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Der Mythos vom guten Atomstrom

Schweden ist vielleicht nur knapp einer Reaktorkatastrophe entgagen, in Temelin reiht sich eine Panne an die andere. Und immer wieder ist von der Renaissance der Atomenergie die Rede.

Es war reiner Zufall, dass es nicht zur Kernschmelze kam", erklärte Lars-Olov Höglund gegenüber der schwedischen Zeitung "Nya Tidning". Höglund war jahrelang Konstruktionsleiter des schwedischen Vattenfall-Konzerns, zu dem das betroffene akw Forsmark gehört. Durch einen Kurzschluss war es zum Ausfall der Stromversorgung im Kraftwerk gekommen. Danach sprangen zwei der vier Notstrom-Dieselaggregate für die Nachkühlung der Brennstäbe nicht an. Überwachungsmonitore fielen aus. Erst nach mehr als 20 Minuten war die Situation wieder unter Kontrolle.

"Der Vorfall wurde in unseren Medien überbewertet", meint Helmuth Böck, Reaktorbetriebsleiter des Atominstitutes der Uni Wien. Die Aussagen Höglunds könnten einem "Bosheitsakt" entsprungen sein, schließlich solle Höglund nach der Trennung mehrere Prozesse gegen seinen Ex-Arbeitgeber geführt haben. Die Gefahr einer Kernschmelze sei nie gegeben gewesen, weil "die Anlage mit zwei Dieselgeneratoren beliebig lange hätte weitergefahren werden können". Generell seien akw-Katastrophen "im höchsten Maße unwahrscheinlich".

Der Ökologe und Strahlenschutz-Sachverständige Peter Weish widerspricht: "Eine solche Anlage ist hochkompliziert, und niemand versteht alle Zusammenhänge ganz. Technische und menschliche Fehler können überall zu schweren Unfällen führen. Es handelt sich um ein Katastrophenpotenzial, das nie freigesetzt werden dürfte. Niemand kann für die möglichen Folgen geradestehen." Der liberalisierte Strommarkt bringe es mit sich, dass die akw für Wartungen kürzer abgeschaltet werden als früher: "Dann wird zwar von einer in Rekordzeit durchgeführten Revision gesprochen, doch werden Mängel leichter übersehen."

Reneaissance von AKW

Abseits der Diskussion über die Sicherheit von akw ist seit Jahren von einer "Renaissance der Atomindustrie" die Rede. "In Finnland wird nicht nur ein neues Atomkraftwerk, sondern auch ein Atommüllendlager gebaut, in Frankreich ist die Entscheidung für ein neues Atomkraftwerk gefallen, und Japan und China setzen voll auf Kernenergie", zählt Helmut Böck die Entwicklungen auf. Atomkraft sei "umweltfreundlich und wettbewerbsfähig", meint der "Informationskreis KernEnergie", eine deutsche Plattform von Pro-Atom-Vereinigungen. Ein Verzicht habe "unabwendbar höhere co2-Emissionen und wirtschaftliche Konsequenzen zur Folge". Diese Aussage lässt dem deutsch-französischen Alternativ-Nobelpreisträger und internationalen Energieberater Mycle Schneider ein Schmunzeln über die Lippen huschen. Er ist der Verfasser mehrerer Reports zum Thema Atomenergie. Die gebetsmühlenartige Wiederholung einer "Atomrenaissance" sei gerade dabei, sich "zu einer der größten Weißen-Elefanten-Geschichten der letzten Jahrzehnte auszuwachsen", meint Schneider. Seit 1989 sei die Zahl der laufenden akw in den heutigen eu-25-Ländern von 172 auf 147 zurückgegangen. Frankreich, das führende Atomstromland Europas, produziert solche Überschüsse, dass es alleine im Vorjahr 91 Terrawattstunden Grundlaststrom billig exportiert hat - was der Produktion von 12 Atomkraftwerken entspricht. Gleichzeitig wird immer mehr Spitzenstrom teuer importiert. Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, werden alte Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen und neue Gaskraftwerke gebaut. Und auch in China läuft bei weiten nicht alles wie geschmiert: Als 1985 das erste akw bestellt wurde, wollte die Regierung bis zum Jahre 2000 eine Leistung von 20.000 mw installieren. Tatsächlich war es rund ein Zehntel. Momentan liefern die neun betriebenen Anlagen rund zwei Prozent des chinesischen Elektrizitätsbedarfes.

Weltweit laufen 442 akw. Sie liefern 16 Prozent des Elektrizitäts-und sechs Prozent des Energiebedarfes. In den kommenden zehn Jahren werden mehr als 80 Reaktoren länger als 40 Jahre in Betrieb sein und stehen somit planmäßig zur Schließung an. Bei den herrschenden Lieferengpässen der Industrie und Vorlaufzeiten von mindestens zehn Jahren wäre es unmöglich, diese zu ersetzen, erklärt Schneider. Doch um mit Hilfe von Atomkraftwerken den Treibhauseffekt zu bekämpfen, müsste bald der Bestand um hunderte Anlagen aufgestockt werden - ein "noch unmöglicheres" Unterfangen.

Wirtschaftlich sinnlos

Warum es in Europa und in den usa so gut wie keine Bestellungen für akw gibt, hat aber wirtschaftliche Gründe: Wegen der Liberalisierung des Energiesektors müssen sich neue Anlagen schnell rechnen. Deshalb schossen in den vergangenen Jahren etwa in den usa kleine Gaskraftwerke aus dem Boden, während die meist zehnmal größeren akw aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht in Erwägung gezogen wurden. Anders stellt sich die Situation bei in Betrieb befindlichen Anlagen dar: Sie profitieren von den ständig steigenden Öl-und Gaspreisen, die Konkurrenten belasten. Doch Atomstrom sei nur durch eine Reihe von Privilegien billiger als etwa Strom aus erneuerbaren Energien, erklärt Henrik Paulitz von den Internationalen Ärzten für die Verhütung eines Atomkrieges: Uran ist ebenso von der Steuer befreit wie die Rückstellungen für Atommüll, und weil Atommeiler nicht versicherbar sind, entfällt die Haftpflichtversicherung. "Wenn man die verschiedenen Privilegien zusammennimmt, ist Atomstrom weitaus teurer als Solarstrom aus Photovoltaik-Anlagen", so Paulitz. Das Schweizer Prognos-Institut ermittelte einen Preis von zwei Euro pro Kilowattstunde Atomstrom bei Einbeziehung aller "externer Kosten" inklusive des Risikos einer Reaktorkatastrophe - das etwa 100-fache des jetzigen Preises.

Dauerbrenner Temelin

Anfang August meldete das akw Temelin drei Störfälle innerhalb einer Woche. Der Melker Prozess habe offensichtlich nur dazu gedient, die Bevölkerung ruhigzustellen, bemängeln Aktivisten wie Andreas Reiner vom Aktionskomitee "Stopp Temelin" - denn das "Melker Abkommen" werde von Tschechien in keinem Punkt erfüllt. In wenigen Wochen werde ein wissenschaftliches Gutachten vorgelegt, das alarmierende Mängel offenlegen soll. Sollte auch das nichts fruchten, werde man Temelin zu einem zentralen Wahlkampfthema machen - beispielsweise durch erneute Grenzblockaden.

Die Zukunft soll aber ohnehin nicht der Kernspaltung, sondern der Kernfusion gehören: iter heißt der zehn Milliarden Euro teure gemeinsame Testreaktor von eu, Japan, China, Indien, Republik Korea, Russland und den usa. Bei Temperaturen jenseits von 100 Millionen Grad Celsius sollen Wasserstoffatome zu Helium verschmelzen und Energie freisetzen. Befürworter hoffen auf eine unerschöpfliche Energiequelle ohne große Gefahren. Gegner verweisen darauf, dass gar nicht sicher ist, ob die Kernfusion je wunschgemäß funktioniert. Und selbst wenn: Kommerziell Strom liefern kann sie auch dann frühestens in 50 Jahren.

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