Digital In Arbeit

Der Umgang mit Gott und dem Fremden

Hans-Joachim Höhn über Postreligiosität und Postsäkularität, über das Grundlose und eine Neudefinition eines möglichen Gottbegriffes. Das Gespräch führte Ursula Baatz

Hans-Joachim Höhn ist Lehrender am Institut für Katholische Theologie in Köln. Bei der vor Kurzem abgehaltenen 13. Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster setzte er sich mit grundsätzlichen theologischen Fragen auseinander.

Die Furche: In einer postsäkularen und postreligiösen Zeit scheint Gott vielen fremd zu sein …

Hans-Joachim Höhn: "Postreligiös“ gibt eine Bilanz und eine Prognose: nämlich, dass man mit einer Zukunft ohne Religion rechnet. Säkularisierungs- und Entmythologisierungsprozesse haben dieses Ergebnis zum großen Teil bereits heraufgeführt. Wir sehen aber auch, dass es in unserer Gesellschaft eine Selbstbeharrung des Religiösen gibt. Das mag in der Esoterik und im spirituellen Wellnessbereich beginnen und mit dem religiösen Fundamentalismus aufhören. "Postsäkular“ meint also ein Verbleiben des Religiösen inmitten fortwirkender Säkularisierungsprozesse. Zwischen diesen beiden Prozessen gibt es einen Austausch - die religiösen Fragen übernehmen auch Muster des Säkularen. Sehr viele Menschen legieren etwa die religiöse Suche mit der Frage nach Gesundheit. Typisch ist die Begeisterung für Hildegard von Bingen.

Die Furche: Dahinter steckt doch eine Sinnsuche. In der Moderne aber ist "Gott“ keine Antwort mehr auf die Frage nach dem Warum - und damit irgendwie befremdlich.

Höhn: Es hat einen Verwendungsverlust für die Gottesvokabel gegeben, hinter den man nicht mehr zurück kann. Gott spielt keine Rolle mehr als Weltentstehungsfaktor. Wenn die Theologie trotzdem nach einer Lücke sucht, um Gott dort zu platzieren, wird dieser Lückenbüßer-Gott verschwinden, sobald die Lücke anders geschlossen werden kann. Man muss also fragen, wofür die Gottesfrage steht. Viele Menschen suchen nach Sinn - nach einem Grund Ja zu sagen, zu sich und zur Welt, obwohl man zu viel entdeckt, zu dem man eigentlich kategorisch Nein sagen müsste. Was befähigt mich zu einer aufgeklärten, begründeten Trotzreaktion? Kann diese Ermächtigung und Kraft von Gott kommen? Das ist eine dogmatisch sehr karge und völlig entmoralisierte Verwendung des Wortes Gott.

Die Furche: Das Wort Gott ist mit viel kulturellem Ballast verknüpft. Wäre es nicht besser, das Wort einfach wegzulassen?

Höhn: Für viele Zeitgenossen verstellt dieser dogmatische oder moralische Ballast die Suche nach Gott. Den Ballast abzuwerfen, dazu ermutigen viele Zeugnisse der christlichen Mystik, die sagen, wenn du von Gott gepackt und ergriffen werden willst, dann musst du selbst nach ihm greifen, aber mit leeren Händen. Und dazu gehört, dass man sich frei macht von den dogmatischen oder moralischen Besitztümern, die man partout nicht loswerden wollte.

Die Furche: Aber nicht nur für Kulturreligiöse ist das Wort Gott mit der Erhaltung der Moral der Gesellschaft verknüpft.

Höhn: Der Gottesglaube ist kein Begründungszusammenhang für moralische Normen und Werte - für die Neuzeit ist dies nur die Vernunft. Es gibt aber andere Wege als nur die Vernunft, um Entwürfe gelingenden Lebens zu entdecken. Das kann ein religiöser Lebensentwurf, eine religiöse Lebenspraxis sein. In einer weltanschaulich pluralen und weitgehend säkularen Gesellschaft müssen wir unsere Entdeckungen gelungenen Lebens in eine säkulare Sprache übersetzen. Sonst wird uns niemand zuhören und auch niemand verstehen.

Die Furche: Wie übersetzt man religiöse Entdeckungen in einen säkularen Kontext?

Höhn: Es geht nicht ohne Vernunft, aber mit ihr allein geht es auch nicht. Es braucht das vernunftgemäße Andere. Religion könnte ein Kandidat sein, sie muss sich aber als vernunftgemäß erweisen. Wir müssen also suchen, ob es neben der Logik des "Wenn-dann“ und des "Um-zu“ noch eine andere gibt, um dieses vernunftgemäße Andere denken zu können. Hier wäre der Begriff der Grundlosigkeit neu zu platzieren.

Die Furche: Ist das nicht Nihilismus?

Höhn: Das Grundlose ist auf der einen Seite das Beliebige, für das es keine triftige Erklärung gibt. Aber das Grundlose ist auch das, was zweckfrei um seiner selbst Willen getan wird. Wenn man "grundlos“ wörtlich nimmt, ist damit die Erfahrung verbunden, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dass dies eine Erfahrung von Freiheit ist, stellt sich da natürlich nicht ein. Doch Grundlosigkeit ist Freiheit - hier wird kein Konto zwischen Soll und Haben geführt, keine Leistung verlangt, keine Qualifikationsnorm aufgestellt, deren Erfüllung erst einen berechtigt, am Leben zu sein. Diese Form der Grundlosigkeit ist das Beste, was einem passieren kann. Man ist Zweck an sich selbst und kann sich in dieser Freiheit selbst Zwecke setzen. Ich sehe aber, dass viele Menschen auf Sinnsuche kurioserweise nach einem Drehbuch verlangen, in dem die Rolle verzeichnet ist, die sie in ihrem Leben spielen sollen. Oder nach einem Plan, der für sie irgendwo hinterlegt ist. Dann, meinen sie, würde ihr Leben sinnerfüllt sein. Die Zumutung unseres Lebens, die Zumutung der Moderne - und ich finde auch die Zumutung des Christentums - besteht darin, die Freiheit des Menschen ernst zu nehmen und zu bestreiten, dass es ein festgelegtes "Um-zu“, einen fixen Plan oder Ort für mich gibt.

Die Furche: Gott als Sinn des Lebens schwindet in Grundlosigkeit?

Höhn: Gott ist das Woher wohltuender Grundlosigkeit. Das ist weder Absurdität noch Sinnlosigkeit, die Grundlosigkeit Gottes zeigt den Vorzug des Gewollt-Seins gegenüber der bloßen Faktizität.

Die Furche: Ist Gott noch Person?

Höhn: Das ist eine Beschreibung, die heute sehr viel Skepsis auslöst. Ich schlage vor, Gott als ein Adverb, also als Umstandsbestimmung unseres Tuns und Daseins anzusprechen. Gott ist jene Wirklichkeit, in deren Gegenüber ich mich als Person wahrnehmen kann. In Umfragen, wie heute das Wort Gott gefüllt wird, finden wir "Gott ist die Energie, die alles durchflutet“, oder "Gott ist jenes höchste Gesetz, das alles bestimmt“, oder "die Natur“. Aber gegenüber einer Energie bin ich nur ein Medium, das durchflutet wird, und gegenüber der Natur bleibe ich zurückgefahren auf meine Naturalität. Gerade das, was sich nicht in diese energetische, numinose und naturale Bestimmung meines Daseins einbinden lässt, macht meine Authentizität aus.

Die Furche: Gott als Adverb - ist dies das Ende des "lieben Gottes“?

Höhn: Wir sollten uns nicht zu früh von dieser Bezeichnung verabschieden, weil wir zu lange gebraucht haben, um anderes als den zornwütigen und unberechenbaren Gott zu sehen. Vielleicht haben wir zu naiv, zu romantisch das Wort "Liebe“ auf Gott angewandt. Wir müssen genauer schauen, welche Form von Liebe wir Gott zuschreiben dürfen, statt Projektionen romantischer Klischees an ihn zu kleben.

Die Furche: "Gott“ - ein Wort mit Zukunft?

Höhn: Auf jeden Fall.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau