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Der paradoxe Pontifex

Im (Sozial-)Politischen sei er progressiv gewesen, in Moral- und Kirchenfragen hingegen äußerst konservativ: Solche, oft geäußerte Charakteristik wird Johannes Paul II. nicht gerecht. Das Paradox von Vorwärtsstürmen und zugleich starkem Bremsen zieht sich als roter Faden durch sein Pontifikat.

Mit drei Enzykliken erhielt die katholische Soziallehre in der ersten Hälfte des Pontifikats von Johannes Paul II. kräftige Impulse. Am radikalsten hat sich der Papst 1987 in "Sollicitudo rei socialis", seiner "Dritte-Welt-Enzyklika", vorgewagt: Dort werden auch Reizwörter, die die Befreiungstheologie kannte, ausgefaltet. So geht das Dokument ausführlich auf "Strukturen der Sünde" ein, die zur Kluft zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden, sowie zur Ungerechtigkeit in den Ländern des Südens führen.

Grundzug des Pontifikats

An "Sollicitudo rei socialis" ist ein Grundzug des Pontifikats festzumachen: Denn zu der Zeit, als die Enzyklika veröffentlicht wurde, gab es längst Maßregelungen für Befreiungstheologen sowie Bischofsernennungen in Lateinamerika, die Entmutigungen für diese Spielart der Theologie waren, die von der Kirche eine unbedingte Option für die Armen verlangte und dies auch mit den Instrumentarien marxistischer Gesellschaftsanalyse begründete. Heute, mehr als 17 Jahre nach "Sollicitudo rei socialis", ist die Theologie der Befreiung kein theologischer Mainstream mehr.

Vergleichbare Gegensätze kann man auch in den Ökumene-Bestrebungen des verstorbenen Papstes erkennen: Johannes Paul II. ist in evangelische Kirchen gegangen, er hat mit den Orthodoxen auf deren Augenhöhe gesprochen und ließ mit den Lutheranern in der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" einen der theologischen Trennungsgründe der Reformation aufarbeiten.

Hätte ihn davongejagt...

In seiner Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" (1995), einem der bedeutendsten Dokumente seines Pontifikats, gesteht Johannes Paul II. freimütig ein, dass das Papstamt den Stolperstein auf dem Weg zur Einheit der Christen darstellt, und er lädt "kirchliche Verantwortliche und ihre Theologen" ein, "über dieses Thema mit mir einen brüderlichen geduldigen Dialog aufzunehmen". Der verstorbene Kardinal König hat diese Aussagen des Papstes für sensationell gehalten und - sinngemäß - gemeint, früher hätte man einen Papst für ein derartiges Anssinnen davongejagt.

Johannes Paul II. ließ sich auch da in seinem Vorwärtsstürmen nicht beirren und gab gleichzeitig die Bremsen frei. Im Dokument "Dominus Iesus" (2000) etwa - im dem es eigentlich um die Bekräftigung des universalen Heilsanspruches des Christentums gegenüber anderen Religionen geht - wird den aus der Reformation hervorgegangenen Glaubensgemeinschaften gar die Anrede als "Kirche" verweigert. Auch bei - etwa für gemischt-konfessionelle Familien - praktisch drängenden Fragen wie der "eucharistischen Gastfreundschaft", also der wechselseitigen Zulassung von katholischen und nichtkatholischen Christen zu Eucharistie und Abendmahl, bewegte sich unter Johannes Paul II. nichts. Gar nichts.

Ähnliche Befunde gelten für den interreligiösen Dialog: Auch hier Bahnbrechendes - Johannes Paul II. ging in die Synagoge, betete in Moscheen, setzte sich 1986 beim Friedensgebet in Assisi auf gleiche Höhe mit den Religionsführern der Welt (2002, beim zweiten Assisi-Gebet thronte er allerdings schon wieder über den anderen Religionsvertretern...). Und auch hier bremste er oder ließ bremsen - wie eben mit der Instruktion "Dominus Iesus" -, um den befürchteten "Relativismus" hintanzuhalten. Innovative Denker, die eine "Theologie der Religionen" zu entwickeln begannen, wurden dagegen zurückgestutzt, "im Sprung gehemmt" - ein Schlagwort, mit dem der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl die nachkonziliare Kirche charakterisierte, und das in vielem gerade auf dieses Pontifikat angewendet werden kann.

Im Grunde kann der gesamte Umgang dieses Papstes mit dem Konzil in dieses Verhaltensmuster eingeordnet werden: Als junger Bischof hatte er selbst aktiv am II. Vatikanum teilgenommen, zumindest seine Rolle bei der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" ist dabei verbürgt; als Papst bremste er die Reformen massiv- und tat dies unter Verweis auf die Konzilsbeschlüsse und zitierte die Konzilsdokumente in diesem, seinen Sinn.

Pius und Johannes

Die Anhaltspunkte lassen sich fortsetzen: Da der große Sprung des "Schuldbekenntnisses" in der Fastenzeit 2000, zu dem Johannes Paul II. seine Kirche fast nötigte: Erstmals wurden Judenverfolgung, Inquisition, Kolonialismus et cetera von der Kirche als Sünden von Christen benannt. Aber auch hier wieder Schaumgebremstes: Nur "Söhne und Töchter" der Kirche hätten sich schuldig gemacht, zu einem Mea culpa der Kirche selbst rang sich dieser Papst nicht durch.

Vieles in diesen 26 Papstjahren wurde im Symbolischen sichtbar - auch die beschriebene Paradoxie: Dass dieser Papst an ein und demselben Tag im Herbst 2000 Pius IX. seligsprach, den Papst des I. Vatikanums, der im 19. Jahrhundert alles verdammt hatte, was für einen modernen Zeitgenossen und Christenmenschen heute selbstverständlich ist (Demokratie, Meinungs- und Religionsfreiheit, Toleranz...) aber zugleich auch den Aufbruchs- und Konzilspapst Johannes XXIII. zur Ehre der Altäre erhob, ist idealtypisch für Johannes Pauls II. Amtsführung: Was Theologie oder Kirchenbild betrifft, gibt es kaum so unvereinbare Gestalten wie Pius IX. und Johannes XXIII. - doch dieser Papst erklärte sie durch die Seligsprechung in gewisser Weise für vereinbar. Paradox.

Stürmer und Verteidiger

Bleibt die Moral: Hier war, so die gängige Beurteilung, Johannes Paul II. eindeutig, starr, stur und unbeweglich. Doch auch bei solch scheinbar klarer Sicht dieses Pontifikats schimmert aufs Neue Paradoxie durch: Der italienische Philosoph Gianni Vattimo, nicht nur ein Kirchenkritiker, hat vor einiger Zeit in der Zürcher Weltwoche auf die Frage, warum der Papst bei den Jungen so beliebt sei, obwohl er eine Sexualmoral vertrete, die mit der modernen Lebenswirklichkeit nichts zu tun habe, folgende Geschichte erzählt: "Während des Heiligen Jahres 2000 haben sich auf einem großen Platz in Rom eine Unmenge junger Leute versammelt, um einer Predigt des Papstes beizuwohnen und seiner Forderung nach Keuschheit zu applaudieren. Am anderen Tag fanden die Straßenkehrer Tausende gebrauchter Pariser..."

Vattimo, der Philosoph, findet im zitierten Interview keine schlüssige Erklärung für solches Phänomen. Vielleicht gibt es diese auch nicht. Phasen des Umbruchs und der Restauration gehören zum Lauf der Kirche durch die Jahrhunderte. Bewegend an Johannes Paul II. war, dass er beide Entwicklungen in seiner Person vereinte, ohne dass man wusste, wie das eigentlich funktionieren kann.

Man darf bei diesem Papst wohl ein Sport-Bild bemühen: Er war vorwärtsdrängender Mittelstürmer und verbissen-fähiger Verteidiger zugleich. Ob er damit seiner (Kirchen-)Mannschaft längerfristig zum Sieg verhelfen konnte, ist eine andere Frage - die erst die Geschichte beantworten wird.

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