff "Executable Biology". Damit wird der Ansatz beschrieben, die Interaktion von Molekülen oder Zellen algorithmisch zu modellieren. Forschen will Henzinger auch weiterhin. Denn ein Präsident, der selbst forscht, werde bei den Kollegen mehr respektiert. "Das Leben eines Professors an einem Topinstitut besteht aus 50 Prozent Lehre, 50 Prozent Administration und 100 Prozent Forschung", wird er zitiert. Ranjit Jhala, Ex-Student Henzingers und mittlerweile Professor in Sand Diego, attestiert ihm eine unerschütterliche Zen-hafte Ruhe, selbst unter Stress: "Er ist erstaunlich bodenständig geblieben, für sein Format." Im Moment sucht Henzinger mit seiner Familie eine Bleibe im Norden von Wien. Auch die Liebe seines Lebens kommt aus der Informatik. Frau Monika, aus Deutschland, ist ebenfalls vom Fach. Sie war unter anderem Research Director bei Google.

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