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Die Angst vor irakischen Zuständen

Syrische Kirchenvertreter sorgen mit ihren Assad-freundlichen Äußerungen im Westen für Verwunderung. Ostkirchenexperten weisen auf die fragile Lage der Christen hin: Aus den Wortmeldungen spreche die Angst vor dem Regime und vor einer ungewissen Zukunft.

Über 1100 Zivilisten wurden getötet, 10.000 willkürlich verhaftet und noch einmal so viele Menschen sind geflüchtet: Die jüngst veröffentlichte "Zwischenbilanz“ der Vereinten Nationen führt vor Augen, in welch dramatischer Situation sich die syrische Bevölkerung derzeit befindet. Seit März gehen Tausende gegen den autoritär regierenden Staatschef Baschar al-Assad und seine Regierung auf die Straßen. Im Westen wird das brutale Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte scharf kritisiert.

Überraschend wirken da die Worte des melkitischen Patriarchen Gregorios III. Laham. Der katholisch-unierte Geistliche sagte am 13. Juni in Radio Vatikan über die Lage in Syrien: "Es brennt nicht überall, sondern einmal hier, einmal da.“ Die Berichterstattung in Europa kritisierte der Patriarch als "einseitig“, die "überhaupt nicht oder höchstens teilweise stimmt“. Er verwehrte sich auch gegen den Versuch von internationalen Organisationen, dem syrischen Präsidenten die Legitimität abzusprechen.

Wie die Aussagen des Kirchenoberhauptes einzuordnen sind, versucht ein erfahrener Nahost-Experte, der anonym bleiben will, folgendermaßen zu erfassen: "Er muss sagen, es geht uns gut, weil er Bedenken hat, dass man ihn abhört. Was Bischof Gregorios gesagt hat, ist nicht wahr.“ Seinen Namen will der Syrien-Kenner nicht veröffentlichen, weil er befürchtet, sonst nicht mehr nach Syrien fliegen zu können, denn: "Baschar (al-Assad) erlaubt niemandem, die Wahrheit zu sagen.“ Vor diesem Hintergrund seien auch die Aussagen des Patriarchen nachvollziehbar. Ein anderer Ostkirchen-Experte, Dietmar Winkler von der Universität Salzburg, deutet die Worte des melkitischen Patriarchen als Ausdruck seiner "großen Befürchtungen und Ängste“. Die Ungewissheit, wie es in Zukunft mit den Christen im überwiegend muslimischen Land weitergehen soll, stehe der in den letzten Jahren stabilen Lage für die christliche Minderheit, die nun auf dem Spiel steht, gegenüber.

Relative Freiheit für die Christen

Zwar hätten die Christen, die etwa neun Prozent der Gesamtbevölkerung Syriens ausmachen, keinen politischen Einfluss, aber sie könnten sich frei entfalten und würden davon profitieren, dass die autoritäre Regierung selbst von einer Minderheit, den Alawiten, ausgeht, erklärt Winkler.

Um Patriarch Gregorios III. Laham verstehen zu können, sei besonders ein Satz in seinem Interview von Bedeutung: "Wir Christen haben Freiheit!“ Auch wenn es sich gegenwärtig nur um eine relative Freiheit handle, könne die Situation - jedenfalls für die Christen - nur schlechter werden, gibt Winkler zu bedenken und versucht die Aussagen verständlich zu machen.

Auch andere Kirchenvertreter Syriens erhoben ihre Stimmen: Der syrisch-katholische Erzbischof von Damaskus, Elias Tabe, und der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, Antoine Audo, stellten sich in Interviews hinter Präsident Assad. Tabe sprach dabei von einem großen "internationalen Spiel“ gegen Syrien. Er gab aus dem Ausland kommenden Terroristen die Schuld an der Gewalt im Land.

Die Kirchenmänner führen den Irak als Negativ-Beispiel vor Augen. Bischof Audo dazu: "Wir wollen keine Unsicherheit und Islamisierung und keine Gefahr einer islamistischen Machtergreifung.“ Ostkirchen-Experte Winkler erinnert, dass es im Irak in der Zeit der Diktatur eine "stabile Lage gab, die den Christen half“, die Situation jetzt hingegen schrecklich sei.

Die Angst, dass sich die Stimmung gegen die christliche Minderheit richten könnte und dass ein Krieg zwischen den Religionen entstehen könnte, war laut Winkler wohl die treibende Kraft für die Vorstöße der Kirchenvertreter. Patriarch Gregorios wörtlich: "Europa muss verstehen, dass das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Gefahr ist, wenn es so weitergeht.“

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