Deutsch miteinander reden

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Die Furche-Herausgeber

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Versteht ihr nicht Deutsch?# In meinen Lausbubenjahren # also in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts # stand dieser Satz für die Aufgebrachtheit von Erwachsenen, denen wir nicht #gefolgt hatten#. Er lag pädagogisch-dramaturgisch ganz in der Nähe des damals noch gängigen #Wer nicht hören will muss fühlen#, dessen Folgen wir uns meist in letzter Minute durch widerspenstiges Einlenken entziehen konnten.

Später dann, in den Jahren der Pubertät, hörten wir mitunter eine deutlichere Variante davon: #Jetzt werden wir einmal Deutsch miteinander reden.# Damals verschwendete ich noch keine Gedanken an die Frage, warum unsere Sprache für pädagogische Drohbotschaften herhalten muss.

Verbindliche Sprachschulung

Heute wird das Deutschsprechen wieder instrumentalisiert. Wo Integrationsthemen allzu lange unterschätzt bis verdrängt oder gar geleugnet wurden, verkürzen sich die Argumente für bessere Integration auf plakative, mehr oder weniger sanfte Einladungen zur Sprachaneignung.

Nun, auch ich bin für verbindliche, frühzeitige Sprachschulung der Kinder zugewanderter Mitmenschen. Das erhöht nicht nur deren Lebenschancen, sondern auch jene der Kinder von Eltern mit deutscher Muttersprache. Diese stellen ja in einigen Bezirken Wiens bereits eine Minderheit dar. Sie haben ein Anrecht darauf, in ihrer # unserer # Sprache wirklich gut ausgebildet zu werden. Denn ein vielsprachiger Quasi-Analphabetismus beim Berufseintritt lässt sich später kaum mehr korrigieren. Sprachbeherrschung ist schon die halbe Eintrittskarte in ein selbstbestimmtes Leben.

Nach dieser Wahl muss aber endlich differenzierter über Lösungen zu diesen Fragen gesprochen und danach engagiert gehandelt werden. Das Thema lohnt wirklich fast jede Anstrengung. Ein Beispiel nur: Wenn wir doch wissen, dass Kompetenz in der eigenen Sprache die Lernfähigkeit für andere Sprachen verstärkt oder sogar erst ermöglicht # wäre es dann nicht sinnvoll, in ausgewählten Volksschulen zwei- oder mehrsprachigen Unterricht anzubieten? Etwa Türkisch und Deutsch oder Serbokroatisch und Deutsch. Erste bilinguale Klassen in Ungarisch und Slowakisch gibt es schon. Das Selbstbewusstsein, in der eigenen Sprache sicher zu sein und sie geschätzt zu wissen, baut Lern- und Sozialbrücken in das Beherrschen der Sprache der neuen Heimat.

Sprache, Kultur und Religion

Unbehagen bereitet mir jedoch, dass mit dem Drängen auf sprachliche Annäherung die Erwartung auf Aufhebung aller interkulturellen und interreligiösen Barrieren verbunden wird. Das aber ist eine Utopie, die auf unserem Boden schon einmal auf drastische Weise ins Gegenteil verkehrt wurde. Die ganz ausgezeichnet gelungene Tiedemann-Inszenierung von Thomas Bernhards #Heldenplatz# im Theater in der Josefstadt verweist auf das traurige Paradoxon, dass wir vor etwa siebzig Jahren aus unserem Land gerade jene Mitbürger vertrieben haben, die in unserer Sprache so ganz zu Hause waren, dass sie viele der größten Literaten hervorbrachten. Statt es ihnen zu danken, wurde Deutsch mit ihnen geredet.

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