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Feuilleton

Die Deutung des (Un-)Sichtbaren

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Inszenierung des Sichtbaren und Unsichtbaren in der Kunst ist ihr Thema – nun wurde ihre wissenschaftliche Arbeit selbst vor den Vorhang geholt: Die Wiener Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat (geboren 1946) erhielt den diesjährigen Gabriele-Possanner-Staatspreis. Die Würdigung wird alle zwei Jahre vom Wissenschaftsministerium an Wissenschafterinnen verliehen, die mit ihrer Lehre und Forschung die Geschlechterdemokratie fördern.

Die Jury würdigte Hammer-Tugendhat als „Pionierin der feministischen Kunstgeschichte“. Die Gewürdigte selbst fügt im FURCHE-Gespräch hinzu: „Ich habe nie so etwas wie Frauen-Kunstgeschichte gemacht, sondern immer versucht, Verhältnisse der Geschlechter zu thematisieren.“ Hammer-Tugendhats Anliegen ist es, mit ihrer Arbeit die Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft zu etablieren, betont auch die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Marie-Luise Angerer in ihrer Laudatio für die Preisträgerin.

Im vergangenen Jahr publizierte Hammer-Tugendhat ein Werk, das – wie sie selbst sagt – fundamentale Fragen zusammenfasst, an denen sie acht Jahre gearbeitet hat: „Das Sichtbare und das Unsichtbare. Zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts“ (Böhlau Verlag 2009, 339 Seiten, geb., f 46,20). Sie geht der Frage nach, wie Kunst Dinge, die an sich sichtbar sind, unsichtbar machen kann, und Unsichtbares sichtbar. Sie kommt, stark verkürzt, zu dem Befund, dass die Frauen dann aus den Werken der holländischen Maler verschwinden, wenn es um öffentliche Repräsentation oder um geistige Motive geht. Handelt es sich aber um die Bereiche Liebe, Erotik und Sexualität, verschwindet der Mann und die Frau wird sichtbar. Die Autorin schreibt: „Die Frage nach dem Unsichtbaren kann grundsätzliche Strukturen unserer Vorstellungswelt erhellen, die – weil unsichtbar – unbewusst bleiben, und dennoch verinnerlicht werden.“ Beispiele verdeutlichen, wie Hammer-Tugendhats Arbeit auch auf aktuelle gesellschaftliche Bilder und Diskurse übertragen werden kann.

Genau in dieser Logik plädiert Hammer-Tugendhat, die als Vorreiterin seit Jahrzehnten für die Gleichstellung der Frauen im Bereich Universität und Wissenschaft kämpft, für ein breites Spektrum an Veränderungen, um wirkliche Gleichstellung von Frauen und Männern in Wissenschaft und Gesellschaft voranzutreiben. Wesentlich seien Veränderungen von mentalen Wahrnehmungen, die stark mit Emotionen und Unbewusstem zu tun haben, betont sie. Noch viel wichtiger und wirksamer als Quoten sind für Hammer-Tugendhat das Angebot und der Ausbau von qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung. Es dürfe nicht sein, dass sich Frauen zwischen Wissenschaft und Kindern entscheiden müssten. Fast alle Kolleginnen ihres Alters hätten auf Kinder verzichten müssen, um Karriere zu machen. Sie selbst hat zwei Söhne.

Dass es Quoten brauche, ist für die Kunsthistorikerin eigentlich eine „Schande“, wie sie bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Preisverleihung meint. „Solange wir gesetzliche Verordnungen brauchen, stimmt etwas Fundamentales nicht.“ Auch in diesem Kontext macht die Wissenschafterin, die seit 1975 an der Angewandten lehrt, auf die Bedeutung von Wahrnehmung aufmerksam. Der Titel der Podiumsdiskussion lautete: „Frauenquote. Quotenfrau?“ Der Begriff „Quotenfrau“ verärgert Hammer-Tugendhat: „Es ist umgekehrt. Männer kommen in Positionen, nur weil sie Männer sind.“