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Der Parvenu auf dem Kaiserthron

Vor 200 Jahren wurde Louis-Napoleon Bonaparte geboren, der sich als Kaiser Napoleon III. nannte. Seine Zeit gleicht der heutigen frappierend.

Er war ein Lebemann, Frauenheld, Karrierist. Wie man's Nicolas Sarkozy nachsagt. Er gab ein schillerndes Bild ab als kleinwüchsiger Emporkömmling, politischer Abenteurer, Buhle der Macht. Wie Sarkozy. Seine Herrschsucht drängte ihn dazu, mit allen Mitteln moderner Propaganda, mit einer Flut von Flugblättern, Porträtplakaten, Werbeaufträgen für Zeitungen, Lobrednern und -sängern quer durchs Land zu fegen und den Wählern seine Unverzichtbarkeit als Retter der Grand Nation erfolgreich aufzudrängen. Wie Sarkozy. Kaum war er Regierungschef, erweiterte er seine Machteroberungen durch die Heirat mit einer jüngeren, bestechend schönen Ausländerin - die weichende Frau an seiner Seite rächte sich prompt durch kompromittierende Enthüllungen über den nimmersatten Parvenu, der sich seine Privataufwendungen vom Staat bezahlen ließ. Wie Sarkozy. Das Ende freilich war unrühmlich: Er hatte zu lange regiert. Dem Volk war er durch seinen unsteten Charakter, das neureiche Schwelgen im Pomp, das Pfauenradschlagen mit Männermacht und -stolz erst lächerlich geworden, dann hatte es ihn satt. Wie dereinst Sarkozy?

Napoleon III. wie Sarkozy?

In Frankreich, wo man des 200. Geburtstags von Napoleon III. am 20. April gedenkt, gibt man in intellektuellen Kreisen gern mit verächtlichem Zungenschnalzen solche oberflächlichen Analogien zwischen Frankreichs letztem Kaiser und dem derzeitigen Hausherrn jenes Elysée-Palasts zum Besten, den Louis-Napoleon einst, nach seinem überraschenden Sieg bei den Wahlen 1848, als Regierungssitz bezogen hatte. Fast 22 Jahre regierte der Neffe Napoleons I. das Land - zuerst als Präsident, dann, nach seinem Putsch 1851 gegen die Republik, als "Kaiser aller Franzosen".

Seine autokratische Herrschaft, sein absolutistisches Schalten und Walten, seine exzentrischen Allüren wurden nur noch von seinem politischen Sendungsbewusstsein übertroffen: Frankreich sollte den Rang einer Großmacht mit kontinentaleuropäischem Führungsanspruch zurückerobern, den es nach dem Wiener Kongress 1815 verloren hatte. Spätestens nach dem Abenteuer des mit vorgeschobenen religiös-fundamentalistischen Grundsätzen vom Zaun gebrochenen Krim-Kriegs (bei dem er den Katholiken versprochen hatte, den von Russland unterstützten orthodoxen Christen die Verwaltungshoheit über das Heilige Grab in Jerusalem zu entreißen) war das auch gelungen: Ein Prestigeerfolg, der indes mit rund einer halben Million Opfer teuer erkauft war.

Krieg und Modernisierung

Als sein nachhaltigster Erfolg gilt die Modernisierung von Paris. Dessen Präfekten, dem aus dem Elsass stammenden Protestanten Georges Haussmann, übertrug er die städtebauliche Riesenaufgabe einer grundlegenden Sanierung der Metropole als moderne Verkehrsdrehscheibe und urbanistisches Vorzeigemodell.

Paris um 1860 - das war denn auch die Hauptstadt der Welt. Was immer sich in dieser fortschrittsgläubigen Epoche an Erwartungen, Visionen und hochfliegenden Zukunftsideen entwickelte, schien in Paris zuallererst erprobbar. Hier gab der jeweils neueste Zeitgeist sein rauschhaftes Debüt. Die Großstadt als Lebensform einer sich selbstbewusst sammelnden Massengesellschaft stellte mit Nachdruck ihren Anspruch auf das soziale Glücksmonopol. In solcher Großraum-Werkstatt war es nach allgemeiner Meinung selbstverständlich, dass alles, was gedacht werden konnte, auch gemacht werden konnte. Kein Zweifel störte das Vermählungsfest von Fortschrittsglauben und Lebensfrohsinn.

Der Gegenkönig Offenbach

Kein Zweifel? Mitten im Frankreich des Zweiten Kaiserreichs mit seinem Prosperitätsfuror, dem Reigen von Spekulanten und Kurtisanen, einem beständigen Taumel von Festen und Börsenkursen, von Freiheitsrausch und machtgeschützter Äußerlichkeit - mitten in diesem Frankreich der hedonistischen Diktatur Napoleons III. regierte beispielsweise der Operettenmeister Jacques Offenbach wie ein geheimer Gegenkönig, ein gut getarnter Oppositionschef im Geist der leichtfüßigen Satire und der witzbeflügelten Kritik. Er, der deutsche Jude mit Sensationskarriere in Frankreich, war kein Gelegenheitsbeobachter, der sich vom Glanz und Dekor einer vergnügungsseligen Gesellschaft über deren Halt- und Ziellosigkeit hinwegtäuschen ließ. So sehr er sich mit seiner Musik mitten ins Zentrum der Unterhaltungserwartung seines offenbachsüchtigen Publikums begab, so bestimmend blieb der staunende, von Abstand und Fremdheit geprägte Blick des Gastes von jenseits des Rheins, der Wahlpariser - und wählerischer Kommentator seiner Zeit - geworden war.

Das Sittenbild porträtiert eine längst untergegangene Gesellschaft - deren Charaktere, Verhaltensweisen und Handlungsmotive uns indes bedrohlich nahe zu stehen scheinen. Wie Bereicherung, Habgier, Verschwendungssucht, soziale Sorglosigkeit einhergehen können mit Ausbeutung, Bestechlichkeit, Machtanmaßung und Ungerechtigkeit, kennen wir auch neuerdings wieder als Gehabe der reichen Industrieländer mit der armen Mehrheit der Welt. Der vollmundige Preis der Selbstbereicherung als Maxime eines ganzen Zeitalters, verkörpert in Napoleon III., schallt auch grell an unsere Ohren: Enrichez vous! Bereichert euch! Das Erlebnis des "schnellen Geldes", die Überzeugung, dass nicht Sparsamkeit, Fleiß und Genügsamkeit den Wohlstand begründen, sondern hemmungslose Gier, wurde in der Epoche Louis-Napoleons der staunenden Menge wie auf Stelzen der wirtschaftsliberalen Schaustellung vorgeführt.

Wirtschaftsliberale Gier

Es war die Epoche des rücksichtslosen Finanzkapitalismus, bei dem die wenigen, die davon profitierten, in geschmackloser Protzerei schwelgten, während die meisten, die bei dieser Triumphfahrt das Nachsehen hatten, sich mit wachsendem Groll als Verlierer zurückgesetzt sahen. Die Politik Napoleons III., die mantrahaft Verbesserungen für die wachsende Schicht der Deklassierten verhieß, stand dem rutschartigen Aufklaffen des Grabens zwischen Lebenshaltungskosten und Löhnen tatenlos gegenüber. Die Regierung sah sich außerstande, eine Politik gegen die Interessen und Vorgaben derer zu machen, die sie an der Macht hielten.

Noch die zaghaftesten sozialpolitischen Reformvorhaben wurden im Keim erstickt. Beispielsweise sollte die Getränkesteuer abgeschafft und durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden - der Plan wurde Makulatur. So beschloss denn die Regierung mit Dekret von 1852 als sozialpolitische Geste, die Armenpriester zu besolden, welche die Einsegnung jener Habenichtse übernahmen, die nicht einmal mehr ihre eigene Bestattung bezahlen konnten. Womit auch die Rolle der Kirche im System klar festgelegt war: Einsegnung der Opfer, Weihrauch und Bußoption für die prassenden Täter. Der Kirchenstaat indes konnte sich inmitten der Stürme der italienischen Einigung in seinem weltlichen Herrschaftsanspruch stets auf Napoleon III. - und mehr noch auf die ebenso streng gläubige wie konservative Kaiserin Eugenie - verlassen. Immer wieder ließ der Herrscher der Franzosen seine Truppen auf der italienischen Halbinsel aufmarschieren, um für den Papst - und gegen Österreich - zu intervenieren.

Die aus Spanien gebürtige Kaiserin Eugenie war es auch, die Napoleon III. - zeitlebens ein politischer Hasardeur - in sein verhängnisvollstes Abenteuer hetzte: Wegen einer (ohnehin zurückgezogenen) Thronkandidatur eines Hohenzollernprinzen in Spanien erklärte er am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg. Bereits sechs Wochen darauf, am 1. September, musste er, mit 100.000 Soldaten in der Festungsstadt Sedan eingekesselt, kapitulieren. Drei Tage später wurde der Kaiser in Paris für abgesetzt erklärt und die Republik proklamiert. Louis-Napoleon, den einer seiner Generäle "einen melancholischen Papagei" genannt hatte, starb 1873 im englischen Exil. Gern hatte er als cäsarischer Regent die späte Einsicht seines Onkels aus dessen Verbannung auf St. Helena zitiert - und sich dann nicht daran gehalten: "Sich in Europa zu bekämpfen, heißt einen Bürgerkrieg führen!"

Napoleon III.

Frankreichs letzter Kaiser.

Von Johannes Willms. Verlag C.H.Beck, München 2008. 312 S., geb., € 25,60

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