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Der Neue an Russlands Kirchenspitze

Der Favorit machte das Rennen: Das in Moskau versammelte Landeskonzil wählte den 62-jährigen Kirill Gundjajew zum 16. Patriarchen von "Moskau und der ganzen Rus".

Am Sonntag wird in der Moskauer Erlöser-Kathedrale der neue russische Patriarch Kirill I. in sein Amt eingeführt. Mehr als zwei Drittel der zu einer Wahlsynode versammelten Bischöfe, Diözesan-, Gemeinde- und Klostervertreter haben sich am 27. Jänner für den langjährigen Leiter der kirchlichen Auslandsbeziehungen und Patriarchatsverweser seit dem Tod seines Vorgängers Aleksij II. am 5. Dezember 2008 als neuen Patriarchen entschieden: Nach einem in Russland noch nie da gewesenen regelrechten kirchlichen Wahlkampf.

Zum Teil zielten die gegen den 62-jährigen Kirill Gundjajew vorgebrachten Argumente eindeutig unter die Gürtellinie: So sollte er sich als Schmuggler und Schleichhändler in Alkoholika und Zigaretten betätigt haben. In einem postkommunistischen Russland, das die Ganovensongs von Mischa Schufutinskij und Michail Krug an die Spitze der Hitparaden geklatscht hat, wurden solche Attacken auf die leichte Schulter genommen. Ernster war es schon mit dem Vorwurf eines "Kryptokatholizismus". Er veranlasste immerhin Kirill zu einer Erklärung, dass es unter ihm keine faulen Kompromisse in Glaubensfragen geben werde.

Kliment, der Gegenkandidat

Als wichtigster Gegenkandidat wurde in den Medien Metropolit Kliment von Kaluga - im Süden von Moskau - hochgespielt. Den Administrator des Moskauer Patriarchats, seit Aleksij II. seit einem Herzanfall kränkelte, priesen TV-Pfarrer und Kirchenprediger als braven Mann der Binnenseelsorge, während Kirill als ökumenischer Sunnyboy belächelt wurde. Was gar nicht zutraf: Der 50-jährige Kliment Kapalin hatte die längste Zeit seines Wirkens in New York und 14 Jahre lang als Stellvertreter Kirills im kirchlichen Außenamt verbracht, ehe er 2004 in die "innere Kirchenverwaltung" wechselte.

Weiters wurden kirchenpolitische Beobachter in ihrer Erwartung bestätigt, dass die regelrechte Inflation an moskautreuen Bischöfen in der Ukraine bei dieser Patriarchenwahl den Ausschlag gäbe. Der ukrainische Bischofsblock versuchte zunächst, den hoch geachteten, aber gesundheitlich angeschlagenen Metropoliten Wolodymyr Sabodan von Kiew zu nominieren, entschied sich aber dann für Kirill. Schließlich hatte dieser am 27. Juli 2008 bei den Feiern zur 1020. "Taufe" der Kiewer Rus im Höhlenkloster am westlichen Steilufer des Dnjepr in alle Mikrofone erklärt, dass er eine von Moskau eigenständige ukrainisch-orthodoxe Kirche für die Zukunft nicht ausschließt. Doch müsse dabei das geltende Kirchenrecht gewahrt bleiben. So wurde Kirill I. im Endeffekt dank des Votums der ukrainischen Bischöfe gewählt.

Obendrein hat es Kliment noch geschadet, dass es ausgerechnet die ultrakonservativen Kirchenkräfte unter dem inzwischen abgesetzten Bischof Diomid Dsjuban von Tschukotka am Ende Sibiriens waren, die ihm indirekte Unterstützung gewährten: Sie arbeiteten wie einst im alten Russland mit angeblichen Prophezeiungen, dass apokalyptische Strafen Gottes bevorstünden, wenn Kirill oder auch der weißrussische Metropolit Filaret Wachromejew neuer Patriarch würden. Als dann Filaret, der in dem Dreiervorschlag der Allrussischen Bischofskonferenz mit nominiert war, am Dienstag zugunsten von Kirill verzichtete, war dessen Wahl praktisch schon gesichert.

Seine Erwählung ist eine zunächst innerhalb Russlands und der ehemaligen Sowjetunion wichtige Weichenstellung. Der dritte Spross einer Pfarrerfamilie, die auch unter dem Bolschewismus treu durchgehalten hatte, ist von Jugend an überzeugt, dass die orthodoxen Ostslawen im 1589 von Konstantinopel errichteten Patriarchat Moskau eine religiöse und kulturelle Einheit darstellen. Kirill I. versteht sich als 16. Patriarch in dieser Tradition, deren "kanonisches Territorium" von der Ostsee bis an den Stillen Ozean, vom Eismeer bis hinter den Kaukasus reicht.

Orthodoxie wird zur dominierenden Kraft

In einem Russland, wo sich alle seine Traditionsströme endlich relativ frei entfalten können, wo heute am Roten Platz Doppelgänger des letzten Zaren, Lenins und Stalins friedlich nebeneinander stehen und nur um Trinkgelder fürs Fotografieren fechten, wird die orthodoxe Kirche klar dominierende geistige Kraft neben den mehr emotionellen Sowjet- und Zarismus-Nostalgien, aus denen neue Kommunisten und Nationalreligiöse politisch Kapital schlagen. Kirill ist daher jetzt einfach de facto, ohne jeden Cäsaropapismus, der dritte starke Mann in Moskau neben Putin und Medwedew samt seiner kirchenpolitisch engagierten First Lady Swetlana Medwedewa.

Kirill I. hat - von seinen TV-Predigten abgesehen - eher wenig pastorale Erfahrung und wird diesen Bereich wohl seinem abgewählten Herausforderer Kliment von Kaluga überlassen. Doch ist er seit langem sozial engagiert und er gilt als eine Art Vater der russisch-orthodoxen Soziallehre. Es ist das Verdienst des Ostkirchen-Ordinarius an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, Rudolf Prokschi, diese auch im Abend- land gebührend bekannt gemacht zu haben.

In Russland steht und fällt der Erfolg des neuen Patriarchen mit einer sozial lebendigen Kirche. Die orthodoxe Kirche muss die Lücken schließen, die der überforderte russische Staat weiter klaffen lässt: Mit einem kirchlichen anstelle des noch immer fehlenden öffentlichen Religionsunterrichts, durch tätige Anteilnahme am Los der Stiefkinder des russischen Neokapitalismus.

Soziale Aufgaben für die Kirche

Ein Beispiel: Die Gemeinde zu "Allen Heiligen Neumärtyrern" der Sowjetzeit in einem Neubauviertel am nördlichen Stadtrand konnte keine ehemalige Kirche wieder instand setzen. Ihr mussten je ein alter Eisenbahnwaggon als Kirche und Pfarramt dienen. Heute erhebt sich aus dem Birkenwald eine schmucke Holzkirche, Wohncontainer sind an die Stelle der ausrangierten Waggons getreten. Pfarrer Michail, ein Priestermönch vom Kloster Sergiew Posad, ist noch derselbe wie nach der Wende, gleich geblieben auch seine zentralen Seelsorgeprobleme: "Bei den Frauen sind es die Abtreibungen. Ich versuche das einzudämmen, gebe erst nach eingehendem, ernstem Gespräch die Lossprechung. Bei den Männern, gerade unter den jungen Burschen, ist es die Kriminalität. Da habe ich schon einige schöne Erfolge, Diebsgut wurde zurückgegeben, Bandenfehden konnte ich schlichten." Betroffene gehen längst lieber zu "Vater Mischa" als zum Polizeiposten. Dort scheint man mehr mit Nebengeschäften wie Wodkabrennen ausgelastet.

Wer Patriarch Kirill I. näher kennt, weiß, dass der neue "Patriarch von Moskau und der ganzen Rus (heutiges Russland, Ukraine und Weißrussland) eine Persönlichkeit ist, die sich nicht nur durch Energie, Klugheit und eine gewinnende Art auszeichnet. Der zusammen mit Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. nun wichtigste Entscheidungsträger der Christenheit ist von Menschlichkeit und von Verbundenheit mit allem, was russisch ist, erfüllt und der Einheit der Orthodoxie verpflichtet - aber auch der Vereinigung der getrennten Christen.

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