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Die 60er Jahre grüßen

Als Kind hat sie ihre Sehkraft verloren, mit 36 Jahren durch die Kunst eines Chirurgen wieder erlangt. In "Molly Sweeney" läßt Brian Friel den Ehemann (Johannes Flaschberger), den Chirurgen (Frank Michael Weber) sowie sie selbst (Roswitha Meyer) berichten, wie schwer es ist, sich wieder in der Welt der Sehenden zurechtzufinden und daß man an der Heilung auch zerbrechen kann. Sie sitzen in Wiens Volkstheater in den Außenbezirken vor Gebilden aus schwarzem Plastik und erzählen, jeder aus seiner Sicht, die von einem konkreten Fall angeregte Geschichte der berufstätigen, als Blinde ihr Leben meisternden, als Sehende scheiternden Molly. Sie tun es in Monologen. Beleuchtet wird nur, wer gerade dran ist. Damit signalisiert Regisseur Georg Lhotsky Zeitferne: Achtung, Theater von gestern mit Mitteln von gestern! Er inszenierte den Text so, wie man ihn in den frühen sechziger Jahren inszeniert hätte.

Wie sich herausstellt, tat er gut daran. Das Stück enthält keinerlei Angebote für die Darsteller, die nicht am Wort sind. Man kann sie nur im wahrsten Sinn des Wortes ausblenden. Dieses Stück läßt sich nur antiquiert aufführen. Dabei schneidet das Theater von gestern aber gar nicht schlecht ab. Nichts lenkt von der Erzählung ab. Zugleich werden gängige Vorurteile relativiert. Es gibt zwar kaum Grund, sich das Theater der sechziger Jahre wieder zu wünschen, aber daß es mit seinen Mitteln zu wirken wußte und daß sie Stilmittel des Theaters waren und daher auch bleiben, ruft diese VT-Aufführung in Wiens Außenbezirken in Erinnerung.

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