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Feuilleton

Der perfekte Knall

1945 1960 1980 2000 2020

aperschnalzen: ein Brauch aus der Zeit, als salzburg mehr mit Bayern als mit Österreich zu tun hatte. Ein Einstieg ins salzburger Jubiläumsjahr.

1945 1960 1980 2000 2020

aperschnalzen: ein Brauch aus der Zeit, als salzburg mehr mit Bayern als mit Österreich zu tun hatte. Ein Einstieg ins salzburger Jubiläumsjahr.

Nach Büroschluss, Werkstattschicht oder Stallarbeit, wenn es an Winterabenden bereits dunkel ist, dann werden auf vielen Wiesen im salzburgischen Flachgau und bayerischen Rupertiwinkel Scheinwerfer eingeschaltet, und es fängt zu knattern und zu knallen an. "Drent und herent", wie man in der Gegend sagt: Nur der Fluss dazwischen fließt ruhig und schwarz. Die Saalach trennt Österreich von Deutschland, Salzburg von Bayern. Politisch seit genau 200 Jahren. In Folge des Wiener Kongresses kam Salzburg am 1. Mai 1816 an Österreich -mit ein paar Ausnahmen. Einige Gemeinden am linken Saalach-und Salzachufer blieben bei Bayern. Der Name Rupertiwinkel im Gedenken an den Hl. Rupert von Salzburg verweist noch auf die lange gemeinsame Zeit.

Ein gemeinsamer Resonanzraum

Kulturell ist die Trennung sowieso nie vollzogen worden. Die Saalach ist besonders in der Zeit zwischen Stephanitag und Faschingssonntag keine Grenze, sondern ein gemeinsamer Resonanzraum, in den viele wachsame Ohren auf das Genaueste hineinhorchen und vom Knattern und Knallen auf der anderen Seite fürs eigene Training angespornt werden. "Es pressiert!" Der Schnalzer-Weltcup ist heuer besonders kurz, denn das Aperschnalzen ist nach dem kirchlichen Kalender ausgerichtet, und das frühe Ostern macht diese Wettbewerbssaison zu einem Schnalzer-Sprint. Darum knattert und knallt es dieser Tage besonders laut, wenn es dunkel wird in Gois und Ainring, in Perach und Wals, in Siezenheim, Offenwang, Liefering, Saaldorf

Und mit dem Schnalzen ist endlich auch der Winter eingekehrt. Erfolgreiches Brauchtum funktioniert also augenscheinlich auch umgekehrt: Anstatt ihrer jahrhundertealten Tradition gemäß den Schnee zu vertreiben, haben die Aperschnalzer (althochdeutsch "apir" bedeutet: "schneefrei werden") in diesem Winter den Schnee erst herbeigelockt. Wenn das Schule macht, können sich die Schnalzergruppen bald nicht mehr vor Einladungen aus den Skigebieten erwehren: Lärmbrauch statt Schneekanonenlärm - ein schöner Gedanke!

Die jahreszeitliche Befristung auf den Hochwinter lassen das Aper- oder Faschings-Schnalzen am wahrscheinlichsten als eine Ausformung des seit Urzeiten in vielen Varianten - Glockenläuten, Böllerschießen, Klappern, Ratschen, Poltern usw. - ausgeübten Lärmbrauchtums erscheinen. Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" heißt es dementsprechend: "Im Jahresbrauchtum spielen Lärmumzüge in der Winter-Frühlingsperiode eine hervorragende Rolle Je lauter die Knaben mit ihren Pfeifen, Glocken, Peitschen u. ä. lärmen, desto wirksamer sind ihre Umzüge." Effektiv im Sinne des Doppelcharakters magischer Handlungen, dass die bösen Geister der Finsternis, Nacht und Kälte vertrieben und die guten des Lichts, der Fruchtbarkeit und des Wachstums gerufen werden - oder wie es das Aberglauben-Lexikon zusammenfasst: "Letzten Endes mag der Umstand, dass die Geister selbst als lärmend gedacht werden, die Vorstellung hervorgerufen haben, sie durch Lärm beliebig anlocken bzw. vertreiben zu können."

Heidnisch-kultischer Ursprung

Heute findet sich dieser heidnisch-kultische Ursprung des Aperschnalzens nur mehr als historische Reminiszenz in diversen Festschriften der Schnalzervereine. So wie die ersten urkundlichen Erwähnungen des Brauchs im Rupertigau ab 1810. Oder das am 4. Februar 1829 durch das Laufener Landgericht wegen Lärmbelästigung verhängte Verbot des Schnalzens näher als 500 Schritt bei Ortschaften, nach dem abendlichen Gebetläuten und während der Gottesdienste. Übertretungen wurden "mit Arrest bestraft und Schnalzen nach dem Gebetläuten als Nachtschwärmerei und Ruhestörung" bestraft.

Von diesen Wurzeln und Verboten hat sich das Aperschnalzen lange emanzipiert und stattdessen als geschätztes Kulturgut etabliert. Heute spielt es in einer Liga mit der Spanischen Hofreitschule, der Wiener Ballund Kaffeehauskultur oder dem Stille Nacht-Lied. Seit 2013 ist der Brauch in die österreichische Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. In diese Hitparade schaffen es nur "kulturelle Ausdrucksformen, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden, aber im Gegensatz zu den bekannten Welterbestätten oder dem Weltdokumentenerbe nicht anfassbar sind".

Wobei kräftiges Zugreifen gerade beim Aperschnalzen das Um und Auf ist. Die Schnalzer müssen ihre "Goaßln" ("Geißel" für Peitsche) mit den bis zu sechs Meter langen in schwarzem Pech imprägnierten Hanfseilen über ihren Köpfen in einem gefälligen Rhythmus zum Schnalzen bringen - hohe Kunst! Eine 14-ohrige Jury bewertet den Auftritt jeder Schnalzerpass. In einer Art "akustischen Blindverkostung", denn die Herkunft der einzelnen Gruppen wird dem Publikum nur mit Tafeln angezeigt. Das aus bayerischen und salzburgischen Schnalzer-Gourmets zusammengestellte Juroren-Team ist hinter Rollläden postiert und kann allein das Klangmenü bewerten, ohne in Versuchung zu kommen, einem etwaigen Lokalpatriotismus zu frönen.

Die Trainingsabende vier Mal die Woche und öfter zahlen sich aus. Die Schnalzerwiese wird zum Orchestergraben. Was den Wienern ihr Neujahrskonzert, ist den Salzburgern und Bayern ihr Rupertigau-Preisschnalzen jährlich abwechselnd in Schnalzergemeinden drüben und herüben. Ein gesellschaftliches, sportliches und musikalisches Großereignis: Mehr als 200 Passen zu je neun Schnalzern treten im Wettbewerb an, viele Gruppen sind bunt gemischt: Mädchen mit Buben, Männlein mit Weiblein Die Kinder-und Jugendpassen fangen an. Bei den ganz Kleinen schnalzt oft mehr die Goaßln mit den Schnalzern - egal, was zählt, ist der olympische Gedanke.

Hochkomplexer rhythmischer Vorgang

"Seid's geschickt? Oane, zwoa, drei, dahin geht's!" geben die "Aufdreher", quasi die ersten Geiger des Schnalzerensembles, den Einsatz. Zwei Varianten stehen am Programm: Der "Pasch", bei dem alle Passmitglieder ihre Schnalzer im exakt gleichen Moment krachen lassen sollen, sodass im Idealfall ein einziger Knall erschallt. Wehe dem, der aus der Reihe schnalzt!

Die andere Herausforderung ist das "Draufschnalzen" oder taktmäßige Schnalzen: Die neun Schnalzerinnen und Schnalzer müssen der Reihe nach in möglichst gleichem Abstand elf Mal hintereinander "duschn", so dass ein schönes "Radl" und ein Ansteigen vom Leisesten zum Lautesten rauskommt. Präzisionsarbeit und ein hochkomplexer rhythmischer Vorgang: Neun Personen, die elf Mal schnalzen, ergibt pro Durchgang 99 Schläge. Bei einem Takt, der knapp neun Sekunden dauert, liegt der Abstand zwischen zwei Schlägen unter einer Zehntelsekunde, ein paar Hundertstel Abweichung wachsen sich da bereits zu groben Fehlern aus. Das ist aber erst die Technik, für einen perfekten Takt muss auch noch die "Musi", also der Rhythmus, harmonisch klingen -erst dann gelingt ein einwandfreies Klangerlebnis, wird das Publikum zu spontanem Applaus hingerissen, die Jury überzeugt.

"Schnalzen muss klingen wie Kirchenglocken, nicht wie ein Maschinengewehr", hat der Schnalzer-Doyen Paul Öschlberger vor langem und für alle Zeiten das entscheidende Klangkriterium definiert. Aus der amerikanischen Besatzungszeit sind Geschichten überliefert, dass die Schnalzer immer wieder mal Einsätze des US-Militärs provoziert haben, wenn GIs das Aperschnalzen mit Maschinengewehrsalven verwechselten. Heute gehört das Krachen und Knallen wie selbstverständlich zu den Winterabenden im Rupertiwinkel. Es pressiert, die Saison ist kurz, Schnalzerinnen und Schnalzer müssen trainieren, drent und herent, und die Saalach stellt sich schwarz und still gerne als Resonanzraum für den grenzenlosen Brauch zur Verfügung.

Nach Büroschluss, Werkstattschicht oder Stallarbeit, wenn es an Winterabenden bereits dunkel ist, dann werden auf vielen Wiesen im salzburgischen Flachgau und bayerischen Rupertiwinkel Scheinwerfer eingeschaltet, und es fängt zu knattern und zu knallen an. "Drent und herent", wie man in der Gegend sagt: Nur der Fluss dazwischen fließt ruhig und schwarz. Die Saalach trennt Österreich von Deutschland, Salzburg von Bayern. Politisch seit genau 200 Jahren. In Folge des Wiener Kongresses kam Salzburg am 1. Mai 1816 an Österreich -mit ein paar Ausnahmen. Einige Gemeinden am linken Saalach-und Salzachufer blieben bei Bayern. Der Name Rupertiwinkel im Gedenken an den Hl. Rupert von Salzburg verweist noch auf die lange gemeinsame Zeit.

Ein gemeinsamer Resonanzraum

Kulturell ist die Trennung sowieso nie vollzogen worden. Die Saalach ist besonders in der Zeit zwischen Stephanitag und Faschingssonntag keine Grenze, sondern ein gemeinsamer Resonanzraum, in den viele wachsame Ohren auf das Genaueste hineinhorchen und vom Knattern und Knallen auf der anderen Seite fürs eigene Training angespornt werden. "Es pressiert!" Der Schnalzer-Weltcup ist heuer besonders kurz, denn das Aperschnalzen ist nach dem kirchlichen Kalender ausgerichtet, und das frühe Ostern macht diese Wettbewerbssaison zu einem Schnalzer-Sprint. Darum knattert und knallt es dieser Tage besonders laut, wenn es dunkel wird in Gois und Ainring, in Perach und Wals, in Siezenheim, Offenwang, Liefering, Saaldorf

Und mit dem Schnalzen ist endlich auch der Winter eingekehrt. Erfolgreiches Brauchtum funktioniert also augenscheinlich auch umgekehrt: Anstatt ihrer jahrhundertealten Tradition gemäß den Schnee zu vertreiben, haben die Aperschnalzer (althochdeutsch "apir" bedeutet: "schneefrei werden") in diesem Winter den Schnee erst herbeigelockt. Wenn das Schule macht, können sich die Schnalzergruppen bald nicht mehr vor Einladungen aus den Skigebieten erwehren: Lärmbrauch statt Schneekanonenlärm - ein schöner Gedanke!

Die jahreszeitliche Befristung auf den Hochwinter lassen das Aper- oder Faschings-Schnalzen am wahrscheinlichsten als eine Ausformung des seit Urzeiten in vielen Varianten - Glockenläuten, Böllerschießen, Klappern, Ratschen, Poltern usw. - ausgeübten Lärmbrauchtums erscheinen. Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" heißt es dementsprechend: "Im Jahresbrauchtum spielen Lärmumzüge in der Winter-Frühlingsperiode eine hervorragende Rolle Je lauter die Knaben mit ihren Pfeifen, Glocken, Peitschen u. ä. lärmen, desto wirksamer sind ihre Umzüge." Effektiv im Sinne des Doppelcharakters magischer Handlungen, dass die bösen Geister der Finsternis, Nacht und Kälte vertrieben und die guten des Lichts, der Fruchtbarkeit und des Wachstums gerufen werden - oder wie es das Aberglauben-Lexikon zusammenfasst: "Letzten Endes mag der Umstand, dass die Geister selbst als lärmend gedacht werden, die Vorstellung hervorgerufen haben, sie durch Lärm beliebig anlocken bzw. vertreiben zu können."

Heidnisch-kultischer Ursprung

Heute findet sich dieser heidnisch-kultische Ursprung des Aperschnalzens nur mehr als historische Reminiszenz in diversen Festschriften der Schnalzervereine. So wie die ersten urkundlichen Erwähnungen des Brauchs im Rupertigau ab 1810. Oder das am 4. Februar 1829 durch das Laufener Landgericht wegen Lärmbelästigung verhängte Verbot des Schnalzens näher als 500 Schritt bei Ortschaften, nach dem abendlichen Gebetläuten und während der Gottesdienste. Übertretungen wurden "mit Arrest bestraft und Schnalzen nach dem Gebetläuten als Nachtschwärmerei und Ruhestörung" bestraft.

Von diesen Wurzeln und Verboten hat sich das Aperschnalzen lange emanzipiert und stattdessen als geschätztes Kulturgut etabliert. Heute spielt es in einer Liga mit der Spanischen Hofreitschule, der Wiener Ballund Kaffeehauskultur oder dem Stille Nacht-Lied. Seit 2013 ist der Brauch in die österreichische Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. In diese Hitparade schaffen es nur "kulturelle Ausdrucksformen, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden, aber im Gegensatz zu den bekannten Welterbestätten oder dem Weltdokumentenerbe nicht anfassbar sind".

Wobei kräftiges Zugreifen gerade beim Aperschnalzen das Um und Auf ist. Die Schnalzer müssen ihre "Goaßln" ("Geißel" für Peitsche) mit den bis zu sechs Meter langen in schwarzem Pech imprägnierten Hanfseilen über ihren Köpfen in einem gefälligen Rhythmus zum Schnalzen bringen - hohe Kunst! Eine 14-ohrige Jury bewertet den Auftritt jeder Schnalzerpass. In einer Art "akustischen Blindverkostung", denn die Herkunft der einzelnen Gruppen wird dem Publikum nur mit Tafeln angezeigt. Das aus bayerischen und salzburgischen Schnalzer-Gourmets zusammengestellte Juroren-Team ist hinter Rollläden postiert und kann allein das Klangmenü bewerten, ohne in Versuchung zu kommen, einem etwaigen Lokalpatriotismus zu frönen.

Die Trainingsabende vier Mal die Woche und öfter zahlen sich aus. Die Schnalzerwiese wird zum Orchestergraben. Was den Wienern ihr Neujahrskonzert, ist den Salzburgern und Bayern ihr Rupertigau-Preisschnalzen jährlich abwechselnd in Schnalzergemeinden drüben und herüben. Ein gesellschaftliches, sportliches und musikalisches Großereignis: Mehr als 200 Passen zu je neun Schnalzern treten im Wettbewerb an, viele Gruppen sind bunt gemischt: Mädchen mit Buben, Männlein mit Weiblein Die Kinder-und Jugendpassen fangen an. Bei den ganz Kleinen schnalzt oft mehr die Goaßln mit den Schnalzern - egal, was zählt, ist der olympische Gedanke.

Hochkomplexer rhythmischer Vorgang

"Seid's geschickt? Oane, zwoa, drei, dahin geht's!" geben die "Aufdreher", quasi die ersten Geiger des Schnalzerensembles, den Einsatz. Zwei Varianten stehen am Programm: Der "Pasch", bei dem alle Passmitglieder ihre Schnalzer im exakt gleichen Moment krachen lassen sollen, sodass im Idealfall ein einziger Knall erschallt. Wehe dem, der aus der Reihe schnalzt!

Die andere Herausforderung ist das "Draufschnalzen" oder taktmäßige Schnalzen: Die neun Schnalzerinnen und Schnalzer müssen der Reihe nach in möglichst gleichem Abstand elf Mal hintereinander "duschn", so dass ein schönes "Radl" und ein Ansteigen vom Leisesten zum Lautesten rauskommt. Präzisionsarbeit und ein hochkomplexer rhythmischer Vorgang: Neun Personen, die elf Mal schnalzen, ergibt pro Durchgang 99 Schläge. Bei einem Takt, der knapp neun Sekunden dauert, liegt der Abstand zwischen zwei Schlägen unter einer Zehntelsekunde, ein paar Hundertstel Abweichung wachsen sich da bereits zu groben Fehlern aus. Das ist aber erst die Technik, für einen perfekten Takt muss auch noch die "Musi", also der Rhythmus, harmonisch klingen -erst dann gelingt ein einwandfreies Klangerlebnis, wird das Publikum zu spontanem Applaus hingerissen, die Jury überzeugt.

"Schnalzen muss klingen wie Kirchenglocken, nicht wie ein Maschinengewehr", hat der Schnalzer-Doyen Paul Öschlberger vor langem und für alle Zeiten das entscheidende Klangkriterium definiert. Aus der amerikanischen Besatzungszeit sind Geschichten überliefert, dass die Schnalzer immer wieder mal Einsätze des US-Militärs provoziert haben, wenn GIs das Aperschnalzen mit Maschinengewehrsalven verwechselten. Heute gehört das Krachen und Knallen wie selbstverständlich zu den Winterabenden im Rupertiwinkel. Es pressiert, die Saison ist kurz, Schnalzerinnen und Schnalzer müssen trainieren, drent und herent, und die Saalach stellt sich schwarz und still gerne als Resonanzraum für den grenzenlosen Brauch zur Verfügung.