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Deutsch, wenns konveniert

Deutsche Sprache und österreichische Identität.

Für das österreichische Deutsch, doch ganz reputierlich, müßte man sich in deutschen Landen wie für Despektierliches, für allzu Antiquiertes genieren, aber intransigent, wie man ist, läßt man sich nicht so leicht abschasseln, weil's ja pressiert - Retourkarte, Portemonnaie und Legitimation in der Hand, fragt man couragiert nach der nächsten Station (wie viele Halte es bis ... sind, da würde man nicht perplex angestarrt), fragt voll der Renitenz nach dem richtigen Perron, insistiert bezüglich reservierten Coupés, weil's im Separierten über Sinistres kommoder palavern ist, enerviert die Postfräuln trotz aller Elogen (oder auch der Cour), die man Falott schmierig-charmant ihr in einer Tour macht, mit dem impertinenten Verlangen nach einer Korrespondenzkarte, fürs Ausland korrekt frankiert, rekommandiert gehöre die zugeschickt ("Ist auch kein Malheur, wenn das nicht konveniert!"), retiriert sich schließlich (auch die Rezeptionistin ist ungnädig wie eine Gnädige), des Diskurrierens und Flanierens müde, in ein Café, wo einem ein Täßchen Káfffe serviert wird zu Wiener Apfelstrudel (also: -kuchen) mit nm Klacks Sahne drauf...

Vom Duden wegeskamotiert

gar nicht zu reden davon, daß im Fremdwörter-Duden unser gutes Pyjama als süddeutsch-österr. Sonderform des Schlafanzugs toleriert wird, Wörter wie antichambrieren, konfiszieren, Kontumaz, Karzer, Kriminal, ambulant, Vagabondage, patronisieren, perlustrieren etceteraetcetera (also Vokabeln aus unserer Bürokratie), aber auch (siehe detto) uns liebe Alltagsbegriffe wie Streckfauteuil, Lavoir, Pissoir, Trottoir, Etagere, tranchieren, Melange, Mezzanin, Parte, Paletot, Salettl etceteraetcetera als veraltet eine Zurückweisung erfahren oder daß für die Duden-Partie die Kombineige, Zierde jeder figurell gut beisammenen Wienerin, nicht mehr existiert, wie wegeskamotiert...

aber selbstverständlich braucht sich ein österreichischer Autor vom bundesdeutschen Lektor seinen Kasten nicht umzimmern zu lassen zu einem Schrank; wird eine Korrektur der Korrektur dahingehend vornehmen, daß mit ihm durch ein Eisenbahntunell gereist wird und nicht durch einen Tunnel; daß sein Viadukt nicht weichen muß einer Straßenüberführung, wird - neues Rechtschreibdiktat hin oder her - eines verweigern: die österreichische Gams, vor langem auf norddeutschem Boden als Gemse dem Hochgebirge entfremdet, als Gämse heimzuführen. oder er könnte, natürlich sind das nur Lappalien, einer Mailänder Universitätsprofessorin, die in Köln Germanistik studiert hat und sich nun frech amüsiert, daß er bei seiner Lesung vor ihren Studenten ein Wort wie Honig oder König so ausgesprochen habe, wie mans schreibt, statt richtig (also: richtich) so wie sie, zur Revanche den Siebs unter die Nase halten, das maßgebliche Werk für die an der Provinzbühne Burgtheater verbindliche Aussprache. Könich, Honich - so weit kommts nicht einmal durch EU-Kommissäre!

Wortrationen

will damit nur sagen: aus Österreich ausgewandert, beispielsweise aus Überdruß an politischen Tendenzen, säße man bald, wohl wie die dem Umgebracht-werden in ein fernes fremdes Land Entkommenen, in Stunden besonders elegischer Seelenlage, um nicht im Heimweh zu ertrinken, um nicht der Heimat vollends verlustig zu geraten, vor langen Listen sentimentalisch rekapitulierter, auch als ordinär verachteter Wörter, dankbar für ein jedes, das einem im Vor-sich-hin-Brüten doch noch aufstiege, und hätte man noch so großen Gefallen gefunden an den von Berliner Emigranten in die deutsche Kolonie geretteten Wörtern - ausfratscheln, Pamperletsch, pantschen, einem eine patschen, Gfrast, Gfrieß, Scherzel, Hatscher, Schinder, Abschneider, Schlangenfraß, Funsn, Nockn, Zezn, Kretzen, Gretzel, Tschick, Tschoch, Pompfüneberer, Harpfen, Ramassuri, Ballawatsch, Gfrett, Ogrosln, kiefeln, karniefeln, verhonigln, verwordagelt, eindepscht, zermatschkert, saperlott, drenten (wobei drenten, drüben also, das althochdeutsche Wort enthält, aus dem sich auch unser entrisch herleitet, Ausdruck für jenseitigangeweht, einem unheimlich zumute) - gar nicht zu reden von den Wörtern, die uns, meist eingewienert, aus dem Jiddischen zugeflossen sind: für einen Christen, der von ihrer Provenienz weiß, schickt sich's aber gar nicht, sich ihrer zu bedienen...

Zeit des Erzählens

(belustigt sieht mich in Budweis Frau Professor Pfeifferová an, als ich, des Lehnwortes mir nicht bewußt, sie frage, ob sie am Nachmittag auf Lepschi gewesen sei)

und erwähnt sei auch das Vergnügen an der Beibehaltung altösterreichischer Sitten: "du Herr Direktor"; "Kompliment, Herr Ministerialrat!"; "Handkuß an die Gattin"...

in der Hochsprache unterscheidet sich das österreichische Deutsch vom deutschen Deutsch für meine Begriffe am deutlichsten in der vermutlich mentalitätsbedingten Nutzung der Tempora, also des Verbs: während die ernsthafteren Deutschen alles wichtiger nehmen als wir balkanisch-fatalistisch gestimmten Resignativen und daher als geborene Erzähler in der ihnen in Fleisch und Blut übergegangenen Erzählzeit wem immer Widerfahrenes in einem uns aufgeregt anmutenden Ton, dem der Plädoyers verwandt, Schritt für Schritt darbieten, aus angeborener Genauigkeit, ob der Aufwand unseres Erachtens nun dafürsteht oder auch nicht, existiert für uns das Tempus des Präteritums so gut wie gar nicht, außer zur Schulzeit in den Redeübungen vor der Klasse und in Schularbeiten, sofern die uns eine Nacherzählung auferlegen, wobei wir uns im Gebrauch der uns aufgezwungenen Mitvergangenheit nur so winden, vor Geniertheit, uns auf Geheiß so unnatürlich und affektiert auszudrücken - wäre aus dieser unserer Vorliebe für das Perfekt ("daher sind wir dann; also haben wir zuletzt ...") Mangel an Gewandtheit, also Schwerfälligkeit herzuleiten oder die Gabe, in rückblickenden Momentaufnahmen zu konstatieren, was schon so gut wie nicht mehr wahr ist?

Mentalität in Wörtern

ein Zurückschauen auf Stationen enthält unser Perfekt, so als hätten wir das, was vorbei ist, nicht unternommen, sondern ganz passiv hingenommen, während wer wie die Deutschen immer schön der Reihe nach erzählt, ohne dabei, vor Freude am Detail, vor Langatmigkeit außer Atem zu geraten, ein recht anderes Selbstbewußtsein hat, ein aktiv lebensbejahendes, ein weltveränderndes, von unserem Selbstwertgefühl, das in jedem und allem die Vergänglichkeit registriert, nicht nur im Zurückschauen auf gestern noch Gewesenes, bittschön weiter entfernt, als Präteritum und Perfektum auseinanderklaffen...

und so retten wir uns, im Perfektum zu erzählen steht nun ja wirklich nicht einmal Wirtshauspleampeln wohl an, in das historische Präsens: da sagt mir der Angsoffene, obst as glaubst oder net ...

Sprachwitz und Zensur

wobei auch noch nebenbei erwähnt sei, daß Sprachwitz und Belustigung über sprachliche Fehlgriffe eher dort blüht, wo allzu lange Obrigkeitsstaat und also Zensur regiert haben: welcher noch so beschränkte Österreicher würde nicht lieber auflachen, als sich über das Faktum zu ereifern, wenn er im Radio beispielsweise zu hören bekommt, regional sei die Versorgung mit Zahnärzten lückenhaft. oder des Schweineskandals wegen mache derzeit im Fleischkonsum das Rindfleisch den Löwenanteil aus...

Wien, Alte Donau. anfänglich desperat, sucht sich junge Deutsche auf dem Surfbrett an die Worte ihres Donaustädter Lehrers zu klammern: Üwari, üwari, einilegn uadntli, awa nua owarisch, umidraan nocha - zvüüü! ollewäu uumi, ned rundumadum wia in an Ringlgschpüüü, uadntli einilegn, jo ka Stockerl unterisch midm Oasch, wegga middn Gwicht vau durtn, zwengan Gleichgwicht, waasst?

...ja jetzn biddichgoascheen üüwariii, drah di schoo, no a wengerl mea zuwarii! na segn S, wia des nocha glei wia vau sööwa geht! - kaum mehr versteht die junge Dame von den Anleitungen, als sie als noch sprachloses Kleinkind vom Singsang der Mutter verstanden hat; aber der beschwichtigende Tonfall, der zu einem Tanz beschwingende Sprachduktus tut ihr wohl, und die Aufregung über die unter den Füßen verlorene Standfestigkeit schwindet dahin, dank dem Ausbleiben eines einschüchternd korrekten Kommandos.

in unseren Ohren hört sich nördlicheres Deutsch immer etwas aufgeregt an, während wir - eines

Sinnes mit einer anderswo wohl ungut empfundenen Nationaleigenschaft, dem Hang zu Konflikte scheuenden Beschönigungen - Erbosenswertes allzu gern bagatellisieren, Fuchtige liebend kalmieren, auch um von deren Kümmer- und Ärgernissen gleich wieder unsere Ruh zu haben; horchen Sie in unseren Wirtshäusern oder etwa in der Eisenbahn herum, gelingt es bald dem einen oder der anderen, einen vor Kummer Angsoffenen oder nüchtern ohne guten Zuspruch bald in Rage Geratenden mit kleinen Zwischenreden zu besänftigen, ein Randalieren zu verhüten - Was is n leicht mit Ihnen? . . . wos, wegn dera? . . . Jessasna, na geh! geh bittschön! Na, sei so guat! Also guat! Assso is des? Wosd net sogst! I do net! Na heast! Allerhand! Geh-bittich! Wie denn das? Oiso? Aaaa scho was! Awa! Na so was! Tua, wiast maanst! Na mei God na! Na bin iii froh! Aber woher denn! Geh, tua da nix an - für nix und wieda nix! Geh, höa ma auf! Schded do net dafua! Bist gscheit? Dazöö des wem aundan! na, des vagunn i eam! Sei ma ned beees - bleeed warast! Des is ois? Na oisdan!

O heimatliches Idiom!

Stummelsprache

Nestroy wird für deutsche Leser mit Fußnoten, mit Worterklärungen versehen, und ich verweise nur auf eine Zeile H.C. Artmanns, die sich in bundesdeutscher Transkription etwas anders liest als im Original: da Lusta foid owi wird zu Der Lüster fällt, o weh!

ganz nebenbei etwas, wofür der in den ehemaligen Kronländern für all seine Hilfeleistungen, auch privater Natur, in den Tagen des Ostblocks nämlich, weiterhin hochangesehene Ex-Wissenschaftsminister Erhard Busek von uns bedankt gehört: daß er damals, so lange ist das ja noch gar nicht her, die Etablierung österreichischer Universitätslektoren da und dort durchgesetzt hat: damit die dortigen Studenten, böhmisch-österreichischen Aussehens wie wir oder beispielsweise als Lemberger mit Altösterreichern unter den Ahnen, nicht ein Leipzicher oder Dre-isdner Deutsch sprechen würden!

zuletzt streife ich, was unsere noch in der Sprache gespiegelte Identität bedroht, vielleicht nur in den Augen und Ohren eines diesbezüglich notwendigerweise empfindlichen Schriftstellers - nicht die Spritzfreizwetschken, in Kurrentschrift auf einem kleinen Pappschild von einer alten Frau angeboten: weit Monströseres an Komposita ist der deutschen Sprache eingegeben; nicht das dem Englischen patschert nachempfundene Kein Parken, Kein Radfahren: dergleichen wird Fremdkörper bleiben; schon eher das, was uns, eher der Untertreibung als der Angeberei oder Großmäuligkeit wohlgesonnen Gewesenen, in den Wortschöpfungen von von marketing-Musen geküßten Strategen der Werbeszene heranwächst: vor einem Postamt, nun Post Competence Centre getauft, eher englisch als französisch auszusprechen, sehnt man die Postkutschenzeiten herbei, da ja mit allzu grandioser Namensgebung darüber hinweggetäuscht werden möchte, daß nun, aus Kosteneinsparungsgründen, das Zeitalter der Schneckenpost angebrochen ist (mit Recht würde Wolfgang Bauer dergleichen, wie pseudodichterische Schaumschlägerei, einen - pardon - Schaaß mit Quasterln nennen). Logistik, einer edlen Sparte der Philosophie abtrünnig gemacht worden: jeder ehrbar gewesene Fuhrwerker oder auch Spediteur dreht sich im Grab respektive im Bett herum, als wäre nicht immer schon genau kalkuliert worden, was alles auf einer Tour und in der Retourkutsche mit Zwischenstationen des Umladens befördert werden kann ... und mit der Info-Sprache, dieser Stummelsprache, bedrohen wir uns mehr, als wenn wir uns gegen eine uns von Eroberern von einem andern Stern aufgezwungene Sprache zur Wehr zu setzen hätten.

Kindersprachen

egal ob wir, aller Widerstandskräfte beraubt, ein Deodorant - Te Deum laudamus - als ein Deo' lobpreisen, bleibt zu beklagen letztlich nur das: daß Kindern, da es für ihre Sprachen keinen Naturschutz, also keinerlei Schutzgesetze für regionale Kindersprachen gibt, die Sprache schon genommen wird, noch ehe sie sie haben: zweisprachig, wenn nicht mehrsprachig mögen die Kinder der bei ausländischen Touristen beliebten Landstriche sein, und so bleibt auch unseren Bergbauernkindern von dem mit den deutschen Hausgäschten gesprochenen Deutschland-Deutsch ihr Dialekt unangetastet. aber der Schaden, den sie wie alle deutschsprachigen nichtdeutschen Kinder an den Mickymausheften nehmen, an den Sprechblasen in einem ihnen fernen Dialekt; wie die Wiener Kinder an den norddeutsch synchronisierten Kinderfilmen, egal ob amerikanischer oder japanischer Herkunft - angepatzt, angetrenzt sitzt so ein unsriges Kind da und beichtet das dann der Mutter mit dem ihm untergejubelten Fremdwort, es habe sich bekleckert!

Teil II folgt kommende Woche.

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