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Der Vatikan als Chiffre FÜR EUROPA

1945 1960 1980 2000 2020

Mit seiner Performance "Città del Vaticano" fragt Falk Richter, was jungen Europäern Heimat, Familie und Nation bedeuten und wie sie ihren Glauben leben.

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Mit seiner Performance "Città del Vaticano" fragt Falk Richter, was jungen Europäern Heimat, Familie und Nation bedeuten und wie sie ihren Glauben leben.

Falk Richter, einer der erfolgreichsten deutschen Autoren und Regisseure, präsentiert am kommenden Freitag am Schauspielhaus Wien die Uraufführung seiner Performance "Città del Vaticano ", eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Die FURCHE sprach mit ihm über Religion, Europa und rechte Ideologien.

Die Furche: In Ihrer Produktion steht der Vatikan im Zentrum, was interessiert Sie daran?

Falk richter: Es geht in unserem Projekt um den Vatikan als Chiffre für Europa. Also um ein geschütztes, umschirmtes Gebiet, zum Weltkulturerbe erhoben, reich und sicher. In Wirklichkeit sind das idealisierte Bilder. Bankenbeobachter sprechen etwa davon, dass die Vatikanbank die korrupteste Bank der Welt ist und die systematische jahrelange Vertuschung von Kindesmissbrauchsfällen schafft alles andere als Vertrauen. Ebenso verhält es sich mit dem Bild eines friedlichen Europas: Der Wohlstand kam durch Aggressionskriege, Kreuzzüge und die kolonialistische Ausbeutung anderer Kulturen zustande. In meiner work-in-progress Produktion "Città del Vaticano" geht es um junge Menschen aus unterschiedlichen europäischen Ländern und ihren Blick auf diesen Kontinent. Was bedeuten Heimat, Familie, Nation für diese jungen Europäer, und hat das Christentum heute noch eine Strahlkraft? Wenn der Vatikan die Öffnung der Ehe für Homosexuelle als "Niederlage für die Menschheit" verteufelt, dann wirkt das total lächerlich auf junge Menschen, die sich in einer Welt der Klimaund humanitären Katastrophen zurecht finden müssen, wo Trinkwasser-Knappheit herrscht und brutale Kriege geführt werden, und wo es für sie keine sicheren Berufsaussichten gibt.

Die Furche: "Città del Vaticano" basiert vor allem auf den individuellen Geschichten der Darsteller. Wie bringen sie diese miteinander in Verbindung, wie sieht die Schnittstelle aus?

richter: Ich habe in den letzten Jahren in Venedig bei der Biennale Masterclasses für Schauspieler, Tänzer, Autoren, Regisseure gegeben. Zuletzt unternahm ich mit 20 Performern aus 14 Ländern ein Rechercheprojekt zur Frage, was Nation, Familie, Herkunft für sie bedeuten und wie sie in diesem offenen, neuen Europa der Grenzenlosigkeit leben. Bei den meisten ist das Verständnis von Heimat komplex. Sie haben Eltern, die aus unterschiedlichen Kulturen stammen, haben in ihrer Jugend mehrfach das Heimatland gewechselt und stehen mit all dem, was sie leben und erfahren haben, gegen diese wieder aufkeimende Idee einer völkischen Identität. Viele der Künstler stammen aus Familien, in denen Glauben und Religion eine große Rolle spielten. Die meisten empfanden dies als Zwangssystem, aus dem sie sich befreien wollten. Wir stellen uns nun die Frage, wie deren Idee von Familie heute aussieht und welche Rolle Religion in ihrem Leben sowie etwa bei der Erziehung ihrer Kinder spielt. Wie also leben diese junge Menschen ihren Glauben, gibt es da überhaupt noch Übereinstimmung mit den Werten des Vatikans? Kann der Papst Anhaltspunkte liefern, wenn wir über Christentum oder Europa reden, und wenn ja, wie lassen sich diese mit Inhalt füllen?

Die Furche: Zurzeit ist das Thema Religion und Europa emotional sehr aufgeladen.

Richter: Es gibt radikal rechte Gruppierungen, die mit den Begriffen "Abendland" und "Christentum" hantieren, ohne diese wirklich sinnvoll mit Inhalt zu füllen. Sie benutzen die einfach als hohle Kampfbegriffe, um ihrem Rassismus und ihrer Homophobie freien Lauf lassen zu können. Die Neuen Rechten in Deutschland fordern wieder die 50er-Jahre Familie mit Vater, Mutter, drei arischen Kindern. Wobei die Mutter nicht arbeiten gehen soll. Das sind Sehnsuchtsbilder, die in komplizierten Zeiten einfache Lösungen anbieten: Zurück zum starken Mann, der sagt, wo es langgeht. Es sind Sehnsuchtsbilder, mit denen in Deutschland vor allem AfD-Politiker auf Stimmenfang gehen und meist leben sie selbst überhaupt nicht das, was sie da fordern. Sie sind kinderlos oder geschieden und leben mit ihren jüngeren Liebhabern in wilder Ehe. Es sind also Karrierestrategien, hohle Phrasen. Die radikalen Rechten beziehen sich auf das Christentum und verhalten sich selbst alles andere als christlich. Sie kritisieren die Rolle der Frau im Islam, setzen sich selbst aber keineswegs für Gleichberechtigung ein. Auch Homosexuellen gegenüber gibt es keine Toleranz. Es wird also beim anderen verteufelt, was selbst -nur unter anderen Begriffen -genauso gelebt wird.

Die Furche: Sie verbinden Theater mit Tanz, wie wichtig ist Ihnen die Form Ihrer Produktion?

richter: Ich habe seit einigen Jahren eine eigene Theatersprache entwickelt, die Tanz, Schauspiel und Musik zusammenführt. Mich interessieren immer sowohl die psychischen wie auch die physischen Zustände eines Menschen. Tanz kann in Bereiche vordringen, wo die Sprache an ihre Grenzen stößt. Der derzeitige Zustand unserer Gesellschaft ist ja auch ein physischer Zustand. Das Klima ist aggressiv, es wirken Hetze und Angst. Antidemokratische Kräfte wollen eine neue, völkische Diktatur errichten und drängen mehr und mehr in die Öffentlichkeit und vergiften das gesellschaftliche Klima. Wir wissen nicht, in welche Richtung Europa driftet. Die Gesellschaft scheint sich aufzuspalten: Da sind diejenigen, die Diskrimierungen bekämpfen und sich für die Rechte der Frauen und die Gleichstellung von Homosexuellen einsetzen, die Kriegsflüchtlingen Schutz und Hilfe anbieten, denen der Klimawandel nicht egal ist. Und gleichzeitig gibt es diese starke Gegenbewegung der Trumps und Orbáns und Hofers: Alle Grenzen zu, Schluss mit einer offenen vielfältigen Gesellschaft, Frauen zurück an den Herd, Schwule raus aus der Öffentlichkeit, Ausländer raus, Nation und Vaterland sind wieder heilig. Zwischen diesen Extremen müssen sich junge Menschen heute zurechtfinden. Das erzeugt enorme Spannungen.

Die Furche: In Berlin hat die AfD Aufführungen von "Fear" gestört, es kam zu einem Gerichtsverfahren gegen die Schaubühne, das das Theater aber gewonnen hat. Letzte Woche hat nun die radikale rechte Politikerin Beatrix von Storch die Berufung zurückgezogen und trägt jetzt die gesamten Gerichtskosten.

richter: Die AfD kämpft in Deutschland vehement gegen die Kunstfreiheit. Immer wieder wollen sie Theateraufführungen zensieren. Die AfD ist eine durch und durch anti-demokratische Partei. Ähnliches gibt es ja auch hier in Österreich; da haben die Identitären Angriffe gegen die Aufführung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" unternommen. Das Problem sind die aggressiven Kampagnen im Internet mit hetzerischen Reden und einer verhetzenden Sprache, die zu realer Gewalt führt. In Deutschland gab es 1200 Angriffe auf Flüchtlingsheime, seit die AfD und Pegida in der Öffentlichkeit hetzerisch aktiv wurden. Das Problem dabei ist auch, dass sie versuchen, sich mal politisch als Mitte, mal als Revolutionäre für ein neues System zu deklarieren. Es ist ja bekanntlich eine Strategie der Rechten, alles umzudrehen. Konstruktive Vorschläge kommen von dieser Seite gar nicht, und wenn, dann sind das Slogans wie "Alle Ausländer raus!", also unmenschliche Ideen, die sich nicht ohne Blutvergießen umsetzen lassen.

Die Furche: Macht "Città del Vaticano" denn Angebote?

richter: Ja, denn hier arbeiten Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammen. Hetero-,Homo-und Bisexuelle, Leute, die gläubig sind und welche, die es nicht sind. Ich zeige, dass ein produktives Zusammenleben und -arbeiten möglich und eine Bereicherung ist. Die Differenz zur Norm, das ist ja das Interessante.

Città del Vaticano Wiener Festwochen, Schauspielhaus - 20., 21., 22., 23., 24. Mai

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