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Der Opa der Terroristen?

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Dem US-Autor Bruce Hoffman zufolge führte Menachem Begin gekonnte Öffentlichkeitsarbeit ins Arsenal Terrorismus ein.

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Dem US-Autor Bruce Hoffman zufolge führte Menachem Begin gekonnte Öffentlichkeitsarbeit ins Arsenal Terrorismus ein.

Haben Terroristen aller Schattierungen von Menachem Begin gelernt? Ist er sozusagen ihr Opa? Bruce Hoffman, Autor des Buches "Terrorismus, der unerklärte Krieg", ist dieser Meinung. Zwar gehörte all das, was wir heute als Terror bezeichnen, immer schon zum Arsenal der Schwächeren bei der Verteidigung angeblich oder tatsächlich hoher Prinzipien - man denke nur an die Ermordung Cäsars durch Brutus, der die Republik verteidigen wollte. Der moderne Begriff des Terrors aber erst durch die Französische Revolution in Gebrauch. Robespierre und die Jakobiner sahen in ihrem "Terrorregime" eine positive Strategie, um die Revolution zu retten. Es hatte bereits die Grundeigenschaften, die nun die Methode bestimmten: Terror ist "organisiert, zielbewußt und systematisch".

Im vorigen Jahrhundert waren Anschlägen auf Personen gemeint. Ein Zar wurde ermordet, Kaiserin Elisabeth und 1914 Thronfolger Franz Ferdinand. Mit den Anarchisten kam eine neue Variante ins Spiel, Mordtaten exaltierter Einzelpersonen. Opfer waren Menschen, die in der Sicht des Terroristen Symbole eines Systems der Unterdrückung darstellten. Sie lieferten Gleichgesinnten vor allem den neuen Begriff und damit die Strategie der "Propaganda der Tat".

Die eigentlichen Nutznießer der dabei gesammelten Erfahrungen waren, so Bruce Hoffman, die um die Jahrhundertwende aktiver werdenden nationalen ethnischen Befreiungsbewegungen. Eine der ersten war die armenische Bewegung, die im osmanischen Reich durch Überfälle auf die Kolonialverwaltung die Unterstützung der Einheimischen und "internationale Aufmerksamkeit, Unterstützung und Sympathie" gewinnen wollte. Um die gleiche Zeit bildeten sich im Habsburgerreich proserbische Gruppen wie die Mlada Bosna, der auch der Mörder des Thronfolgers, Gavrilo Princip, angehörte.

Die folgenden Jahrzehnte standen im Zeichen der nationalen Befreiungskriege gegen den Kolonialismus. Daß die Guerillabewegungen häufig mit terroristischen Vereinigungen verwechselt werden, scheint dem Autor unberechtigt, denn es handle sich um Gruppen, die als militärische Einheiten in einem bestimmten Gebiet operieren und feindliche Streitkräfte angreifen. Doch entwickelte sich nun etwas Neues, der "ethno-nationalistische separatistische Terrorismus".

Bahnbrechend unter ihrem auf seine Weise genialen Führer Menachem Begin war die jüdische Irgun Zwai Leumi. Sie brachte "ein revolutionäres Modell hervor, das später überall in der Welt von Terrorgruppen sowohl in der antikolonialen als auch in der postkolonialen Phase nachgeahmt und erweitert wurde".

Die wichtigste Erfindung bestand in der Organisation von Kleinstgruppen, die aus der städtischen Bevölkerung heraus der britischen Verwaltung ständig schmerzhafte Nadelstiche versetzten, die das Ansehen ebenso wie das Selbstvertrauen der Briten untergruben. Meldungen über alle Aktionen wurden systematisch an die Weltpresse gegeben. Die Behauptung der Briten, sie hätten die Situation unter Kontrolle, stieß daher auf steigende Skepsis. Blutige Aktionen wie der Bombenanschlag auf das Hotel King David in Jerusalem oder die Erhängung zweier britischer Soldaten als Antwort auf Todesurteile an drei Irgunkämpfern erfolgten stets zu strategisch wichtigen Terminen. Jedesmal wurde die Weltpresse mit Bildern und Einzelheiten versorgt, eine absolute Neuheit in den Methoden des Terrors.

General Grivas, der den Aufstand der Zypern-Griechen gegen die Briten organisierte, und die algerische FLN im Kampf gegen Frankreich waren die nächsten, welche Begins Lehren übernahmen. Die FLN begann als Befreiungsbewegung alten Stils, eröffnete aber bald auch städtische Fronten. Der Italiener Pontecorvo brachte im Film "Die Schlacht von Algier" die Kunde von der neuen Art Kampf auf die Kinoleinwände. Die FLN stimmte ihre Anschläge mit Sitzungen der UNO ab und war auch sonst auf Öffentlichkeitsarbeit bedacht. Mit ihrem Erfolg demonstrierten diese Bewegungen, "daß Terrorismus funktionieren kann - auch wenn dies von den Regierungen stets geleugnet wurde".

Der eigentliche moderne Terrorismus begann mit den Palästinensern, die sich freilich nicht auf Begin beriefen. Sie gingen auch einen großen Schritt weiter, als sie ihre Aktionen internationalisierten. Ob Flugzeuge gekapert oder Bomben auf Vertretungen Israels im Ausland geworfen wurden, es ging immer um die publizistische Auswertung. So wartete Carlos beim Überfall auf die OPEC in Wien, bis die Kamerateams installiert waren, um dann das Gebäude mit seinen Geiseln telegen zu verlassen.

Ein weiterer Schritt war die staatliche Unterstützung, und bald auch die Verwendung der Terrorgruppen für Zwecke des Staates, der sie beschützte. Das galt vor allem für Syrien, Iran, Irak und Libyen. So kamen die Terroristen zum großen Geld. Von Abu Nidals Gruppe erwähnt Hoffman, daß sie Millionen Dollar in Unternehmen investiert habe, unter anderem in eine Waffenfirma in Polen. Mehr und mehr verwandelten sich manche Gruppen in Auftragskiller mit immer dünner werdender politischer Begründung, so die "Japanische Rote Armee", die sich in den achtziger Jahren "durch Auftragsterrorismus ein Vermögen aufbaute".

Gleichzeitig vervielfachte sich in den letzten 15 Jahren der diffuse religiöse Terrorismus in den USA. Vor allem aber trat die moslemische Version des religiösen Terrorismus in den Vordergrund. USA, Algerien, Frankreich und arabische Länder waren die Ziele: Es wurden nicht mehr einzelne Symbolfiguren ermordet, sondern eine möglichst große Zahl Unbeteiligter, wie bei den Anschlägen in der Pariser Metro, im World Trade Center in New York oder bei der Ausrottung ganzer Dörfer in Algerien. Dazu kam die Verwendung von Massenvernichtungsmitteln wie Sarin, welches von der AUM-Sekte in der Tokyoter U-Bahn versprüht wurde. Darauf geht der Autor leider nicht weiter ein.

Den Industriestaaten gelang es nach spektakulären Anschlägen bisher immer, die Terroristen unter Kontrolle zu bringen. Die Russen haben offenbar bei der Bekämpfung der Hintermänner der Bombenanschläge, die bereits hunderte Leben forderten, große Schwierigkeiten. Das sowjetische System kannte nur die brutale Ausmerzung des oppositionellen Untergrunds, der religiöse Terrorismus (wenn es sich tatsächlich um solchen handelt) ist auf diese Weise nicht zu fassen.

Dementsprechend scheinen ihnen nur massive Angriffe auf Tschetscheniens Städte einzufallen, mit ebenso zufälligen, unbeteiligten Opfern wie bei den Terroranschlägen auf russische Wohnhäuser. Die Chinesen schlagen sich ebenfalls erfolglos mit dem Terror herum, und so hat die strategische Abteilung der Armee ein Buch über Terror als billigstes Mittel der Kriegführung herausgebracht, in dem sämtliche strategischen und taktischen Aspekte des Terrorkriegs analysiert werden. Dabei fragt sich nur, ob solche Bücher nicht doch eine ziemlich zweischneidige Sache sind - je nach dem, wer sie in die Hand bekommt.

TERRORISMUS - DER UNERKLÄRTE KRIEG Neue Gefahren politischer Gewalt.

Von Bruce Hoffman S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1999 352 Seiten, Ln., öS 291,- / e 21,14

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