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Der zahlreiche Gott

Theologe trifft Künstler. Von der Arithmetik der Trinität oder warum 1+1+1=1 so wahr wie wahr ist. Rund um eine Grazer Kunstausstellung spiegeln paradoxe Gleichnisse und Sinnbilder die Wissenschaft von Kunst und Religion wider.

Anlässlich seines runden Geburtstages hat Philipp Harnoncourt sich selbst und andere mit der Kunstidee "1+1+1=1“ reich beschenkt. Ich wiederum hatte das in einem Wettbewerb erworbene Privileg, als Künstler mit meinem "Code für den dreieinigen Gott“ an der gleichnamigen Festivalausstellung teilzunehmen. Ein zweites Privileg gesellte sich hinzu - es ist luftig, ist Reflexion, Schau der Dinge, und birgt den oft unerwarteten Dialog mit Menschen. In diesem Sinne durfte ich mit dem Initiator und Stifter Dr. Harnoncourt und seinen Inspirationen in Beziehung treten, wovon hier die Rede ist. Zu Beginn ihrer Kunstbesprechung hat Die Furche den programmatischen Titel "1+1+1=1“ als mathematisch gesehen "blanken Unsinn“ bezeichnet. Schauen wir genau hin:

Philipp Harnoncourt spricht in seinem Katalogessay von "meiner Kunst-Aktion 1+1+1=1 - die Drei-Einheit Gottes!“. Wie der Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte, physikalisch gesehen vermeintlicher Unsinn ist, so ist es 1+1+1=1 in der Sprache der Zahlen. Das Wiewort weist den Weg: Damals eine bildhafte Parabel der Natur und ihrer physikalischen Gesetzmäßigkeiten, heute eine Paradoxon der Zahlen und ihrer Regeln. Beide Male hat der jeweilige Theologe ein Bild geschaffen, im aktuellen Fall ein Bild aus Zahlen. Es ist aussagekräftig, wesentlich und wie sein Schöpfer überaus wach und lebendig. Harnoncourt vermittelt präzise Information über die "Drei-Einheit Gottes“ und übersetzt sein Sprachbild in ein arithmetisches Gedankenexperiment, das keine Gleichung, wohl aber ein Gleichnis ist: "1+1+1= 1“.

Harnoncourt: Künstler trifft Theologe

Mit diesem Beginn wurde Essenzielles in Stand gesetzt und vieles von dem vorweggenommen, was Ausstellungsleiter Dr. Johannes Rauchenberger als unabdingbar bezeichnet hat: eine "Haltung ernst gemeinter künstlerischer Freiheit“ einzunehmen. Künstler trifft Theologe in Personalunion - so schritt Harnoncourt im Doppelspiel voran und schuf ein zahlenmäßiges Gleichnis als Leitmotiv und Kunstwerk. Bevor die Bildner ans Werk gingen, hatte Philipp Harnoncourt schon das erste geschaffen! Der Altmeister hat es vorgemacht und mit "1+1+1=1“ ein so prägnantes wie schönes Bild erzeugt, ein Sinnbild für das Paradoxon der "Drei-Einheit“ Gottes. Ein Paradoxon ist kein Unsinn, sondern das Gegenteil davon. "Para doxan“ sprich "wider Erwarten“ ergibt 1+1+1 für den dreieinigen Gott 1. "Gegen die Meinung“ zielt ein Paradoxon auf verborgen Wirkliches. Dessen Enthüllung überschreitet die Mittel der menschlichen Sprachen und kann daher nur durch Vergleich, Übersetzung und Verwandlung sichtbar gemacht werden. Das Paradoxon leugnet nicht den Widerspruch, den es enthält - es greift ihn auf, macht ihn kenntlich und ersichtlich und löst ihn dadurch auf. So erklärt es. Darum ist es weder falsch noch eine willkürliche Behauptung, was wiederum den Unsinn ausmacht. Wie das Orakel erfüllt es die Erwartung nicht, bestätigt nicht die Ansicht. Als dunkler Spiegel stößt es vor den Kopf und streckt die Hand aus, wirkt als Barriere und will helfen, scheint verschlossene Türe zu sein und ist doch guter Geist. Ein Paradoxon ist wie ein Rätsel, das seine Lösung selbst enthält. Es fragt und spricht. Es ist Rätsel und des Rätsels Lösung, ist die Frage und die Antwort. Solcherart weist es über sich selbst hinaus. Dasselbe gilt für große Kunst. Und Wahrheit. Denn was ist Gott anderes als eine Wahrheit, die außerhalb der Meinung steht? Paradoxe Wahrheiten sind apokalyptische Wegweiser. Ihr scheinbarer Widerspruch führt zur Erkenntnis. Und doch oder gerade deshalb werden sie gerne abgetan, geleugnet, denunziert. Deshalb nennt man Offenbarungen geheim, sie wollen erkannt werden. Ihr Sein enthüllt das Wahre, trennt vom Schein. Sie legen Fährten wie Orakel, sind Sehhilfen und stiften Sinn. Und sie können ausgedrückt werden, weil sie selbst in der Welt ausgedrückt sind. Unter allen menschlichen Tätigkeiten und ihren angeschlossenen Identitäten ist die Kunst gemeinsam mit der Religion das Paradoxon an sich. Denn Kunst und Religion sind die beiden zerbrochenen Hälften des Kultes. In kultischen Handlungen haben sie ihren gemeinsamen Ursprung. Im Anfang war der Kult. Alles ist Kult, alles kommt aus ihm. Der Kult ist das primäre Kulturzeugnis des Menschen. In ihm und mit ihm und durch ihn hat sich der Mensch einen Spiegel errichtet, um sich selbst zu erkennen. Aus dieser Quelle kommend und sich teilend sind Religion und Kunst die ureigensten Symbole der menschlichen Kultur. Wären sie nicht menschlich, sie wären nicht auf dieser Welt.

Kunst ist eine notwendige Täuschung

Wohl darum hat Harnoncourt die Künste gerufen, denen er "allerhöchste Bedeutung“ beimisst, "ist es doch ihre ureigenste Aufgabe, die Grenzen des unmittelbar Wahrnehmbaren aufzubrechen und offen zu halten: Unsichtbares sichtbar zu machen, Unsagbares zu Gehör zu bringen und Unbegreifbares begreifbar werden zu lassen.“ Die Kurzfassung kommt von Pablo Picasso: "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt.“ Kunst ist also nützlich und hilfreich, ist eine notwendige Täuschung, um uns die Welt in symbolischer Form anzueignen und sie zu verstehen. So wird sie sinnvoll, so halten wir sie aus, so werden wir selbst sinnvoll. Der vielseitige Theologe hat mit seiner Kunstaktion enormes Interesse unter Verwandten geweckt. Gleich zu gleich gesellt sich gern, und die Gerufenen sind dem Ruf trotz anfänglicher Unkenrufe zahlreich gefolgt. Etwa weil "große Kunst die wichtigste Hüterin des Heiligen ist“, wie es Philipp Harnoncourt verkündet hat? Oder weil beide sich selbst, ihr Selbst, ihre paradoxen Wahrheiten, ja ihre Daseinsberechtigung, in einer wie Harnoncourt es sagt "im Diesseits gefangen säkularen Gesellschaft“ behaupten müssen? Die bedrückt, weil sie sich anmaßt, der Religion wie auch der Kunst Sinn und Vernunft abzusprechen, obwohl diese beiden Geschwister ursprünglichstes Wissen schaffen und darum höchster Ausdruck der Idee des Menschen sind? Und weil der Wahrheitsanspruch von Kunst und Religion als ein im Kern spiritueller ein ähnlicher ist? Und ihre gemeinsame Wahrheitsfindung eine paradoxe Unternehmung ist, also eine, die das Paradoxon einschließt, ja einschließen muss? Und daher hütet wie ein Heiligtum. Wie Philipp Harnoncourt das seine. 1+1+1=1. Was zu beweisen war. Der geteilte Ring des Symbolon galt übrigens als Zeichen der Freundschaft - sich zu finden hieße demnach sich als gemeinsam wiederzuerkennen.

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