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Feuilleton

Der Mord als Verklärungs-Akt

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Großarlertal ist ein enges Tal und Hüttschlag liegt an seinem Ende. Neben den Häusern ist nur mehr die glatte Wand und dahinter kommen die Berge. Aber selbst in dieses hinterste Eck eines Salzburger Gaus hat die Nachricht vom JFK-Attentat Wellen geschlagen. "Den Kennedim ham‘s daschoss‘n, der Kennedim is‘ g‘storm …“ rufend, ist damals ein altes Weiberl durch das Dorf gerannt und hat diese Schlagzeile über Gartenzäune hinweg und durch Küchenfenster hinein getragen. Es soll übrigens die gleiche Frau gewesen sein, die nie aus ihrem Tal hinausgekommen ist, aber einmal beim Blick vom Bergrücken oberhalb Hüttschlags hinüber ins benachbarte Gasteinertal ausgerufen haben soll: "Mei, die Welt ist groß!“

Stimmt, aber der Nachhall der Todesschüsse von Dallas war so laut, dass er am ganzen Globus gehört wurde. Viele wissen immer noch, wo sie damals waren und was sie taten, als sie diese Nachricht erreichte: Am 22. November 1963 um 12.30 Uhr Ortszeit wurden Schüsse auf den US-Präsidenten abgefeuert. Um 13 Uhr wurde Kennedy für tot erklärt. Um 13.50 Uhr fasste die Polizei den mutmaßlichen Attentäter Lee Harvey Oswald. Und um 14.38 Uhr wurde Lyndon B. Johnson auf dem Rückflug nach Washington zum 36. US-Präsidenten vereidigt.

Unerfüllte Erwartungen

Zwei Stunden nach den Schüssen von Dallas schien die Ordnung wieder hergestellt - die Amerikaner hatten einen Attentäter und einen Präsidenten. Doch beides erfüllte die Erwartungen nicht: Oswald war und ist bis heute zu klein, als dass er diese Katastrophe hätte allein auslösen können; und JFK war zu groß und wurde nach seinem Tod immer größer, als dass man ihn so mir nichts dir nichts durch einen blassen Vize ersetzen konnte. Da hilft bis heute für die meisten nur der Glaube an eine Verschwörung, überlagert vom Mythos John F. Kennedy.

"Das Attentat erhöht die Prominenz des Getöteten, es krönt seine Laufbahn mit dem Siegeskranz des Märtyrers - im religiösen Sinne bei Thomas Becket und Mahatma Gandhi, im politischen bei Lincoln und Kennedy“, schreibt der Historiker Alexander Demandt in seinem Standardwerk "Das Attentat in der Geschichte“ und erklärt, warum die bestenfalls mittelmäßige Amtsführung Kennedys zum Muster politischer Erstklassigkeit werden konnte: "Die Form des Todes prägt das Bild des Lebens. Die geraubten Jahre verklären die gelebten - das zeigt sich nirgends krasser als bei Kennedy, dessen Popularität gegen die Kritik der Fachwelt gefeit scheint.“

Spiegelbildlich verhält es sich beim Attentäter: Den Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt, bewacht vom legendären Secret Service, soll ein kontaktschwacher Versager mit einem Versandkatalog-Gewehr für 23 Dollar niedergestreckt haben? Das kann, das darf nicht die ganze Wahrheit sein. Demandt: "Das Ungleichgewicht zwischen der aufsehenerregenden Tat und dem unscheinbaren Täter stört unser Symmetriegefühl, es enttäuscht unser Kausalbedürfnis. Ein Einzelgänger wird darum zur Spitze eines Eisbergs, und diese Erwartung führte dann schon bei Zeitgenossen häufig zur Annahme großer Verschwörungen.“ 1966 zählte man bereits dreißig Verschwörungs- und Mordvarianten. Angefangen von Vizepräsident Johnson wurden und werden als Drahtzieher für das JFK-Attentat verdächtigt: das Militär samt Rüstungsindustrie, die CIA, das FBI, die texanischen Öl-Oligarchen, Rechtsradikale genauso wie der "internationale Kommunismus“, Anti-Castro-Kubaner und Castro-Kubaner, die Mafia …

Theorien der Verschwörung

"Attentate, die auf den ersten Blick eindeutig zu sein scheinen, können sich beim zweiten, dritten oder - vor allem - beim tausendsten Blick als ungelöstes Rätsel erweisen“, schreibt der Journalist Sven Felix Kellerhof in seinem Buch "Attentäter“. Obwohl über den Kennedy-Mord soviel Material verfügbar ist wie über keinen anderen Anschlag der Geschichte, gibt es kein Attentat, bei dem die Fakten derartig umstritten sind. Kellerhof ist überzeugt: "Der Mord am 35. US-Präsidenten wird ungeklärt bleiben. Je intensiver ein Verbrechen untersucht wird, desto mehr offene Fragen stellen sich.“

Dieses Paradoxon sieht Kellerhof auch beim Fall Abraham Lincoln, dem ersten einem Attentat zum Opfer gefallenen US-Präsidenten: "Genau wie John F. Kennedy ist auch der 16. Präsident der USA durch sein gewaltsames Ende vom durchaus umstrittenen Politiker zum nationalen Mythos geworden. Und genauso wie bei Kennedy ist nicht zu erwarten, dass die schlüssigen Erkenntnisse der seriösen Geschichtswissenschaft irgendwann die zahlreichen Anhänger von Verschwörungstheorien überzeugen können.“

Bis zur Ermordung Lincolns wurde der politische Mord im neuen Staatswesen USA für undenkbar gehalten. Lincolns Staatssekretär hatte noch erklärt: "Politischer Mord ist so unamerikanisch und gegen unsere Sitten, ist so bösartig und abscheulich, dass er unserem System nicht aufgepfropft werden kann.“ Am Karfreitag-Abend 1865 starb Lincoln an seinen Schussverletzungen und der Traum, dass es in der "Neuen Welt“ keinen Platz für den falschen Glauben gibt, mit einer Kugel die Welt verändern zu können.

Washington selbst hat den politischen Mord an den "Feinden Amerikas“ immer wieder (auch unter Präsident Kennedy) und bis heute zur offiziellen Staatspolitik erhoben. Der schwarze US-Bürgerrechtler Malcolm X (erschossen 1965) hat deswegen das JFK-Attentat lakonisch als "a case of chickens coming home to roost“ - sinngemäß: "Die Fehler, die man begeht, fallen auf einen zurück“ - kommentiert. Quer durch alle Lager hat man diese Majestätsbeleidigung empört zurückgewiesen. Da baute man doch lieber am Mythos. Das ist auch besser fürs Geschäft: 2007 wurde das Fenster, durch das Oswald den Präsidenten erschossen haben soll, für mehr als drei Millionen Dollar versteigert. Aber wie könnte es bei Kennedy anders sein: An der Authentizität des Fensters wird gezweifelt.

Das Großarlertal ist ein enges Tal und Hüttschlag liegt an seinem Ende. Neben den Häusern ist nur mehr die glatte Wand und dahinter kommen die Berge. Aber selbst in dieses hinterste Eck eines Salzburger Gaus hat die Nachricht vom JFK-Attentat Wellen geschlagen. "Den Kennedim ham‘s daschoss‘n, der Kennedim is‘ g‘storm …“ rufend, ist damals ein altes Weiberl durch das Dorf gerannt und hat diese Schlagzeile über Gartenzäune hinweg und durch Küchenfenster hinein getragen. Es soll übrigens die gleiche Frau gewesen sein, die nie aus ihrem Tal hinausgekommen ist, aber einmal beim Blick vom Bergrücken oberhalb Hüttschlags hinüber ins benachbarte Gasteinertal ausgerufen haben soll: "Mei, die Welt ist groß!“

Stimmt, aber der Nachhall der Todesschüsse von Dallas war so laut, dass er am ganzen Globus gehört wurde. Viele wissen immer noch, wo sie damals waren und was sie taten, als sie diese Nachricht erreichte: Am 22. November 1963 um 12.30 Uhr Ortszeit wurden Schüsse auf den US-Präsidenten abgefeuert. Um 13 Uhr wurde Kennedy für tot erklärt. Um 13.50 Uhr fasste die Polizei den mutmaßlichen Attentäter Lee Harvey Oswald. Und um 14.38 Uhr wurde Lyndon B. Johnson auf dem Rückflug nach Washington zum 36. US-Präsidenten vereidigt.

Unerfüllte Erwartungen

Zwei Stunden nach den Schüssen von Dallas schien die Ordnung wieder hergestellt - die Amerikaner hatten einen Attentäter und einen Präsidenten. Doch beides erfüllte die Erwartungen nicht: Oswald war und ist bis heute zu klein, als dass er diese Katastrophe hätte allein auslösen können; und JFK war zu groß und wurde nach seinem Tod immer größer, als dass man ihn so mir nichts dir nichts durch einen blassen Vize ersetzen konnte. Da hilft bis heute für die meisten nur der Glaube an eine Verschwörung, überlagert vom Mythos John F. Kennedy.

"Das Attentat erhöht die Prominenz des Getöteten, es krönt seine Laufbahn mit dem Siegeskranz des Märtyrers - im religiösen Sinne bei Thomas Becket und Mahatma Gandhi, im politischen bei Lincoln und Kennedy“, schreibt der Historiker Alexander Demandt in seinem Standardwerk "Das Attentat in der Geschichte“ und erklärt, warum die bestenfalls mittelmäßige Amtsführung Kennedys zum Muster politischer Erstklassigkeit werden konnte: "Die Form des Todes prägt das Bild des Lebens. Die geraubten Jahre verklären die gelebten - das zeigt sich nirgends krasser als bei Kennedy, dessen Popularität gegen die Kritik der Fachwelt gefeit scheint.“

Spiegelbildlich verhält es sich beim Attentäter: Den Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt, bewacht vom legendären Secret Service, soll ein kontaktschwacher Versager mit einem Versandkatalog-Gewehr für 23 Dollar niedergestreckt haben? Das kann, das darf nicht die ganze Wahrheit sein. Demandt: "Das Ungleichgewicht zwischen der aufsehenerregenden Tat und dem unscheinbaren Täter stört unser Symmetriegefühl, es enttäuscht unser Kausalbedürfnis. Ein Einzelgänger wird darum zur Spitze eines Eisbergs, und diese Erwartung führte dann schon bei Zeitgenossen häufig zur Annahme großer Verschwörungen.“ 1966 zählte man bereits dreißig Verschwörungs- und Mordvarianten. Angefangen von Vizepräsident Johnson wurden und werden als Drahtzieher für das JFK-Attentat verdächtigt: das Militär samt Rüstungsindustrie, die CIA, das FBI, die texanischen Öl-Oligarchen, Rechtsradikale genauso wie der "internationale Kommunismus“, Anti-Castro-Kubaner und Castro-Kubaner, die Mafia …

Theorien der Verschwörung

"Attentate, die auf den ersten Blick eindeutig zu sein scheinen, können sich beim zweiten, dritten oder - vor allem - beim tausendsten Blick als ungelöstes Rätsel erweisen“, schreibt der Journalist Sven Felix Kellerhof in seinem Buch "Attentäter“. Obwohl über den Kennedy-Mord soviel Material verfügbar ist wie über keinen anderen Anschlag der Geschichte, gibt es kein Attentat, bei dem die Fakten derartig umstritten sind. Kellerhof ist überzeugt: "Der Mord am 35. US-Präsidenten wird ungeklärt bleiben. Je intensiver ein Verbrechen untersucht wird, desto mehr offene Fragen stellen sich.“

Dieses Paradoxon sieht Kellerhof auch beim Fall Abraham Lincoln, dem ersten einem Attentat zum Opfer gefallenen US-Präsidenten: "Genau wie John F. Kennedy ist auch der 16. Präsident der USA durch sein gewaltsames Ende vom durchaus umstrittenen Politiker zum nationalen Mythos geworden. Und genauso wie bei Kennedy ist nicht zu erwarten, dass die schlüssigen Erkenntnisse der seriösen Geschichtswissenschaft irgendwann die zahlreichen Anhänger von Verschwörungstheorien überzeugen können.“

Bis zur Ermordung Lincolns wurde der politische Mord im neuen Staatswesen USA für undenkbar gehalten. Lincolns Staatssekretär hatte noch erklärt: "Politischer Mord ist so unamerikanisch und gegen unsere Sitten, ist so bösartig und abscheulich, dass er unserem System nicht aufgepfropft werden kann.“ Am Karfreitag-Abend 1865 starb Lincoln an seinen Schussverletzungen und der Traum, dass es in der "Neuen Welt“ keinen Platz für den falschen Glauben gibt, mit einer Kugel die Welt verändern zu können.

Washington selbst hat den politischen Mord an den "Feinden Amerikas“ immer wieder (auch unter Präsident Kennedy) und bis heute zur offiziellen Staatspolitik erhoben. Der schwarze US-Bürgerrechtler Malcolm X (erschossen 1965) hat deswegen das JFK-Attentat lakonisch als "a case of chickens coming home to roost“ - sinngemäß: "Die Fehler, die man begeht, fallen auf einen zurück“ - kommentiert. Quer durch alle Lager hat man diese Majestätsbeleidigung empört zurückgewiesen. Da baute man doch lieber am Mythos. Das ist auch besser fürs Geschäft: 2007 wurde das Fenster, durch das Oswald den Präsidenten erschossen haben soll, für mehr als drei Millionen Dollar versteigert. Aber wie könnte es bei Kennedy anders sein: An der Authentizität des Fensters wird gezweifelt.