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Die Endlosmelodie der Winterstürme

Am 22. Mai vor 200 Jahren wurde Richard Wagner in Leipzig geboren; am 9. oder 10. Oktober jährt sich der Geburtstag Giuseppe Verdis zum 200. Mal. Der italienische Dirigent Riccardo Chailly sprach mit der FURCHE über seine ganz persönlichen Zugänge zu den beiden Genies.

DIE FURCHE: Maestro Chailly, gibt es so etwas wie einen Verdi-Stil?

Riccardo Chailly: Ich würde sagen, Verdi fragt jeweils den Interpreten nach seinem Stil. Man kann aber nicht über Verdi-Stil reden ohne Toscanini zu nennen. Wir italienische Dirigenten sind alle mit dieser Tradition aufgewachsen, das kann man nicht ignorieren.

DIE FURCHE: Was ist für die Interpretation Verdis aus Ihrer Sicht grundsätzlich wichtig?

Chailly: Man braucht jedenfalls Klarheit, eine rhythmische Struktur, hier und da auch eine Trockenheit des Klangs, ebenso eine Durchsichtigkeit des Klangs, aber mit romantischem Elan. Nicht zuletzt "Rigoletto“, eine der zentralen Verdi-Partituren, zeigt, wie sehr dies alles notwendig ist. Jedes große Opernhaus hat zwar seine eigene Verdi-Tradition, aber stets gilt ein Prinzip: Man kann nur dann einen Verdi-Klang schaffen, wenn Orchester und Chor regelmäßig Verdi musizieren.

DIE FURCHE: Wir feiern heuer ein Verdi-Wagner-Jahr, lassen sich Verdi und Wagner vergleichen?

Chailly: Nein, das sind beide grandiose Genies mit einer sehr unterschiedlichen Persönlichkeit, die parallel gewachsen sind. Es zeigt sich schon in Verdis früher Oper "Oberto“: Sein theatralischer Stil ist eine entwickelte Version vom Theater Gioacchino Rossinis. Man erkennt sofort den Schritt nach vorne aus diesem "Teatro Rossiniano“. Rossini war für Verdi eine Vaterfigur, aber ab "La forza del destino“ hat er seinen eigenen Stil gefunden. Wagners Stil geht dagegen vom Mythos aus, von seinen genialen Texten. Er ist auf sein Universum bezogen. Verdi war, wie wir wissen, bei der italienischen Premiere von Wagners "Lohengrin“ in Bologna. Wagners Verbindung zu Italien war auch durch den Dirigenten Giuseppe Martucci sehr groß. Verdi, keine Frage, hat viel Wagner studiert, das lässt sich an seiner Harmoniekultur erkennen, vor allem in seinem Spätwerk, bei "Otello“ und "Falstaff“.

DIE FURCHE: War Verdi der größere Melodiker?

Chailly: Ich würde das verneinen, denn gibt es eine schönerer Endlosmelodie als die "Winterstürme“ in der "Walküre“? Nein, beide, Verdi wie Wagner, sind grandiose Melodiker. "Rienzi“ etwa ist durch den italienischen Belcanto beeinflusst, das ist deutlich zu hören.

DIE FURCHE: Und wer von beiden führt stärker in die Zukunft?

Chailly: Beide führen in die Zukunft, ohne beide kann man nicht leben. Das Theater braucht beide, und beide haben auch Nachfolger. Bei Wagner ist es Richard Strauss, man denke nur an seine frühe Oper "Guntram“, bei Verdi ist es Puccini, er war immer mit Verdis Theater verbunden. Die Linie Rossini-Verdi-Puccini ist eine Brücke ohne Unterbrechungen.

DIE FURCHE: Ist man ein anderer Mensch, wenn man den "Ring“ dirigiert hat - zumindest einige Dirigenten sehen das so?

Chailly: Meine "Walküre“- und "Götter-dämmerung“-Dirigate am Teatro Communale in Bologna - ich habe mir damals den "Ring“ mit Peter Schneider geteilt - gehören zu den tief berührenden Momenten meines Lebens. Ich glaube aber, dass "Parsifal“ einen Menschen am meisten verändert. Denn hier geht Wagner in Richtung spirituelle Verklärung, das gibt es in keiner anderen Oper.

DIE FURCHE: Ist nicht interessant, dass Wagner in einem Opernschaffen zuletzt die übermenschliche Dimension ansteuert, während sich Verdi in "Falstaff“ als verschmitzter Philosoph präsentiert? Hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass der eine ein deutscher, der andere ein italienischer Komponist ist?

Chailly: Das kann so sein (lacht), aber ich sehe das anders. Für mich blickt Verdi in "Falstaff“ zurück an seine Anfänge, an seine zweite Oper "Un giorno di regno“, die der größte Flop seines Lebens war. Bei Wagner finden wir diese buffonesken Züge in den "Meistersingern“, auch das ist tolle Musik, aber "Falstaff“ ist das ökonomischere Stück.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie grundsätzlich dieses Verdi- und Wagner-Jahr?

Chailly: Für mich ist das etwas exzessiv, denn beide Komponisten haben ein solches Gedenkjahr nicht nötig. Aber es bietet Gelegenheit, in einem Programm etwas weniger Bekanntes von beiden zu kombinieren, wie ich es beispielsweise mit dem Gewandhausorchester mache, wo ich von beiden Komponisten symphonische Stücke aufführe.

DIE FURCHE: Erwarten Sie neue Erkenntnisse zu beiden Komponisten nach diesem Jahr?

Chailly: Man kann und wird immer Neues bei ihnen finden, als Interpret wie als Zuhörer. Das gilt aber nicht nur für Verdi und Wagner, sondern auch ihre, wie ich es nennen möchte, Parallelkomponisten. Für mich ist etwa die Linie Wagner-Zemlinsky-Mahler sehr wichtig. Zemlinsky war ein großartiger symphonischer Dirigent und Komponist, und Mahlers Wissen um das Werk Wagners hatte einen großen Einfluss auf die Struktur seiner Symphonien. Dass Mahler Puccini gehasst hat, er eine "Tosca“-Vorstellung mitten im dritten Akt verlassen hat, ist übrigens kein Zufall, denn beide haben den Schlüssel für den Klang des modernen Orchesters gefunden, das hat Mahler sehr wohl erkannt.

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