Der Meister der Farben

Die Auseinandersetzung mit den Themen der Bibel, mit dem Leid, aber auch mit Liebe und Lebensfreude prägen sein Werk: Zum 125. Geburtstag des Malers Marc Chagall.

Die bestimmenden Farben sind Blau, Rosa und Schwarz. Im Zentrum ein Gekreuzigter. Ein vertrautes Bildmotiv also. Dennoch ist dieses Blatt ungewöhnlich. Denn Christus ist hier nur mit einer Hand ans Kreuz genagelt. In der anderen hält er eine Palette und mehrere Pinsel. Zugleich deutet er in Richtung einer Staffelei. Auf ihr steht eine Leinwand, auf der die Beweinung Christi dargestellt ist. Was wollte Marc Chagall sagen, als er diese Gouache in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts malte? Christus sei mit einem Künstler zu vergleichen, der seinen eigenen Tod bereits auf einem Bild visionär festgehalten hat? Oder stellt er das Schicksal des schöpferischen Künstlers in den Dienst der religiösen Botschaft und sieht den Künstler als Märtyrer?

Marc Chagall hat als Ausnahmeerscheinung innerhalb der Kunst der Moderne zeitlebens den Dialog mit der Religion geführt. So meinte er 1973 anlässlich der Eröffnung eines Museums für seinen Bibelzyklus in Nizza: "Die Bibel hat mich von Kindheit an fasziniert. Sie scheint mir noch immer die bedeutendste Quelle der Dichtung aller Zeiten zu sein. Seither suche ich im Leben wie in der Kunst nach ihrem Widerschein. Die Bibel ist wie ein Echo der Natur, und dieses Geheimnis bemühe ich mich zu vermitteln.“

Mit seinen erzählerischen Bildern hat Chagall gegen wesentliche Prinzipien der Avantgarde wie Abstraktion und Loslösung von literarisch-religiösen Themen verstoßen. Zugleich hat er in Bezug auf den Dialog zwischen Religion und Kunst gezeigt, dass dieser nur dann fruchtbar ist, wenn beide eigenständige Partner bleiben. Chagalls unzählige Bilder zu biblischen Themen illustrieren die Textstellen nicht. Vielmehr stellen sie dem Text eine eigenständige Bildsprache gegenüber, die ein religiöses Thema aus der Sicht eines Künstlers neu und anders sehen lässt.

Kindheit im Getto

Als Moshe Segal wurde Marc Chagall am 6. Juli 1887 im jüdischen Getto der weißrussischen Kleinstadt Witebsk geboren. Seine Kindheit ist geprägt durch das einfache Leben in der Gemeinde und durch den chassidischen Glauben. Später hat sich Chagall immer stolz zu seinem Judentum bekannt. Auf unvergleichliche Weise hat er den Menschen und Festen seiner russisch-jüdischen Heimat in farbenfrohen Bildern ein Denkmal gesetzt.

Seit den späten Sechzigerjahren stattete er Synagogen wie auch katholische Kirchen mit Glasfenstern aus. Dies macht sichtbar, dass sich Marc Chagall als Mensch und Künstler stets für den interkulturellen, auch für den interreligiösen Dialog eingesetzt hat. Als jüdischer Maler im mediterran-kunstaffinen Frankreich suchte und fand er eine Bildsprache, die sowohl seiner jüdischen Identität als auch der christlichen Kunsttradition gerecht wird.

Besonders deutlich kommt dies in seinem legendären Gemälde "Die weiße Kreuzigung“ zum Ausdruck. Hier hat Chagall das unsagbare Leid dargestellt, das dem jüdischen Volk durch Pogrome im Laufe der Geschichte angetan wurde. Angesichts der zunehmenden Judenverfolgung in Europa hatte er es 1937 zu malen begonnen; kurz nach dem November-Pogrom stellte er es 1938 fertig. Brandstiftung, Plünderung und Vertreibung; brennende Thorarollen, eine entweihte Synagoge und fliehende Menschen: Eine Welt der Gewalt und Unmenschlichkeit ist auf diesem Bild zu sehen.

Marc Chagall war selbst der Verfolgung ausgesetzt. Zu Beginn des Hitler-Faschismus wurden einige seiner Bilder öffentlich verbrannt. Später beschlagnahmten die Nationalsozialisten alle Chagall-Werke, die sich in deutschem Museumsbesitz befanden. Und 1941 verhaftete man ihn kurzzeitig in Marseille; dank einer Intervention wurde er wieder freigelassen und konnte in die USA emigrieren. Erst 1948 kehrte der Maler endgültig nach Frankreich zurück, wo er 1985 im Alter von fast 98 Jahren starb.

Verbindung Judentum - Christentum

"Die weiße Kreuzigung“ gehört zu den meist diskutierten Bildern der Kunstgeschichte. Dies liegt an dem zentralen Motiv. Denn inmitten des grauenvollen Geschehens ist - das ganze Bildzentrum einnehmend - der gekreuzigte Christus dargestellt. Um die Lenden trägt er einen jüdischen Gebetsschal. Die Figur Christi wird hier zu einem Symbol für das Leiden und Schicksal des jüdischen Volkes. Zugleich stellt Chagall durch die Gestalt des Gekreuzigten eine Verbindung zwischen der jüdischen und der christlichen Kultur her. Etwas, das ihn lebenslang beschäftigte. So sagte er nach seiner Israelreise 1931: "Hier spürte man, dass das Judentum und Christentum ein und derselben Familie angehörten.“

Marc Chagall war nicht nur ein Maler des Leids. Im Gegenteil. Wie kaum ein Zweiter hat er Liebe und Lebensfreude mittels Farben und Formen zum Ausdruck gebracht. Nicht umsonst gehören seine schwebenden Liebespaare - etwa in den Bildern "Über der Stadt“ (1914-18) oder "Der Spaziergang“ (1917/18) - zu begehrten Motiven von Hochzeitsbillets. Chagall glaubte an die Kraft der Liebe und meinte: "In der Kunst wie im Leben ist alles möglich, wenn es auf Liebe gegründet ist.“

Liebe hat auch in Chagalls Leben einen großen Platz eingenommen. Die Beziehung zu seiner Jugendliebe Bella Rosenfeld, die er 1915 heiratete, gehört zu den nicht allzu vielen glücklichen Ehen der Kunstgeschichte. Die erste Begegnung mit ihr schildert Chagall in seiner Autobiografie "Mein Leben“ bilderreich: "Ich öffnete nur mein Zimmerfenster, und schon strömten Himmelblau, Liebe und Blumen mit ihr herein. Ganz weiß gekleidet oder ganz in Schwarz geisterte sie schon lang durch meine Bilder, als Leitbild meiner Kunst.“ Bella ist in der Kunst Chagalls allgegenwärtig. Einmal als Venus, einmal als Bathseba, einmal als Sulamith aus dem Hohelied Salomos.

Clowns und Akrobaten

Marc Chagall war ein Meister der Farben. Besonders hat er die Farbe Blau geliebt. Ein leicht ins Violett tendierendes Blau ist so untrennbar mit seinen Bildern verbunden, dass es als Chagall-Blau in die Alltagssprache überging. Blau war für Chagall die Farbe, mit der er seine Begeisterung für Traumwelten, für die poetisch-fantasievollen Seiten des Lebens am besten ausdrücken konnte. Es zieht sich genauso durch sein Schaffen wie seine Zirkusleidenschaft und sein Interesse an Clowns, Musikanten und Akrobaten. "Für mich ist der Zirkus ein magisches Schauspiel, das kommt und vergeht wie eine Welt“, hat Chagall einmal gemeint.

Eines seiner bekanntesten Werke mit dem Titel "Blauer Zirkus“ vereint die Begeisterung für die Farbe und das Zirkusleben. Er hat es in den Fünfzigerjahren als Studie für Wandmalereien eines Londoner Theaters gemalt. Zu sehen ist eine rotgekleidete Artistin, die kopfüber durch den blauen Bildraum schwebt. Über ihr ein Fisch. Unter ihr ein grüner Pferdekopf. Neben ihr ein leuchtend gelber Mond, der auf einer Geige musiziert.

Mit seinem Bild "Blauer Zirkus“ hat Chagall auch ein Manifest für die Bedeutung von Kunst geschaffen. Weil es zeigt, dass Malerei wie auch Musik oder Dichtung, Fantasiewelten kreieren kann. Welten, die der Wirklichkeit etwas Poetisches gegenüberstellen. Etwas, das über die materielle Existenz hinausgeht und dabei genauso zentraler Bestandteil des Lebens ist wie die Realität selbst.

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