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Feuilleton

Der Schlamm schluckt alles

1945 1960 1980 2000 2020

"Glaube und Heimat" im Burgtheater: Interpretation, Denunziation oder unnötige Ausgrabung?

1945 1960 1980 2000 2020

"Glaube und Heimat" im Burgtheater: Interpretation, Denunziation oder unnötige Ausgrabung?

Das Stück "Glaube und Heimat" von Karl Schönherr endet ungemein christlich, versöhnlich, human: Der Spatz, das Bübel (Agnes Riegl) ist tot, Vater Rott hat den Reiter, der die Protestanten vertreibt, niedergerungen und könnte ihn erschlagen. Er tut es aber nicht, weil Gott kein Blut will. Worauf der Reiter, der vertriebenen Protestantenfamilie nachblickend, geläutert sein Schwert zertritt und zusammenbricht. So edel ging es einst zu auf der Bühne. Martin Kusej aktualisiert. Der Bauer lässt den Reiter los, der Reiter ersticht den Bauern, die Bäuerin schlägt dem Reiter das Hackel ins Kreuz. So geht es zu auf der Welt. Aber muss man ein rettungslos antiquiertes Stück über sich ergehen lassen, um dies zu erfahren?

Und muss es endlos Nieselschleier und zeitweise auch Schuhe auf eine wüste Schlammstatt regnen, auf dass dem Publikum die Erkenntnis dämmere, dass der Konkurrenzkampf der Konfessionen respektive Ideologien eine einzige Schlammschlacht ist? Schlamm ist die optische Formel, auf die Martin Kusej seine Burgtheater-Inszenierung gründet. Die Bühne Schlamm, die Menschen Schlamm, die Kostüme Schlamm (nebst etwas Blut), und während sich die in den Schlamm stürzenden Schauspieler immer schwärzer einfärben, dämmert uns die eine oder andere Erkenntnis über den Menschen, oder soll uns dämmern, was ihr freilich auch mit weniger Schlamm auf der Bühne, ja selbst ganz ohne "Glaube und Heimat" gelungen wäre Der Schlamm am Boden eines hohen Raumes, mit dem Martin Zehetgruber ein interessantes Amalgam aus Bauernstadel und NS-Architektur gelang, ist immerhin ein interessantes Bild. Freilich auch ein recht konventionelles aus dem Geist des Regietheaters. Eine ganze Aufführung, auch wenn sie nur zwei Stunden dauert, trägt es nicht. Zu kurz blicken wir am Ende in die Berge.

Martin Kusej hat eine Menge Kluges, Richtiges, Aktuelles gemeint. Doch kaum ein Zuschauer dürfte das Theater mit einer Weisheit verlassen, die er nicht schon mitgebracht hat. Wenn Kusej etwas bewiesen hat, dann allenfalls, dass sich das Stück über die Austreibung der Protestanten aus Tirol so überlebt hat, dass es weder einer Denunziation noch einer weiteren Überprüfung und schon gar keiner Wiederentdeckung bedarf. Seine Unzeitgemäßheit hat astronomische Ausmaße. Aha-Effekte gäbe es allenfalls in den Herrgottswinkeln und besonnten Landschaften der originalen Regieanmerkungen.

Werner Wölbern, Martin Schwab, Ignaz Kirchner, Johannes Terne, Sylvie Rohrer, einem großartigen Ensemble gelingen eindrucksvolle Szenen. Doch der Schlamm schluckt einen großen Teil der Wirkung.

Das Stück "Glaube und Heimat" von Karl Schönherr endet ungemein christlich, versöhnlich, human: Der Spatz, das Bübel (Agnes Riegl) ist tot, Vater Rott hat den Reiter, der die Protestanten vertreibt, niedergerungen und könnte ihn erschlagen. Er tut es aber nicht, weil Gott kein Blut will. Worauf der Reiter, der vertriebenen Protestantenfamilie nachblickend, geläutert sein Schwert zertritt und zusammenbricht. So edel ging es einst zu auf der Bühne. Martin Kusej aktualisiert. Der Bauer lässt den Reiter los, der Reiter ersticht den Bauern, die Bäuerin schlägt dem Reiter das Hackel ins Kreuz. So geht es zu auf der Welt. Aber muss man ein rettungslos antiquiertes Stück über sich ergehen lassen, um dies zu erfahren?

Und muss es endlos Nieselschleier und zeitweise auch Schuhe auf eine wüste Schlammstatt regnen, auf dass dem Publikum die Erkenntnis dämmere, dass der Konkurrenzkampf der Konfessionen respektive Ideologien eine einzige Schlammschlacht ist? Schlamm ist die optische Formel, auf die Martin Kusej seine Burgtheater-Inszenierung gründet. Die Bühne Schlamm, die Menschen Schlamm, die Kostüme Schlamm (nebst etwas Blut), und während sich die in den Schlamm stürzenden Schauspieler immer schwärzer einfärben, dämmert uns die eine oder andere Erkenntnis über den Menschen, oder soll uns dämmern, was ihr freilich auch mit weniger Schlamm auf der Bühne, ja selbst ganz ohne "Glaube und Heimat" gelungen wäre Der Schlamm am Boden eines hohen Raumes, mit dem Martin Zehetgruber ein interessantes Amalgam aus Bauernstadel und NS-Architektur gelang, ist immerhin ein interessantes Bild. Freilich auch ein recht konventionelles aus dem Geist des Regietheaters. Eine ganze Aufführung, auch wenn sie nur zwei Stunden dauert, trägt es nicht. Zu kurz blicken wir am Ende in die Berge.

Martin Kusej hat eine Menge Kluges, Richtiges, Aktuelles gemeint. Doch kaum ein Zuschauer dürfte das Theater mit einer Weisheit verlassen, die er nicht schon mitgebracht hat. Wenn Kusej etwas bewiesen hat, dann allenfalls, dass sich das Stück über die Austreibung der Protestanten aus Tirol so überlebt hat, dass es weder einer Denunziation noch einer weiteren Überprüfung und schon gar keiner Wiederentdeckung bedarf. Seine Unzeitgemäßheit hat astronomische Ausmaße. Aha-Effekte gäbe es allenfalls in den Herrgottswinkeln und besonnten Landschaften der originalen Regieanmerkungen.

Werner Wölbern, Martin Schwab, Ignaz Kirchner, Johannes Terne, Sylvie Rohrer, einem großartigen Ensemble gelingen eindrucksvolle Szenen. Doch der Schlamm schluckt einen großen Teil der Wirkung.