Mellville
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Fragen zur Menschlichkeit: Vor 200 Jahren wurde Herman Melville geboren.

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Fragen zur Menschlichkeit: Vor 200 Jahren wurde Herman Melville geboren.

„Bis ich fünfundzwanzig war“, schreibt Herman Melville 1851 in einem Brief, „hatte ich mich überhaupt nicht entwickelt. Ich datiere mein Leben von meinem fünfundzwanzigsten Jahr an.“ Das verblüfft. Denn der am 1. August 1819 in New York geborene Schriftsteller hat sehr jung seinen Vater verloren, bereits als 19-Jähriger auf einem Handelsschiff angeheuert und dann immerhin insgesamt vier Jahre auf See und in Polynesien verbracht. Und da sollte sich nichts entwickelt haben?

Den calvinistisch erzogenen jungen Mann dürften der freizügige Umgang mit Sexualität und die paradiesischen Landschaften im Pazifik ziemlich beeindruckt haben. Jedenfalls hinterließen sie in seinem ersten Buch „Typee“ (1846) entsprechende Spuren, wobei Melvilles Darstellungen der Kultur und Sprache eher „effekthascherische Mixturen aus Fiktionen und Tatsachen waren“. Melville, so Andrew Delbanco, „träumte sich die Welt von Taipi als Gegenteil seiner eigenen zurecht; am Ende könnte man das ganze Buch als eine einzige rhetorische Frage sehen: Was würde es bedeuten, im Paradies zu leben?“ Die sinnlichen Anspielungen waren zu dieser Zeit durchaus gewagt und das Buch verkaufte sich – im Unterschied zu Melvilles späteren Werken – recht gut.

Aber was Herman Melville von diesen Jahren wohl auch mitbrachte, waren ganz grundlegende Wahrnehmungen. Aufgewachsen in einer Zeit, in der die Vorstellung – „hier die gelobte Zivilisation, dort die primitiven Wilden“ – noch allgemein anerkannt war, wurde ihm dieser Gegensatz nun kräftig durchgeschüttelt. Er erfuhr, dass Herkunft, Zivilisation oder Bildung auf so einem Schiff nicht viel bedeuteten. Entscheidend war, ob man konnte, was gebraucht wurde. Und er brachte, fasziniert von den fremden Sitten und Gebräuchen, eine Skepsis mit nach Hause in Bezug auf die angeblich lineare Entwicklung vom Primitiven zum Zivilisierten.

Sieht nicht für jeden das jeweils Fremde primitiv aus – und umgekehrt? Diese Frage stellte Herman Melville sich und seinen Lesern. In seinem Roman „Weißjacke oder Die Welt auf einem Kriegsschiff“ schreibt er 1850 über einen Polynesier: „Er verwarf unseren Glauben, wir den seinen. Wir hielten ihn für einen Dummkopf; in seinen Augen waren wir Narren. Und wäre es umgekehrt, wären wir Polynesier und er Amerikaner gewesen – unsere Meinung voneinander wäre dennoch dieselbe geblieben. Ein Beweis, daß keiner von beiden unrecht, sondern beide recht hatten.“

Wie ein trautes Liebespaar

Aufgewachsen in einer Welt, in der eine Hierarchie der Rassen noch weitgehend als selbstverständlich galt, ist es umso erstaunlicher, was man in Melvilles 1851 erschienenen Roman „Moby-Dick“ zu lesen bekommt. Der Ich-Erzähler Ishmael möchte auf einem Walfängerschiff anheuern, er kommt in das „Gasthaus zum blasenden Wal“, in dem nur ein halbes Bett frei ist, und muss sich dieses daher mit einem dunk­len „Wilden“ teilen.