Der Sommer wird einTHEATERFEST

Niederösterreichs Festivals bringen im aktuellen Sommer viel frischen Wind - haben doch an zahlreichen Orten heuer und im Vorjahr neue Intendanten das Ruder übernommen. An einem Neuanfang steht beispielsweise der Theatersommer Haag, wo Gregor Bloéb bis im Vorjahr Anspruchvolles bot, das bis zu einer Uraufführung und einer Kooperation mit dem Theater in der Josefstadt reichte. Christoph Wagner-Trenkwitz, Dramaturg an der Wiener Volksoper und bekannt als Ö1-und Opernballmoderator, hat die Intendanz übernommen und bringt in seinem ersten Sommer die venezianische Maskenkomödie "Zerbinettas Befreiung" von Fritz von Herzmanovsky-Orlando, die sich um ein Mordkomplott sowie um Duelle und Intrigen dreht. Die Ausrichtung wird somit bei einem Festival, das sich im Vorjahr mit dem NS-Wehrdienstverweigerer Jägerstätter befasste, eine andere sein -gleich bleibt, dass der Intendant auch selbst auf der Bühne stehen wird.

Dies wird auch Sebastian Reinthaller tun, der die Bühne Baden mit Anfang Mai von Langzeitintendant Robert Herzl übernommen hat. Für die Sommersaison, in der fast ausschließlich in der Sommerarena im Kurpark mit zu öffnendem Dach gespielt wird, hat er Lehárs "Giuditta" mit sich selbst als Hauptmann Octavio und Bibiana Nwobilo in der Titelrolle angesetzt. Zudem zeigt er ab 11. Juli Kálmáns "Die Zirkusprinzessin", auch in dieser Operette wird er selbst mitwirken. In bewährter Manier präsentiert die Bühne Baden in der Sommerarena auch ein Theaterstück, Birgit Doll ist mit der Regie von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" beauftragt. Während Operette und Schauspiel in die Sommerarena übersiedeln, wird im Stadttheater die Wiederaufnahme des Musicals "Jesus Christ Superstar" gespielt.

Musik aus vielen Genres

Bereits im Vorjahr angetreten ist Zeno Stanek in Stockerau. Er hat die unter Alfons Haider lange erfolgreich als Musicalstandort betriebenen Festspiele zurück zum Sprechtheater gebracht und zeigt heuer "Einer flog über das Kuckucksnest" von Ken Kesey, dra matisiert von Dale Wassermann. Die Verfilmung von Milos Forman mit Jack Nicholson machte diese harte Geschichte bekannt, die Nicholson-Figur McMurphy ruft darin in einer psychiatrischen Anstalt, in der die Insassen mit Medikamenten und Elektroschocks ruhig gestellt werden, zum Widerstand auf. Stanek setzt nicht nur auf tiefgehendes Schauspiel, sondern auch auf Musik aus allen Genres, die in dem Festival "Querfeld1" als Aperitifkonzerte in Lokale der Stadt und auf den Hauptplatz gebracht wird.

Für Musik aus vielen Genres und vor allem auch aus aller Welt steht auch das Festival "Glatt &Verkehrt", das man bis 27. Juli unter anderem in der Sandgrube 13 in Krems veranstaltet. Hier wird die Auseinandersetzung mit musikalischen Wurzeln aller Art, egal, ob aus Österreich, Afrika oder heuer auch Kurdistan, groß geschrieben.

Junge Talente

Zeno Stanek hatte sich u. a. in Litschau einen Namen gemacht. Das Schrammel-Klang-Festival, bei dem auf Bühnen rund um den Herrensee mitten im Wald und auf Wiesen musiziert wird, und das am vergangenen Wochenende stattfand, betreibt der innovative Theatermacher weiter. Das Herrenseetheater hat er 2013 an Margit Mezgolich übergeben, die als TAG-Leiterin für Einfallsreichtum bekannt ist.w Diese zeigt heuer "12 Stühle" von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, ein Stück für vier Vollblutkomödianten.

Ebenfalls vergangenen Sommer begann Isabella Gregor als Intendantin der Festspiele Gutenstein. Sie kehrte nach einigen Jahren, in denen österreichische Musicals uraufgeführt wurden, zum bewährten Konzept zurück, dort Stücke von Ferdinand Raimund zu bringen, heuer ab 17. Juli "Der Bauer als Millionär".

Isabella Gregor hinterlässt ihre Handschrift aber nicht nur an diesem Standort des Theaterfests Niederösterreich, sondern auch in Klosterneuburg, wo sie "Die Zauberflöte" inszeniert. Vor dem neu renovierten Chorherrenstift, das heuer sein 900-jähriges Bestehen feiert, zeigt man "ohne technische Verstärkung, werkgetreu respektvoll, ästhetisch einladend und dennoch nicht verstaubt altmodisch" Mozarts Oper. "Die gute Freiluftakustik und auch eine gewisse Intimität ermöglichen ein kammermusikalisches, an historischer Aufführungspraxis orientiertes Herangehen an das Werk", sagt der musikalische Leiter, Thomas Rösner. operklosterneuburg ist zudem ein Festival, das dafür steht, jungen, aufstrebenden Talenten eine Chance zu geben -nicht nur einmal begannen heute bekannte Sänger ihre Karriere auch bei Intendant Michael Garschall im Kaiserhof des Stifts.

Große Namen der Opernwelt

Eine Neuausrichtung hat sich auch Johannes Wildner als neuer Leiter des nunmehr "Oper Burg Gars" genannten Festivals vorgenommen, auch wenn er die Bedeutung der Kulisse unterstreicht: "Der wahre Star in unserem Ensemble ist die Burg. Es ist ihre fantastische Atmosphäre, die unbestritten im Mittelpunkt steht".

Große Namen der Opernwelt sind nicht nur bei den Salzburger Festspielen zu hören, sondern auch in Niederösterreich. Rudolf Buchbinder hat in Grafenegg ein Festival etabliert, das heuer Künstler wie Patricia Petibon, Christine Schäfer und Michael Schade präsentiert. Vor allem aber ist der "Wolkenturm", von dessen Tribüne aus man während des Konzerts Park und Schloss bewundern kann, ein Ort, an dem sich die großen Orchester im August die Klinke in die Hand geben -dem Vernehmen nach zu Traumgagen. "Eines der bedeutendsten Orchesterfestivals Europas" nennt Buchbinder das Festival in Grafenegg und hat heuer Klangkörper wie das Seoul Philharmonic Orchestra, das London Symphony Orchestra, das Toronto Symphony Orchestra, die Tschechische Philharmonie und natürlich die Lokalpatrioten, das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, verpflichtet. Unter den Dirigenten sind Andris Nelsons, Kent Nagano und Antonio Pappano. Composer in Residence ist heuer der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann. Buchbinder wurde kürzlich als Intendant bis 2018 verlängert.

Eine Besonderheit hat man sich bei den Sommerspielen Melk überlegt. Anlässlich des Gedenkjahres zum Ersten Weltkrieg und der Ausstellung "Jubel &Elend. Leben mit dem Großen Krieg 1914-1918" in der nahegelegenen Schallaburg hat man Franzobel mit der Dramatisierung von Fritz Langs Stummfilm "Metropolis" beauftragt. Lang schuf dieses Science-Fiction-Epos Mitte der 1920er-Jahre unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und ließ Menschen zu Maschinen werden. Intendant Alexander Hauer führt selbst Regie, die Musik kommt von Thomas Gansch, u. a. bekannt aus der humorvollen Bläserformation Mnozil Brass.

Ebenfalls auf einen Film-Stoff setzt man beim Musicalsommer Amstetten, der seit Jahren für herausragende Produktionen steht, die mehrfach an große Bühnen übernommen wurden. Heuer hat man sich die österreichische Erstaufführung von "Flashdance" nach dem gleichnamigen Film gesichert. Das Leading Team Werner Sobotka, Regie, Christian Frank, musikalische Leitung, und Ramesh Nair, Choreografie, konnte schon mehrfach in den Kammerspielen in Wien Musical-Erfolge verbuchen.

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