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Der Mythos Tibet

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Wie die Tibeter westliche Erwartungshaltungen bedienen.

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Wie die Tibeter westliche Erwartungshaltungen bedienen.

Können Sie sich einen Tibeter vorstellen, der Auto fährt? Kaum ein Land ist in unserer Vorstellung so vom Mythos geprägt wie Tibet. Wie ist dieser Mythos entstanden? Wie hat sich das Bild Tibets gewandelt? Welche Funktionen erfüllte und erfüllt der Mythos? Diese Fragen waren Thema eines Symposiums der "Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland" mit der Universität Bonn anläßlich der Ausstellung "Weisheit und Liebe - 1000 Jahre Kunst des tibetischen Buddhismus". Die Beiträge sind in einem Sammelband nachzulesen: "Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien".

Bis ins 19. Jahrhundert stammt der Großteil der Berichte über Tibet von Missionaren, die einerseits von scheinbaren Gemeinsamkeiten mit dem Katholizismus tief beeindruckt sind, wie etwa der portugiesische Jesuit Antonio de Andrade. Er berichtet von der Frömmigkeit der Tibeter, der Vielzahl der Klöster, der Ehelosigkeit und dem Armutsgelübde der Mönche, von ihrer Beichtpraxis und dem Gebrauch von Weihwasser sowie von Vorstellungen, die an die Dreifaltigkeit und die Menschwerdung des Gottessohnes erinnern. Andererseits heben viele Missionare die heidnischen Elemente der tibetischen Religion und die negativen Aspekte des tibetischen Lebens hervor, um die Notwendigkeit der Erleuchtung durch das Christentum und die Schwierigkeit der eigenen Arbeit zu betonen.

Durch die Tibetforscher des 19. Jahrhunderts bekam das Tibetbild eine deutlich negative Färbung. Entsprechend der von Imperialismus und rationalistischer Selbstüberschätzung geprägten damaligen Geisteshaltung wurde Tibet als primitiv, unterentwickelt und rückständig wahrgenommen, der Lamaismus als Entartung des angeblich ursprünglich rationalen Buddhismus beschrieben.

Das heutige positive Bild Tibets als Hort der Weisheit, Ursprünglichkeit und Friedfertigkeit hat seine Wurzeln ebenfalls im vorigen Jahrhundert. 1875 wurde die Theosophische Gesellschaft gegründet, deren Zweck das Studium der Magie und der okkulten Wissenschaften war. Die Gründerin, Helena Blavatsky, bezog ihre Weisheit von "tibetischen Mahatmas", die zwar nur in ihrer Vorstellung existierten, was aber der raschen Verbreitung der Theosophie keinen Abbruch tat. Gegen Ende des Jahrhunderts war die Gesellschaft eine weltweite Organisation mit Niederlassungen in über 40 Ländern. Damit wurde der Boden bereitet, der es den Gegenkulturen der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts möglich machte, auf die asiatischen Religionen als Quelle der Spiritualität zurückzugreifen.

Der im Westen durch Bücher, Filme und Medien konstruierte Mythos Tibet wirkt vor allem auf die seit ihrer Flucht vor den Chinesen in Nordindien lebenden Exiltibeter zurück. Sie bedienen geschickt die Erwartungshaltungen des westlichen Publikums, stellen sich als friedliebende, sanftmütige und weise Meister dar und gewinnen so viele Symphathien. Der Preis dafür ist allerdings die Aufgabe der eigenen Identität und die Verfälschung der tibetischen Geschichte, die keineswegs immer so friedlich war. Die Exiltibeter verstehen es auch sehr gut, auf aktuelle Modebegriffe einzugehen, etwa wenn das der Not entspringende, mühsame und karge Wirtschaften der Bauern im tibetischen Hochland als Musterbeispiel ökologischer Nachhaltigkeit und weiser Naturverbundenheit gepriesen wird, wie dies auch eine Autorin des Sammelbandes tut.

Sie bleibt nicht unwidersprochen. Die 21 Beiträge bieten vielfältige Zugänge zum Thema. Um einige Beispiele zu nennen: Die britische Konstruktion eines Bildes von Tibet, das Tibet-Bild der Nationalsozialisten, das Tibet-Bild in der westlichen Literatur und im Film, Tibet und die New-Age-Bewegung. Sie bieten auch einen Überblick über den aktuellen Diskussionsstand der Tibetologie und die Probleme, sich ihrem Forschungsgegenstand unvoreingenommen und neutral anzunähern. Doch der Mythos hat auch sein Gutes, wie der amerikanische Tibetologe Donald Lopez nicht ohne Ironie feststellt: Er bringt "die Studenten in unsere Seminarräume und die Öffentlichkeit in unsere Symposien".

Mag. Helmut Lang Vogelsanggasse 8/16 1050 Wien Tel.: 5480259 Wien, 29.9.97 Mythos Tibet Herausgeber: Kunst- und Austellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Zusammenarbeit mit Thierry Dodin und Heinz Räther, Verlag DuMont, Köln 1997, 400 Seiten, viele Bilder, Pb., öS 504,

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