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Der Tod soll bitte noch eine Zeit lang warten

Christoph Schlingensiefs "Mea culpa" - der dritte Teil seiner Krebstrilogie - am Burgtheater: Eine berührende Produktion, die sich dem Instrumentarium des Theaterkritikers entzieht.

Anfang 2008 wurde bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem will er über Krankheit, Sterben und Tod sprechen. Und zwar, wie er in dem im April erscheinenden Tagebuch seiner Krebserkrankung "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!" schreibt, will er damit gegen eine Ächtungskultur ansprechen, die den Kranken Redeverbot erteilt. Schlingensief sieht darin aber auch eine Art Selbsttherapie. Denn wer schweigt, wird sterben oder, wie er mit dem Schamanen unter den deutschen Künstlern, Joseph Beuys, sagt: "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt."

Übermaß an Authentizität

Schlingensief hat immer schon wenig Unterscheidungen zwischen Kunst und Leben gemacht, so ist es nur konsequent, dass er seine Krankheit, den Krebs, den drohenden Tod, die Angst, die Hoffnung zum Material seines Gestaltungswillens macht. Nach dem bedrückenden Requiem auf sich selbst "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" für die Ruhrtriennale in Duisburg und dem überaus intimen, bestürzenden "Zwischenstand der Dinge" für das Maxim Gorki Theater in Berlin war mit "Mea Culpa" nun der dritte Teil seiner Krebs-Trilogie auf der Bühne des Wiener Burgtheaters zu sehen. Man kann in der Theatralisierung der eigenen Krankheit auch die ostentative Weigerung sehen, das Schicksal einfach so hinzunehmen. "Ich will noch nicht in den Himmel. Ich habe den Tod gesehen und das reicht mir erst einmal", lässt er sein Alter Ego im Stück einmal sagen.

"Mea Culpa" ist denn auch eine Art Auferstehungsfeier und bildet den gleichsam heiteren Teil der Krebstrilogie. Zu rezensieren ist dieser über weite Strecken ergreifende Theaterabend aber dennoch kaum. Er entzieht sich herkömmlichen Rezensionskriterien, nicht so sehr, weil Schlingensief ihn mit seiner unverwechselbaren Überwältigungsstrategie mit kunstgeschichtlichen Verweisen, Selbstzitaten, Collagen etc. überfrachtet, sondern weil er durch die Wirklichkeit überlagert wird, weil er ein Übermaß an Authentizität besitzt, weil die wahre Krankheit von Schlingensief diesen Theaterabend irgendwie unangreifbar macht.

Theatrales Memento mori

Er nennt das Stück eine "ReadyMade Oper". In drei Akten werden fertige Versatzstücke aus Literatur und Philosophie (etwa aus Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft", Goethes "Faust" oder Texte von Elfriede Jelinek, Derek Jarman, Leonard Cohen, Boris Groys, Slavoj Zizek u. a.) sowie Videobilder und Musik zu einem theatralen Memento mori zusammengeschmolzen. Der erste mit "ein Bild aus dem Jenseits ins Hier" überschriebene Akt ist noch am ehesten der Schlingensief, wie wir ihn kennen: Auf der von Janina Audick mit Türmen, Fassaden, Zimmer, Nischen, Torbögen aufwendig gestalteten Drehbühne ziehen die Stationen des Dramas vorbei. Joachim Meyerhoff als Alter Ego von Schlingensief erfährt zusammen mit seiner Verlobten (Fritzi Haberlandt) von seiner Krankheit. Auf der Suche nach verschiedenen Heilungsorten und unterschiedlichen Heilungsmöglichkeiten führt uns das Stationendrama durch eine vielgestaltige Menschengemeinde von einem Speisesaal eines freakigen Ayurveda-Zentrums, deren Hausdichterin (Irm Hermann) und Direktorin (Margit Carstensen) kein Vers und kein Heilsversprechen dumm genug erscheinen, um ihre Geschäfte zu machen, über eine Kathedrale samt Krippenspiel bis hin zur afrikanischen Hütte mit Voodoo-Zauber. Auf einer vernagelten Bretterbude steht geschrieben "wegen Unsterblichkeit geschlossen", der Sarg davor muss leer bleiben. Die gewaltige Szenerie wird zusammengehalten durch die Musik des Komponisten Arno Waschk. Aus Schubert, Bach, Mahler und immer wieder Wagner - "Parsifal" und "Tristan" - hat er, unterstützt vom Orchester Viva Musica Festival Orchestra Bratislava und vom Chor der Universität Wien, ein stets elegisch vibrierendes, suggestives Klanggebäude errichtet.

"Ich hab noch so viel vor"

Im zweiten Akt tritt über einen Steg aus dem Publikum Christoph Schlingensief persönlich auf. Dem Vorwurf, hier sei der immer gleiche Narzisst am Werk, der selbst noch seine Krankheit zur Kunst erhebe, schleudert er die Einladung zur öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Tod entgegen. "Schreiben Sie mir, wenn Sie Krebs haben. Ich lese es gerne", ruft er dem Publikum zu.

Im dritten Akt, dem "Blick ins Jenseits", steht paradoxerweise der zuversichtliche Blick nach vorn im Zentrum. Meyerhoff alias Schlingensief träumt den (realen) Traum der Errichtung eines Welten und Zeiten verbindenden Festspielhauses in Afrika. Zuerst aber muss er noch Gespenster verscheuchen. Zuerst begegnet ihm sein Vater, der weint, "mein armer Sohn", während er ihm zuruft: "Ich hab hier noch so viel vor!" Auch der Verlockung der greisen Opernsängerin Elfriede Rezabek, die ihm auf ergreifende Weise den Liebestod Isoldes vorsingt, vermag er zu widerstehen: "Ich mag noch nicht. Ich mag einfach noch nicht!" - "Mea Culpa" ist eine berührende, existenzielle und trotz der intimen Einblicke, die sie gewährt, uneitle Produktion, die weit davon entfernt ist, einen voyeuristischen Einblick in die Seelenlage eines Todkranken zu geben. Vielmehr fordert sie dazu auf, sich mit dem eigenen Sterben vertraut zu machen.

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