Der unbestechliche Blick des Sammlers

Nur wer einen besonderen Blick hat, kann erkennen, ob es sich um ein Original oder eine Fälschung – um ein herausragendes oder beliebiges Kunstwerk handelt. Rudolf Leopold hat dieses besondere Auge – das Auge eines leidenschaftlichen Kunstsammlers. Kein Zufall also, dass sich Leopold auch in seinem bürgerlichen Beruf mit jenem Organ befasste, das für Künstler, Kunsthistoriker und Sammler zentral ist. Nach dem Studium spezialisierte sich der am 1. März 1925 in Wien geborene Mediziner auf die Augenheilkunde.

Bereits während des Studiums besuchte Leopold auch Vorlesungen der Kunstgeschichte und begann besessen zu sammeln: Bilder, Objekte, Zeichnungen von österreichischen Künstlern der Jahrhundertwende, für die sich in der Nachkriegszeit niemand interessierte. Dabei hatte Leopold sein Interesse vor allem auf einen spezialisiert, dessen damals als pornografisch abgewertete Bilder für einen Pappenstiel zu erwerben waren: auf den 1918 früh verstorbenen Egon Schiele. Als er 1955 eine Ausstellung österreichischer moderner Kunst in Amsterdam und Eindhoven zeigte, gefolgt von Schiele-Präsentationen in London (1963), Wien (1968) und München (1975), rückte der bis dato nahezu unbekannte Künstler langsam ins internationale Rampenlicht. Leopolds kunsthistorischer Eros führte 1972 zu einem großen Werkverzeichnis über den exaltierten Zeichner, der immer wieder auch als Vorfahre der österreichischen Body-Art gesehen wird.

Heute lockt Schieles außergewöhnlich persönliches Werk Hunderttausende Kunstinteressierte jährlich nach Wien. Denn seit dem Jahr 2001 gibt es Leopolds Schiele-Kollektion – die beste Sammlung des Wiener Jahrhundertwende-Enfant Terribles überhaupt – in einem eigenen Haus im Museumsquartier zu sehen. Der weiße Kubus beherbergt das Lebenswerk des kunstsinnigen Arztes, denn 1994 kam es durch die Republik Österreich und den Sammler zur Gründung der Leopold-Museum-Privatstiftung mit der Besonderheit, dass Leopold auf Lebenszeit als Direktor fungiert. Der Staat und die Nationalbank bezahlten für die über fünf Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung von über 5000 Exponaten 160 Millionen Euro.

Auch in seinem Privatleben setzt der in Grinzing lebende Professor auf Konstanz. Mit seiner Ehefrau Elisabeth ist er seit 57 Jahren verheiratet. Mit ihr teilt er nicht nur die Faszination für Kunst, sondern auch den Beruf. Neben dem Aufziehen der drei gemeinsamen Kinder praktizierte die Medizinerin bis weit über Siebzig als Augenärztin.

Seit den 90er Jahren ist der Schiele-„Papst“ heftig umstritten. Grund dafür sind die Restitutionsdebatten, die durch die Beschlagnahmung von Leopolds Schiele-„Bildnis Wally“ im Jahr 1997 in New York als Raubkunst erst aufgekommen sind. Leopold-Kritiker wie die Grünen und die Israelitische Kultusgemeinde werfen dem Sammler vor, er müsse zum Zeitpunkt des Erwerbs bei mehreren Bildern gewusst haben, dass sie ursprünglich Eigentum jüdischer Sammler waren, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Andere würden sich zumindest einen sensibleren Umgang des Sammlers mit diesem Thema wünschen, denn schließlich geht es bei Restitutionsfragen nicht nur um Recht, sondern auch um den Symbolgehalt.

Andreas Nödl, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied, konterte in der FURCHE (Nr. 51-52/08): Man wolle „den Weg einer zusätzlichen, unabhängigen Provenienzforschung“ beschreiten und werde sich davon „weder durch Zurufe von außen noch durch Aktionismus abbringen lassen“.

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