Politik und Boulevard sind in Österreich ein enges, problematisches Bündnis eingegangen. Ob sich dieses nach dem Tod von „Krone“-Gründer Hans Dichand lockert, ist offen.

Was lange währte, wurde Zahlenwerk: Die „reale Einflussmacht“ der Kronen Zeitung auf Wahlen, seit Jahren These von Kommentatoren, wurde „erstmals empirisch nachgewiesen“, schreiben Fritz Plasser und Gilg Seeber in „Politik in der Medienarena“ (siehe Buchtipp).

Ihre Daten, zusammengefasst unter dem Titel „Wahlentscheidungen in der Boulevard-Demokratie“ belegen das problematische Verhältnis von Politik und Kronen Zeitung in Österreich. Doch ein Blick auf diese Daten und auf die einschlägigen Interessenlagen lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass sich dieses enge Bündnis nach dem Tode von Krone-Gründer Hans Dichand lockert.

Die der Kronen Zeitung von Politik und Gründungsherausgeber Dichand zugeschriebene Bedeutung wurde in Qualitätsmedien, auch in der FURCHE, wiederholt kritisch aufgegriffen. Doch erst die Zahlen, die der Politikwissenschafter Fritz Plasser, seit Jahren mit dem Thema befasst, zusammengetragen hat, veranschaulichen das damit verbundene, enorme, von Politik und Kronen Zeitung stets geleugnete Problem.

Die Wähler sind mobiler, für massenmedial vermittelte Botschaften empfänglicher geworden. Der Anteil der Wähler mit stabiler Parteibindung ist in den letzten 30 Jahren von zwei Dritteln auf unter die Hälfte gesunken, der Anteil der Parteimitglieder unter den Wählern fiel von 23 auf elf Prozent. Zugleich stieg der Anteil der Wechselwähler auf ein Viertel, jener der spät entscheidenden Bürger auf ein Drittel. Diese „Öffnung des Wählermarktes“ ist eine „Randbedingung für Medieneffekte“, wie Plasser und Seeber ausführen. Und diese steigen mit der Reichweite und Kampagnisierung eines Printtitels wie der Krone.

Beispiellose Medienmacht

So lasen 42 Prozent der Wähler bei der Nationalratswahl 2008 regelmäßig die Kronen Zeitung, 17 Prozent waren Exklusivleser, 37 Prozent bezeichneten die Krone als Leitmedium für Innenpolitik. Daraus ergibt sich ihre „dominante Vormachtstellung“ am Leser- und Wählermarkt. Und diese, gepaart mit spezifischem Journalismus, wirkt.

Die „redaktionelle Strategie“ der Krone der selektiven Wahrnehmung und betonten Negativzeichnung einzelner Politiker ergebe einen „Angriffsjournalismus“. Zugleich werde die Aufmerksamkeit auf wenige Themen verengt, unterliegen die Beiträge einer „orchestrierten Synchronisation“. Diese Zeitung überschreite die Grenze zum Kampagnejournalismus, wurde etwa während des „Veto-gegen-Temelín“-Volksbegehrens zu einer „Mobilisierungsplattform“.

Plasser und Seeber wörtlich: „Beispiellos“ sei die Bereitschaft der Kronen Zeitung, ihre publizistisch-politische Medienmacht „gezielt auszuspielen“, Wohlverhalten publizistisch zu belohnen, Widerspruch und Kritik durch Angriffe zu sanktionieren. Der „prägende Einfluss“ der Krone auf die Wahlentscheidung regelmäßiger Leser sei „hinreichend, um den Ausgang der Nationalratswahl substanziell zu beeinflussen.“

Dieses System war mit dem Gründer und Herausgeber, Hans Dichand, verbunden. Während die Politik in Nachrufen „die prägende Persönlichkeit“ würdigte, forderten Kommentatoren, diese Politik möge sich von der Kronen Zeitung emanzipieren, sich aus der Angststarre lösen, die Verwerfungen zulasten der öffentlichen Debatte korrigieren. Es ist fraglich, ob das gelingt.

Käufliche Politik verliert Respekt

Skepsis äußert etwa der Markt- und Meinungsforscher sowie Kenner der Medienszene, Peter Ulram (GfK Austria): „Die nicht auf die Krone beschränkte Unsitte der permanenten, rechtlich nicht erfassbaren Korruption, des Tausches von Inseraten gegen gewogene Berichterstattung, wird sich nicht so ohne Weiteres aufhören“, meinte er gegenüber der FURCHE.

Politik und Medien seien gemeinsam sozialisiert worden, man habe sich im Verhalten aufeinander eingestellt, das sei zu einem Habitus geworden. Ulram: „Nach dem Tode von Hans Dichand ist die Möglichkeit zu einer Veränderung gegeben, aber das bedeutet noch nicht, dass sie genutzt wird.“ Und an die Adresse der Politik gewandt, fragt Ulram, ob diese denn aus der skizzierten Entwicklung gelernt habe? Ob die Politik nicht mehr, so wie Werner Faymann, einen Brief an die Krone schreibe?

Ähnlich sieht das Wilhelm Molterer, von der Krone negativ dargestellter Finanzminister und ÖVP-Obmann des Jahres 2008.

„Die Chance lebt, dass eine gewisse Normalität einkehrt“, sagt Molterer. Aber es gebe ja bereits Adepten, Zeitungen wie heute, wo ähnliches Verhalten gelebt werde. Daher sei die Politik gefordert: „Wenn sich die Politik käuflich geriert, verliert sie an Respekt, verliert jegliches Ansehen. Das ist ein Schaden am Politischen. Aber den Verlockungen geben zu viele nach.“ Worin diese bestehen?

„Das Angebot von Hans Dichand war da: bin ich für eine Volksabstimmung über die Europäische Union, dann gibt es Unterstützung im Nationalratswahlkampf. Wenn nicht, dann wird dezidiert gegen mich geschrieben.“ Er, so sagt Molterer, sei nicht der einzige, der in diese Situation geraten sei. Dichand sei ein „genialer Zeitungsmacher“, gleichzeitig aber „ein absoluter problematischer Medienmensch“ gewesen, weil er sein Medium als „Instrument eingesetzt hat, und zwar hart.“

Der Ministerrat hat im Februar 2010 die vom Rechnungshof 2003 angeregten Richtlinien für Regierungsinserate beschlossen. Molterers Vorstoß, das in Gesetzesform zu gießen, lehnte das Bundeskanzleramt ab: Die Einhaltung würden Opposition und – erraten – die Medien schon kontrollieren. Das erinnert an ein Wort der früheren Außenministerin Ursula Plassnik: „Dichand hat so wenig und so viel Macht, wie ihm einzelne Politiker einräumen.“ Auch seinen Erben?

Politik in der Medienarena

Praxis politischer Kommunikation in Österreich. Hrsg. v. Fritz Plasser

Facultas Universitätsverlag 2009

320 Seiten, Geb. Kart., E 32,00

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau