Der Meister des blitzschnellen Blicks

Welches Glück, dass sich der Dissertant Jean-Pierre Montier vom Jahrhundert-Fotografen Henri Cartier-Bresson nicht abwimmeln ließ!

Es gibt da eine Freude am Fotografieren, die es immer geben wird. Das ist die Freude des Blicks, den Bruchteil der Sekunde festzuhalten, das ist der Schuss, der intuitive Schuss." Was für Henri Cartier-Bresson zählt, ist die Wirklichkeit, das Leben mit all seinen Facetten, das sich in seinen Licht-Bildern spiegelt: "Der fotografische Akt bringt einen stummen Bezugspunkt mit einer Tranchierapparatur in Verbindung, die in das pulsierende Leben einschneidet". Und als es in der Zwischenkriegszeit möglich wurde, ohne Stativ zu fotografieren, den Motiven aufzulauern, brachte er Schwarzweiß-Kunstwerke wie Trophäen seiner unzähligen Reisen über die Kontinente nach Hause. Henri Cartier-Bresson war der Meister der tragbaren Leica geworden.

Dabei hatte er, der sich später als fantasielos bezeichnen sollte, als Jäger mit dem sezierenden Blick eines Insektenforschers, ursprünglich Maler werden wollen. Und blieb der Malerei auch zeitlebens verbunden. Etliche seiner Skizzen wirken allerdings wie Entwürfe, Entwürfe zu später (oder gar früher) verwirklichten Fotografien.

"Alles, was ich zu sagen habe, steckt in meinen Fotos." Mit diesen Worten hatte Cartier-Bresson lange Zeit alle Versuche, sein Leben biografisch aufzuarbeiten, im Keim erstickt. Und auch als der junge Literaturwissenschaftler Jean-Pierre Montier, der Autor der vorliegenden Monografie, ihm ankündigte, eine Dissertation über seine Person schreiben zu wollen, winkte er ab: "Haben Sie mit Ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen?" Montier ließ sich nicht beirren und schrieb zwei Kilogramm Doktorarbeit. Die dann auch auf das Wohlwollen ihres Objektes stieß und 1995 mit zahlreichen Bildern ausgestattet in Paris und zwei Jahre später in deutscher Sprache erscheinen konnte. Diese nach wie vor umfangreichste Biografie zu Cartier-Bresson liegt nun auch als preiswerte broschierte Studienausgabe vor.

Es handelt sich dabei aber um weit mehr als lediglich eine Biografie. Montier hat eine kunstwissenschaftliche Abhandlung über den 1908 geborenen Starfotografen vorgelegt. Aus der sich im Schaffen des Franzosen sehr deutlich Parallelen zu anderen künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts ablesen lassen. "Paris und der Eiffelturm" etwa erinnert, obwohl erst 1985 aufgenommen, mit der Fabrik und den qualmenden Schloten in unwirklich anmutender Beleuchtung an so manches futuristische Gemälde, das "Picknick in Georgien" mit seinen wie zufällig zusammengewürfelten Menschen, architektonischen und anderen Elementen an den Surrealismus. Der kleine Junge mit den großen Weinflaschen in der "Rue Muffletard, Paris" hingegen scheint über eine Kinoleinwand zu spazieren. Und so bezeichnet auch Montier Malerei, Film und Literatur als "die Pfeiler, auf denen er die Fotografie aufbauen wird."

Neben der Kunst war für Cartier-Bresson stets auch das Reisen wichtig. Schon die Titel seiner Fotografien belegen Aufenthalte in allen Teilen der Welt. Der Ortswechsel bedeutete ihm gleichsam Frische und Spontaneität. Er war nicht einfach als unbeteiligter Tourist unterwegs, ließ aber fremde Kulturen auch nie völlig von sich Besitz ergreifen, auch wenn ihm asiatische Weltanschauungen sehr nahe standen: "Die Wahrheit, oder besser gesagt der Weg, das ist der Buddhismus, der Zen, der Taoismus; und für mich ist Gott - ich möchte niemandem zu nahe treten - eine Erfindung des Menschen! Der Surrealismus hat mich auch sehr stark geprägt. Ich bin Anarchist, durch und durch anarchistisch, das heißt gegen jede Macht."

So facettenreich seine Anschauungen, so vielseitig sein Werk. Es reicht von Landschaftsfotografien über sozialkritische Reportagen und Porträts bis zu skurrilen Bildkompositionen. Und alles in Schwarzweiß, denn nur darin liege für ihn die Emotion. Es transponiert, es ist eine Abstraktion.

HENRI CARTIER-BRESSON

SEINE KUNST - SEIN LEBEN

Von Jean-Pierre Montier

Schirmer/Mosel Verlag, München 2002

336 Seiten, 289 Bilder., 10 Farbtafeln

brosch., e 39,80

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