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"Der Tod kann kommen, aber bitte höflich"

1945 1960 1980 2000 2020

Alina Bronsky bezieht sich in ihrem jüngsten Roman auf das Schicksal der Tschernobyl-Heimkehrer.

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Alina Bronsky bezieht sich in ihrem jüngsten Roman auf das Schicksal der Tschernobyl-Heimkehrer.

Leben im verseuchten Land, in der Todeszone, aus der man nach einem Reaktorunglück einst zwangsevakuiert worden ist. Für die Situation im fiktiven Tschernowo, in das Menschen zurückgekehrt sind, gibt es tatsächlich ein reales Pendant. Wer tut sich das freiwillig an? Und warum?

Genau diese Frage rückt die im russischen Jekaterinburg geborene Autorin Alina Bronsky in den Mittelpunkt ihres Romans "Baba Dunjas letzte Liebe". Bronsky hat zwar russische Wurzeln, lebt aber schon mehr als zehn Jahre in Deutschland, wo sie unter einem Pseudonym publiziert und bereits für ihr Debüt "Scherbenpark" 2008 Anerkennung bekommen hat. Vom atomaren Supergau hat sie damals nichts mitbekommen, obwohl sie nicht weit davon aufgewachsen ist.

In diesem schmalen Prosatext, der im Herbst auch für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert worden ist, greift Bronsky auf eine reale Szenerie zurück, auch wenn sie nicht vor Ort war, um Feldstudien zu betreiben oder Interviews mit Betroffenen durchzuführen. Es habe sie interessiert, die Beweggründe dieser Tschernobyl-Heimkehrer zu beleuchten und der Frage nach dem Warum auf den Grund zu gehen, erklärt sie in einem Blog. Der FAZ erzählt Bronsky, dass sie auf Facebook zufällig auf einen Text der Schriftstellerin Elizabeth Gilbert gestoßen sei, die deren Schicksal beschrieben habe. Auch einzelne Figuren habe sie mit konkreten Wirklichkeitsfragmenten ausgestattet. Den Grund für die Heimkehr sieht Bronsky im "Unabhängigkeitsdenken" dieser Menschen, aber auch in der "innigen Verbundenheit mit dem Dorf und dem Land" sowie in der "Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit".

Wahre Geschichten als Vorlage

Tatsächlich sind in den Medien zahlreiche Geschichten über Tschernobyl-Heimkehrer erschienen, und Baba Dunja erinnert erstaunlich an die 80-jährige Hanna Semenenko. Sie ist im April 1986 nach der nuklearen Katastrophe evakuiert worden und aus einer Stadt nahe Kiew zurückgekehrt, auch wenn sie ihre Familie deshalb nicht mehr treffen kann, denn Jugendliche dürfen nicht in die Todeszone. Ganz ähnlich wie Bronskys Romanfigur versorgt sie sich selbst. Einmal pro Woche kommt ein fliegender Händler vorbei und bringt das Nötigste, das, was sonst noch fehlt. Darüber hat der Spiegel 2006 in einer Reportage ausführlich berichtet. Das Leben im verseuchten Gebiet geht weiter, wenn auch ziemlich reduziert, was die öffentliche Versorgung anbelangt.

Bronsky umkreist in ihrem Roman die Geschichte ihrer Protagonistin Baba Dunja. Sie ist schon alt geworden und aller Unkenrufe zum Trotz als Erste nach Tschernowo zurückgekehrt. Deshalb hat sie in diesem gottverlassenen Ort, in dem auch die Toten präsent sind, eine Sonderstellung: "Ich hab alles gesehen und vor nichts mehr Angst. Der Tod kann kommen, aber bitte höflich." Sie zieht in ihr altes Haus, obwohl viele andere auch leer stehen, bewirtschaftet ihren Garten, weil ihr das Gemüse Autonomie ermöglicht. "Das Gute am Altsein ist, dass man niemanden mehr um Erlaubnis zu fragen braucht." Auch wenn ihre Tochter diesen Schritt vergeblich zu verhindern versucht und sie ihre Enkeltochter nicht mehr sehen wird, lässt sie sich von ihrem Entschluss, der sie in die Isolation führt - in eine Abkehr von einem Leben nach herkömmlichen Vorstellungen, nicht abbringen. Und trotzdem: "Wenn uns hier eins nichts anhaben kann, dann sind es die Epidemien der restlichen Welt." Es gibt hier kein Geschäft, keine externe Versorgung. Mit der Zeit kommen ein paar ehemalige Nachbarn zurück, etwa zwei Hände voll. Sie alle wissen, dass ihr Leben sich hier von Grund auf ändern wird. "Wer nach Tschernowo zurückkehrt, hat keine Lust auf Gemeinschaft." Und doch entsteht im Laufe der Zeit eine neue Form des sozialen Zusammenlebens und Füreinander-Einstehens, obwohl die Bewohner eine quasi stille Vereinbarung haben, nämlich ihre Probleme allein zu lösen.

Bronsky bündelt in diesem Roman interessante thematische Aspekte. Zum einen geht es um die Autonomie in der Phase des Lebensabends, um das Gedankenspiel zwischen absoluter Freiheit und Heim-,ja Ankommen. Die Figuren leben ihr Leben nach ihren eigenen Spielregeln und ihrem Rhythmus. Der Staat hat sich zurückgezogen, die Menschen hier fixieren die Koordinaten des sozialen Zusammenlebens selbst in einem unendlich erscheinenden Zeitkontinuum, das ihnen allein gehört: "Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine. Im Grunde sind unsere täglichen Abläufe eine Art Spiel ... Von uns erwartet niemand etwas." Von da an lernt Baba Dunja, sich in ihrem "Leben wohlzufühlen".

Salopp, lakonisch, mitunter etwas derb

Zum anderen akzentuiert Bronsky auch die Frage nach dem Gewissen und nach dem Guten. Baba Dunja versucht, "ein guter Mensch zu sein". Als ein Fremder ein kleines Mädchen plötzlich in die Todeszone bringt, eskaliert die Situation in Tschernowo. Auf Baba Dunja fällt ein schrecklicher Verdacht. Ihre Geschichte schildert sie in Briefen ihrer Enkelin Laura, die sie nie gesehen hat und der sie zu erklären versucht, warum die Situation so ist, wie sie ist.

Salopp, lakonisch und mitunter auch etwas derb beschreibt Bronsky die kleinen Katastrophen des Lebens, die plötzlich zu großen werden. Diese Geschichte Baba Dunjas liest sich ob der einfachen Sprach-und Erzählstruktur äußerst schnell, sogar berührend. Dennoch hat man Bronsky bald mit dem Vorwurf der Verharmlosung konfrontiert, der sicher nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Mutig ist es trotzdem, sich gerade im Alter von der Welt zurückzuziehen. So umgibt das Leben der Protagonistin auf den ersten Blick der prächtige Nimbus der Ungebundenheit. Doch der Schein trügt. Denn auch die kleine Gemeinschaft erfordert Regeln und schafft Dispositionen mit neuen Bindungen, ja Mühsal. Dass Baba Dunja nur mehr postalischen Kontakt zu ihrer Familie haben kann, ist eine weitere Folge ihrer Entscheidung, die als Gedankenexperiment zwar interessant sein mag, zugleich aber Egoismus forciert und neue Abhängigkeiten generiert. Für die Leser bleibt die Frage nach dem Sich-Wohlfühlen im Leben letztlich offen. Ankommen um jeden Preis, was ist das schon?

Baba Dunjas letzte Liebe

Roman von Alina Bronsky

Kiepenheuer & Witsch 2015

154 Seiten, geb., € 16,50

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