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Der Traumwandler

Dass Wien heute als "Welthauptstadt der Psychotherapie" beworben werden kann, ist zuallererst sein Verdienst: Mit der Begründung der Psychoanalyse schuf Sigmund Freud an der Wende zum 20. Jahrhundert ein therapeutisches Konzept mit einer gigantischen Wirkungsgeschichte quer über den ganzen Globus. Seine ehemalige Praxis und Wohnung in der Berggasse in Wien, heute Sitz des Sigmund Freud Museums, ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Und mit dem Label von Österreichs berühmtestem "Nervenarzt" lässt sich heute viel erreichen, wenn es darum geht, Expertise im weiten Land der Seele zu vermarkten und zu institutionalisieren: Das zeigt etwa der Erfolg der in Wien gegründeten "Sigmund Freud Privatuniversität" (SFU), die 2005 in Österreich akkreditiert wurde und mit ihrem Studienangebot im Bereich der Psychotherapie-Wissenschaft bereits an Standorten in Linz, Paris, Berlin, Mailand und Ljubljana vertreten ist.

Der Impulsgeber

Überhaupt ist der Pionier der Tiefenpsychologie heute omnipräsent, denn das Vokabular seiner Theoriebildung ist längst in unseren Alltagssprachgebrauch eingesickert: Wir wissen um die Macht der "Verdrängung" und um den "Widerstand" gegen unbequeme Einsichten, wir kennen die Dynamik des "Unbewussten" und die täuschende Kraft der "Projektionen", wie der deutsche Kulturwissenschafter Klaus Theweleit in einem Freud-Essay bemerkt: "Die ärgsten Freud-Feinde benutzen seine Begriffe; kein Politiker, Wissenschaftler oder Journalist, der ohne sie auskäme (oft ohne zu wissen, dass es Freud'sche Prägungen sind).

Dass Freud weit über das Therapeutische hinaus einer der wichtigsten Impulsgeber für das Denken im 20. Jahrhundert wurde, geht auf sein intellektuelles Talent und die vielfältigen Anknüpfungspunkte in seinem von Literatur und Geistesgeschichte durchtränkten Werk zurück. In der akademischen Welt freilich zählte Freud zu jenen Denkern, die lange Zeit marginalisiert wurden oder gar als unseriös galten. Das hängt wohl mit seinen traumwandlerischen Grenzgängen zusammen: Seine Theorie, die im Hauptwerk "Die Traumdeutung"(1900) endgültig das Licht der Welt erblickt, verlässt den Boden der Medizin und betritt selbstbewusst die Sphären von Kunst und Hermeneutik: versucht Traumbilder in Worte zu fassen, den verborgenen Sinn von Symptomen zu deuten und macht das Behandlungszimmer zur intimen Bühne für oft versteckte Kräfte des Seelenlebens. Der Werdegang des jüdisch-stämmigen Wiener Arztes, der 1938 nach London emigrierte und ein Jahr später ebendort starb, landet somit beim "Wortbesteck der Traumzerlegung"(K. Theweleit).

Der Frauenversteher

Dabei verfolgte der ambitionierte Jungmediziner im Wien der Jahrhundertwende vorerst einen ganz anderen Ansatz: Inspiriert durch erste Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, hatte er sich dem groß angelegten Versuch gewidmet, alle psychischen Vorgänge und ihre Störungen als neurobiologische Abläufe im Gehirn dingfest zu machen. Ein Unterfangen, das angesichts der damaligen Möglichkeiten zum Scheitern verurteilt war -hundert Jahre später jedoch mit großem Enthusiasmus fortgeschrieben wird. Vor diesem Hintergrund erkennen Experten heute einen "fruchtbaren Dialog" mit "wechselseitiger Bereicherung" von Psychoanalyse und Hirnforschung.

"Mittlerweile hat die Neurowissenschaft viele Konzepte der Psychoanalyse aufgegriffen und auch bestätigt", berichtet Stephan Döring, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychoanalyse. "Man hat Freud lange Zeit verlacht, bis das Phänomen des Unbewussten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann neurobiologisch nachgewiesen werden konnte. Zudem hat man etwa in der Gedächtnisforschung gezeigt, wie frühe Beziehungserfahrungen auf einer vorsprachlichen Ebene wie ein Film oder emotionales Skript im Gehirn abgelagert werden." Frühe Traumatisierungen werden so in den Nervenzellen gespeichert. Sie spielen nicht nur bei Freud, sondern auch in der heutigen Gesellschaft eine wichtige Rolle in der Entstehung von psychischen Störungen. Dass im letzten Jahrzehnt sogar die Verhaltenstherapie begonnen hat, sich um unbewusste Prozesse zu kümmern, zeigt ebenfalls die Aktualität von Freuds therapeutischem Vermächtnis.

"Freud hat eine verstehende Herangehensweise begründet, und dieses Grundprinzip hat seither unglaublichen Einfluss auf die Medizin und Psychotherapie ausgeübt", bemerkt Psychoanalytiker Döring. Tatsächlich hat sich Freud die Aufforderung einer Patientin, ihr doch endlich zuzuhören, gründlich zu Herzen genommen: Er erkannte, dass sich hinter dem damals häufig diagnostizierten Frauenleiden der "Hysterie" das Begehren nach Artikulation und Anerkennung verbarg. Und anstatt die Frauen durch die damalige Modetherapie der Hypnose zum Schweigen zu bringen, schenkte er ihren Erzählungen erstmals tiefsinnige Aufmerksamkeit.

In diesem Akt des Zuhörens ist die Geburtsstunde der Psychoanalyse zu verorten. Und der patriarchal geprägte Wiener "Nervenarzt", der die weibliche Psyche als unerforschten "dunklen Kontinent" betrachtete, mag somit sogar als einer der ersten großen "Frauenversteher" in der Welt der Wissenschaft durchgehen.

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