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Feuilleton

Der Weg aus der Kernenergie

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Selbst für Länder, die von der Atomkraft weitestgehend abhängig sind, wäre eine langfristige Energiewende möglich. Alternative Energiegewinnung aus Sonne und Wind ist nicht nur sicherer, sondern auch billiger.

Man kann auch aus den furchtbarsten Geschehnissen die seltsamsten Konsequenzen ziehen. In den Stunden und Tagen, in denen die Ingenieure des AKW Fukushima I in Japan verzweifelt gegen einen möglichen SuperGAU kämpfen, entschied sich die polnische Regierung dafür, ihren Willen zum Bau von vier Atomreaktoren ab 2016 zu bekräftigen. Donald Tusk, regierender Premierminister, verkündete stolz: "Es gibt genug Mittel, die den Bau eines sicheren Kraftwerks in Polen ermöglichen.“

Der gnadenlose Nuklear-Optimismus Tusks wirkt aktuell zwar völlig deplatziert, aber er entspricht der Haltung so ziemlich aller europäischen Nationen: Die Nukleartechnologie ist demnach die wichtigste klimaschützende Alternative zu CO2-intensiven fossilen Energieträgern. Im März 2008 haben Europas Staats- und Regierungschefs per Gipfelbeschluss die Kernenergie zur "sauberen Energie“ geadelt. Italien plant nun im Zeichen des Klimaschutzes den Bau von Reaktoren im Norden des Landes, ebenso Großbritannien.

Nicht nur innerhalb der EU stand die Kernfusion zuletzt im Aufwind. China will trotz Fukushima-GAU unverdrossen seinen aus Nuklearenergie gewonnenen Strom bis 2020 vervierfachen. Allein seit 2008 begann das Land mit dem Bau von 24 Reaktoren.

Dies alles, obwohl sich die Zweifel über die bisher getätigte Darstellung von Kosten und Umweltfolgekosten der Atomkraft erheblich vermehrt haben - von der Schadensbehebung im Ernstfall gar nicht zu reden. Die Frage, die sich die Politik nicht stellt, soll auf den folgenden Zeilen beantwortet werden. Wie viel kostet Kernenergie tatsächlich? Könnte die Kernkraft durch erneuerbare Energieformen ersetzt werden? Wie schnell könnte die Umstellung vonstatten gehen?

Zunächst ein Kostenvergleich. Die Technische Universität Dortmund veranschlagt die Aufwendungen für ein Kernkraftwerk mit geltenden Sicherheitsstandards mit fünf Milliarden Euro. Darin nicht enthalten: die Umweltkosten, die bei der Beschaffung spaltbaren Materials entstehen. Uwe Fritsche vom Öko-Insitut Darmstadt hat berechnet, dass dadurch die angeblich preiswerte Stromerzeugung nicht in dem Maße billig ist, wie von Atomenergieherstellern behauptet (2,3 Cent pro KWh). Fritsche veranschlagt die Gesamtkosten mit fünf Cent pro Kilowattstunde. Biogas und Windenergie liegen bei acht Cent, Wasserkraft bei zehn Cent, am teuersten ist Solarstrom mit bis zu 30 Cent.

In diese Berechnung müssten allerdings noch Steuergelder einbezogen werden, mit denen die Atomindustrie unterstützt wird.

165 Milliarden für Atomindustrie

Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft berechnete die Förderungen allein der deutschen Regierung seit 1950 mit 165 Milliarden Euro. Nach Meinung des Forums müsste man dem Atomstrompreis mehr als zwei Euro pro Kilowattstunde zuschlagen - er wäre damit mehr als sechs Mal so teuer wie der teuerste Solarstrom. Im Fall eines schweren nuklearen Unfalls läuft diese Rechnung vollends aus dem Ruder. Die PROGNOS-AG Basel taxiert die Kosten für diesen schwersten anzunehmenden Unfall bei 5400 Milliarden Dollar.

Ein weiteres Argument, das immer wieder für die Atomkraft ins Treffen geführt wird: Der steigende Energiebedarf der Menschheit. Bis zum Jahr 2035, so die Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA, steigt der Bedarf gegenüber dem heutigen Niveau um 66 Prozent an.

Wäre das ohne Atomenergie umsetzbar? Kurzfristig jedenfalls nicht. Atomkraftwerke decken laut IEA zwar nur 5,8 Prozent des weltweiten Bedarfs, doch in den hochentwickelten Industrienationen der OECD sind es schon 10,9 Prozent. Erneuerbare Energien, die als einzige die Kernkraft ohne Treibhausgaszuwachs ersetzen könnten, können in den Industrieländern derzeit nur zu knapp sieben Prozent des Bedarfs decken. Intensive Investitionen wären also erforderlich. Dazu kommt bei der Windkraft auch ein Platzproblem. Um nur einen einzigen Atommeiler mittlerer Leistung zu ersetzen, bräuchte man ein Windkraftwerk mit Turbinen auf einer Fläche von 600 Quadratkilometern. Immerhin können die erneuerbaren Energien auf sinkende Kosten und steigende Rentabilität verweisen. Derzeit werden pro Jahr zwar 340 Terawattstunden, das sind zwei Prozent des Weltenergiebedarfs, aus Wind gewonnen. Doch der Markt wuchs allein 2009 um 31 Prozent. Bei anhaltender Entwicklung, so der Weltwindkraftverband, könnten alle Atomkraftwerke bis 2020 ersetzt werden.

Das allein hilft freilich nicht gegen den wachsenden Energiehunger. Dazu müssten auch entscheidende Schritte im Bereich der Sonnenenergiegewinnung unternommen werden. Das Potenzial wäre riesig. Die gesamte Sonnenenergie, die pro Jahr auf die Erde fällt, ist 7000-mal so hoch wie der tatsächliche Energiebedarf der Menschheit.

Solare Energieversorgung der Welt

Demnach würden Sonnenkollektoren auf einer Gesamtfläche von 72.000 Quadratkilometern (etwas weniger als die Fläche Österreichs) ausreichen, den gesamten Planeten risikolos mit Energie zu versorgen. Doch davon kann derzeit keine Rede sein. Vor allem fehlen Speichertechnologien, die eine konstante Energieversorgung garantieren.

Trotzdem: Auch Staaten mit hohem Anteil an nuklearer Energieversorgung könnte bei Anwendung eines entsprechenden Energiemixes die Umstellung langfristig gelingen. Entgegen der Meinung von Nuklearexperten (siehe unten links) meinen deutsche und japanische Forscher, dass selbst in Japan eine nachhaltige Energiewende möglich wäre. Kombiniert das Land das Potenzial aller erneuerbaren Energieformen und investiert in Energiespartechnologien, könnte der Strombedarf bis 2050 um 50 Prozent sinken, so eine Studie aus dem Jahr 2007. Auf die Kernenergie könnte das Land ab 2030 verzichten. Das klingt zunächst wie eine Illusion. Doch zumindest erkannten die Wissenschafter schon damals ein Risiko der herrschenden Politik ganz klar: "Wir verstärken die Gefahren der Nuklearenergie, wenn wir vorgeben, Kernkraft trage zur Bekämpfung des Klimawandels bei.“