#Flucht

Auf der Flucht

Gibraltar - © Foto: Pixabay
Feuilleton

Der tödliche Fluchtweg aus Afrikas Armut

1945 1960 1980 2000 2020

Die Meeresenge von Gibraltar trennt nicht nur Kontinente, sondern auch Menschen. Tausende Afrikaner warten auf die Gelegenheit zur Flucht nach Europa.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Meeresenge von Gibraltar trennt nicht nur Kontinente, sondern auch Menschen. Tausende Afrikaner warten auf die Gelegenheit zur Flucht nach Europa.

Wir stecken im Stau. Diesmal nicht auf einer der österreichischen Durchfahrer-Autobahnen, sondern im südlichsten Teil Spaniens bei La Linea. Die nüchterne Grenzstadt zu Gibraltar hat als Drogenumschlagplatz einen denkbar schlechten Ruf, vor allem wegen der damit verbundenen Kriminalität. Bei Nacht gelten die Straßen der Kleinstadt als lebensgefährlich. Dann kommt es nicht nur zu Schießereien zwischen Dealern, sondern auch zwischen Schleppern, die aus Marokko menschliche Fracht einschleusen.

Unser Ziel, die britische Enklave Gibraltar, sollte eigentlich von den Zoll- und Reiseerleichterungen der EU profitieren. Die Spanier sehen das anders. Weil sie die in Gibraltar ausgestellten Pässe nicht anerkennen, kommt es immer wieder zu zeitraubenden Zollkontrollen und Staus, manchmal mit dramatischen Folgen: So starb ein 65jähriger Autofahrer nach mehrstündigem Warten an einem Herzinfarkt. Für die Presse Gibraltars ein Grund mehr, auf die permanenten Schikanen der spanischen Behörden hinzuweisen.

Dabei sind diese "Nadelstiche" noch relativ harmlos im Vergleich zu den Sanktionen, denen Gibraltar zur Zeit des Diktators Franco ausgesetzt war. 1969 verhängte Spanien eine Blockade und schloß die Grenze zu Gibraltar - für 16 Jahre! Sogar die Telefonleitungen wurden gekappt, die Postverbindung eingestellt. Was zur grotesken Situation führte, daß Briefe vom spanischen La Linea nach Gibraltar eine 3.000 Kilometer lange Reise via London anzutreten hatten. Wer Freunde oder Verwandte in Gibraltar hatte, mußte sich über das Niemandsland und den "Eisernen Vorhang Francos" lautstark mit den Leuten jenseits der Grenze verständigen. Tausende Spanier verließen Gibraltar; für sie wurde im nahen San Roque eine Petrochemische Industrie aus dem Boden gestampft. Auf die freien Arbeitsplätze in Gibraltar rückten vielfach Einwanderer aus Marokko nach.

Stachel im Fleisch

Erst 1985, zehn Jahre nach Francos Tod, wurde die Grenze wieder geöffnet; die Spannung ist geblieben. Die Forderung Madrids nach Rückkehr Gibraltars ist besonders seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie Hongkong an China wieder oft und laut geäußert worden. Doch London macht steife Ohren. So wie immer wieder seit 1704, als die Briten im Spanischen Erbfolgekrieg den "Rock" (Felsen) besetzten. Durch die Verträge von Utrecht (1713), Paris (1763) und Versailles (1783) ließen sich die Briten ihren Herrschaftsanspruch bestätigen.

Anders als in Hongkong, wurden die rund 32.000 Einwohner Gibraltars schon befragt, das Ergebnis des Referendums von 1967 war eindeutig: 12.138 Wahlberechtigte stimmten gegen den Anschluß an Spanien, nur 44 dafür. Am nächsten Tag standen 44 Koffer auf der Straße, bestimmt für jene, die für Spanien gestimmt hatten. Heute gibt es auch Bestrebungen nach einem unabhängigen Zwergstaat. "Sollte Londons Herrschaft zu Ende gehen, dann wollen wir die Unabhängigkeit", hört man immer wieder. "Anschluß an Spanien - Nein, danke!"

Vielvölker-Stadt

Das Wahlverhalten hängt wohl auch von der kosmopolitischen Zusammensetzung der Bevölkerung ab. Neben rund 6.000 Briten lebt in Gibraltar ein buntes Gemisch von Spaniern, Portugiesen, Italienern (vorwiegend aus Genua) und anderen Mittelmeervölkern (zirka 20.000). Der Rest sind Marokkaner. In der Tat ist Gibraltar ein Schmelztiegel von verschiedenen Völkern und Kulturen, obwohl alle auch Englisch sprechen. Neben christlichen Kirchen findet man Moscheen, Synagogen (viele Juden sind aus Marokko eingewandert) und Hindu-Tempel, denn auch Inder haben sich als Händler hier niedergelassen.

Die "Main-Street" mit ihrem Menschengewimmel bietet ein getreues Spiegelbild dieser Vielvölker-Stadt. Zahlreiche Dutyfree-Shops offerieren Alkohol, Zigaretten, Parfums, auch imitierte elektronische Geräte und Uhren, und daneben viel Kram und Kitsch aus China und Taiwan. Vom Preis her ist allerdings nur die Mitnahme alkoholischer Getränke und Tabakwaren rentabel. Vorsicht bei der Ausreise, denn dort wird man mit einer hochnotpeinlichen Zollkontrolle der Spanier konfrontiert. Auf die Urlauber, die aus den Touristenzentren an der Costa des Sol und Costa del Luz, sowie von Kreuzfahrtschiffen in das Stadtzentrum strömen, warten natürlich auch Cafes und Restaurants mit Speisen und Getränken aus allen Teilen des Orients und Okzidents, leider auch aus englischer Küche.

Hauptattraktion von Gibraltar aber ist und bleibt der "Rock", ein 426 Meter hoher Kalksteinfelsen, der schroff in das Meer abfällt und imponierend Stadt und Hafen beherrscht. Vor allem aber kontrollieren die Kanonen von Gibraltar seit nahezu dreihundert Jahren die nur 24 Kilometer breite Meeresstraße von Gibraltar, das "Tor zum Mittelmeer". Schon bei den alten Griechen galt der Felsen als eine der beiden "Säulen des Herkules", während die zweite drüben im marokkanischen Musagebirge stand. Für die Seefahrer galten sie als das "Ende der Welt", denn der Atlantik war ein "unbekanntes Meer". Ein Denkmal, das die beiden Säulen darstellt, gehört zu den beliebtesten Fotomotiven Gibraltars.

Die meisten Touristen begnügen sich mit einer Gondelfahrt zu den Upper-Rocks, von wo man einen grandiosen Ausblick auf die Stadt und die weite Bucht von Algeciras genießt. Klein-Busse fahren auf einer schmalen, kurvenreichen Straße zu den St. Michaels Caves, wunderschönen Tropfsteinhöhlen, in denen Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie zu einem bombensicheren Lager für die Garnison ausgebaut. Auch ein Notlazarett wurde vorbereitet. Glücklicherweise ließ sich jedoch Franco-Spanien trotz der Freundschaft mit Hitler-Deutschland nicht zum Kriegseintritt bewegen, sodaß der Notfall nicht eintrat.

Trotzdem war auch während des Zweiten Weltkriegs Gibraltar ein unersetzbarer Stützpunkt für die britische Kriegsflotte. Hier versammelten sich die Geleitzüge, die in das Mittelmeer hineinfuhren, hier war 1942 der wichtigste Stützpunkt der alliierten Invasion in Nordafrika. Noch lagern zahlreiche Geschütze, darunter 100 Tonnen schwere Kanonen, in den Kasematten des "Rocks". Schon seit Jahrhunderten wurden insgesamt 50 Kilometer lange Tunnels in den Felsen gegraben, um ihn zur unüberwindlichen Festung auszubauen. Trotz vierzehn Langzeit-Belagerungen - die längste dauerte mehr als dreieinhalb Jahre - gelang es den Spaniern nie, die Briten zu vertreiben.

Abergläubische halten sich an eine Prophezeiung, daß die Herrschaft Britanniens so lange gesichert bleibt, so lange sich die berühmten Affen am Felsen tummeln. Wann und woher diese schwanzlosen Maki gekommen sind, weiß niemand genau. Manche vermuten, daß sie zur Unterhaltung der gelangweilten Garnisons-Soldaten importiert wurden. Andere behaupten, daß sie durch einen unterirdischen Gang von Afrika herübergekommen seien. Als "Talisman" Gibraltars genießen sie totale Narrenfreiheit, oder besser "Affen-Freiheit".

Wie sieht die wirtschaftliche Zukunft Gibraltars aus? Traditionell war Gibraltar immer eine Festung und hat von den Dienstleistungen für die Armee gelebt.

Keine Rückgabe

Heute ist neben der Schiffswerft vor allem der Tourismus das wichtigste wirtschaftliche Standbein. Alljährlich strömen mehr als vier Millionen Touristen in die Zwerg-Kolonie. Die meisten sind allerdings nur Tages-Touristen. In den achtziger Jahren versuchte man, mit den Ferien-Hochburgen der Costa del Sol zu konkurrieren. Der Bau-Boom erwies sich jedoch als Schlag ins Wasser: Gibraltar hat keine schönen Strände, keine Golfplätze, kein Nachtleben.

Auch die Bemühungen, eine Hochburg für Steuer-Flüchtlinge zu schaffen, führte nicht zum erwarteten Erfolg. Zwar haben sich in und um die Main-Street über zwanzig große Banken niedergelassen, doch scheinen die Finanzgiganten andere Plätze, wie Luxemburg, die Kanalinseln oder die Karibik zu bevorzugen. Gibraltar ist einfach zu abgelegen, vor allem auch verkehrsmäßig zu wenig an Europa angeschlossen.

Weil die Einwohner Gibraltars keinen Anschluß an Spanien wollen, fällt es den Briten nicht schwer, die spanischen Rückgabeforderungen zu ignorieren. Ein durchaus wirksames Argument gegen die Rückgabe ist die Tatsache, daß Spanien selbst noch Stützpunkte auf nordafrikanischem Boden besitzt, die es nicht herausgeben will. Die Rede ist von Ceuta, einer touristisch relativ uninteressanten Hafenstadt, die seit 1580 ununterbrochen in spanischem Besitz ist.

Tausende Flüchtlinge

Auch der Flottenstützpunkt Melilla, der seit 1497, also 500 Jahren, ein Außenposten Spaniens in Nordafrika ist, wurde den Marokkanern nicht zurückgegeben. Seit dem 13. März 1995 genießt die Enklave, in der rund 65.000 Einwohner leben, einen autonomen Status. Touristen werden die Festungsstadt, die nur 20 Flugminuten von Malaga entfernt ist, interessant finden.

Das große Flüchtlingslager am Rande der Stadt werden sie allerdings kaum besuchen. Dort hausen in einem früher staatlichen Landwirtschaftsbetrieb Tausende Flüchtlinge aus West- und Zentralafrika. Nach oft monatelanger, abenteuerlicher Reise sind sie illegal in die spanische Enklave gekommen, ohne Papiere und mit falschem Namen. Von hier aus hoffen sie auch noch die letzte Etappe auf dem Weg nach Europa, die Überfahrt nach Spanien, zu schaffen.

Die Überfahrt findet in den Nachtstunden statt. Die kleinen Holzboote sind meistens überfüllt. Bei günstigen Witterungsbedingungen kann die zirka 15 Kilometer breite Meeresstraße in zwei Stunden überquert werden. Bei starkem Seegang sind Flüchtlingsboote oft ein bis zwei Tage am Weg. Viele erreichen das rettende Ufer nie. Die spanischen Behörden vermuten, daß in den letzten Jahren Tausende Afrikaner ertrunken sind. Allein im letzten Jahr wurden 70 Leichen an die Strände gespült.

Wer den spanischen Zollbeamten und der Guardia Civil nicht ins Netz geht und zurückgeschickt wird, kann von Schleppern zu andalusischen Obst- und Gemüseplantagen gebracht werden, wo Tausende Afrikaner als Billig-Arbeiter schuften. Die meisten versuchen jedoch, durch Spanien in andere europäische Länder zu gelangen, merken jedoch schon auf dem Weg dorthin, daß Europa nicht der erhoffte "Garten Eden" ist. Mindestens eine Viertelmillion Afrikaner halten sich größtenteils illegal in Spanien auf.