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Die Augen aufreissen

Oft ist es besser, mit dem Lesen zu beginnen, ohne sich zuvor vom Klappentext belehren zu lassen, der neugierig machen will. Die Werbung ist hier nicht geglückt: Allzu moralisch zusammengefasst wird eine – die letzte – Geschichte aus Bettina Balàkas neuem Erzählband „Auf offenem Meer“, auf die man dann gar nicht mehr neugierig ist. Wer nicht davon, aber vom schönen Cover und Titel beeinflusst das Buch aufschlägt, freut sich vielleicht auf Schiffsreisen – und fällt schon mit dem ersten Satz in eine Titanic der anderen Art.

Die Rolle des Schiffsjungen

Es überrascht, sich in der Erzählung einer 1966 geborenen österreichischen Autorin plötzlich in einem stalinistischen Gefängnis wiederzufinden: „Der Gefangene Wawilow schien mir vom ersten Augenblick an ein äußerst sympathischer Mensch zu sein, und von daher tat es mir wirklich sehr leid, ihn sterben zu sehen.“ Balàka führt in ihrer ersten Geschichte „Titanic“ nicht aufs offene Meer, sondern in den Kopf eines stellvertretenden Gefängnisdirektors und die Zelle von drei Gefangenen, die einander Vorträge über ihre Fachgebiete halten, um den Verstand nicht zu verlieren. Unter ihnen der Biologe und Genetiker Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der 1943 vermutlich an Hunger starb. Zur zweiten Geschichte ist es ein weiter geografischer und zeitlicher Sprung, aber auch sie greift historische Figuren auf. John Harrison versucht, die geografische Länge mittels Chronometer zu bestimmen, und muss sich gegen Forscher wie Sir Isaac Newton durchsetzen. Welche Rolle ein Schiffsjunge dabei spielen kann, erzählt dieser selbst – ein erzählerischer Beweis, dass die Kurzgeschichte zu Unrecht ein Dasein im Schatten der dicken Romane führt.

Auf offenem Meer

Erzählungen von Bettina Balàka Haymon 2010

134 S., geb.,e 16,90

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