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Der Schein trügt nicht mehr

Wahrhaftigkeit ist heute nur mäßig gefragt, leere Hüllen hingegen boomen; lässt sich doch mit ihnen Erfolg einheimsen. Der deutsche Exminister zu Guttenberg hat zweifellos Talent, Bildung und sogar Kinderstube. Von der Krankheit unserer Zeit ist allerdings auch er befallen. Sein Hang, in rasender Geschwindigkeit etwas vorzutäuschen, das er nicht ist, brachte ihn - zumindest vorübergehend - zu Fall.

Bei uns haben es die Darsteller nicht so schrecklich eilig und müssen sich auch weniger anstrengen und bei ihren Verstellungskünsten keinen großen Aufwand betreiben. Ein bisschen lächeln, ein paar Worthülsen - und schon ist die Sache geritzt. Das Erbringen schlechter Leistungen gepaart mit öffentlicher Bestechung, Veruntreuung von Steuergeldern, schamloser Gier beim Zuteilen eigener Prämien, fragwürdigen Finanztransaktionen und Verschleierung von Pleiten, all das sind längst Kavaliersdelikte; nicht vor Gericht, denn dorthin gelangen sie ohnehin nur in den seltensten Fällen.

Die Herrschaften, denen derzeit die Möglichkeit gegeben wird, etwas vorzutäuschen, brauchen über eine italienische Prostituierte, die ihren Beruf professionell ausübt, nicht die Nase rümpfen. Ihr Benehmen war weniger peinlich als das so mancher Society-Lady oder von so manchem mediengeilen Herrn. Österreich hat auch in seinem Niedergang an Charme eingebüßt. Eine logische Folge wäre es, am nächsten Staatsball den zahlreichen Orden die goldene Fußfessel hinzuzufügen.

Der Schein trügt ohnehin nicht mehr. Hinter ihren hohlen Fassaden suchen die Protagonisten vergeblich nach sich selbst. Nicht weil sie ihre frisch operierten Gesichter nicht erkennen, sondern weil sie keine mehr haben. Es würde sich auszahlen, die Finanzen für dieses mehrfache Nichts einzusparen und den Fälschern das Handwerk zu legen. Aber dazu ist Österreich noch immer ein viel zu reiches lebenswertes, wenn auch keineswegs liebenswertes Land.

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