Die Fäden poetischer Texte weiterspinnen

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Markus Vallazzas künstlerische Arbeit war und ist auf Engste mit Literatur verknüpft. Er radierte Texte von Kafka, Poe, Rimbaud, Horaz, Ovid, Dante, Kleist und Mayröcker. Die Schriftstellerin Erika Wimmer hat Vallazzas Bilder "gelesen". Eine Würdigung zum 80. Geburtstag.

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Markus Vallazzas künstlerische Arbeit war und ist auf Engste mit Literatur verknüpft. Er radierte Texte von Kafka, Poe, Rimbaud, Horaz, Ovid, Dante, Kleist und Mayröcker. Die Schriftstellerin Erika Wimmer hat Vallazzas Bilder "gelesen". Eine Würdigung zum 80. Geburtstag.

Er nimmt den Faden eines poetischen Textes auf und spinnt ihn im Prozess einer stetigen Reflexion eigener Erfahrungen weiter. Markus Vallazza, am 8. August 1936 im Grödnertal geboren, begegnet der Literatur auf Augenhöhe, Illustrationen im eigentlichen Sinn des Wortes sind seine Sache nicht. Seine Arbeit war und ist auf das Engste mit Literatur verknüpft, er hat sich seit den frühen 1970er Jahren mit literarischen Texten befasst, sie in Bilder, häufig in zyklischer Form, umgesetzt.

Für seine produktive Rezeption von Literatur hat er schon früh das adäquate künstlerische Mittel in der Drucktechnik gefunden und im Laufe der Jahre und Jahrzehnte Texte von Kafka, Poe, Rimbaud, Horaz, Ovid, Wolkenstein, Kleist, Villon und von zeitgenössischen Autorinnen und Autoren wie H. C. Artmann und Friederike Mayröcker radiert. Sein Hauptwerk ist Dantes "Divina Commedia", dem er beinahe ein Jahrzehnt seines Schaffens widmete und das er im Jahr 2000 erstmals ganz ausstellte. Nach Dante folgte noch einmal eine intensive Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk. Cervantes' "Don Quijote" war ihm bereits in den 1970er-Jahren begegnet, der Roman hat ihn immer wieder und lange Phasen hindurch beschäftigt, abschließen konnte er den Zyklus erst 2006. Die der Radierung stets vorausgehenden Skizzen, die keineswegs Nebenprodukte sind, sondern die Arbeit an den Druckwerken begleiten und einen hohen künstlerischen Wert besitzen, wurden im Fall der "Divina Commedia" und des "Don Quijote" in der edition per procura in Lana faksimiliert. Sie geben Einblick in einen Prozess, der über expressiv kolorierte Skizzen in der ersten Phase des Arbeitsprozesses sich allmählich zur klaren, grafischen Komposition seiner Radierungen entwickelt.

Spiegelschriften

Der narrative Charakter seiner Bilder tritt nicht zuletzt in eingearbeiteten Schriftzeichen zutage, diese werden im Druck zu 'Spiegelschriften', die den Radierungen einen eigenen Reiz verleihen: Da ist ein Text zu sehen, doch er verbirgt sich zugleich und entzieht sich einer raschen Rezeption. Auch dominiert in seinem Werk die Serie, sie weist den Künstler insofern als Erzähler aus, als für ihn nicht das eine gültige Bild im Mittelpunkt steht, sondern das Sich-Entwickeln in einer fortschreitenden Geschichte.

Angeregt durch die Lektüre "Das Herzzerreißende der Dinge" und anderer Texte von Friederike Mayröcker sind in Vallazzas Werkstatt im Frühjahr 1991 Zeichnungen und Radierungen dazu entstanden. Bereits ein Jahr später wurde das Mappenwerk in der Salzburger Landessammlung Rupertinum präsentiert: ein Zyklus von 23 Radierungen und Kaltnadelarbeiten sowie einer weiteren Radierung am Mappendeckel mit dem Titel "Vom Herzzerreiszenden der Dinge", begleitet von Mayröckers Text "Die Spiegelschrift auf dem Handteller, oder Poem auf mehrere Berg/Gebirgsunruhen, zu Radierungen von Markus Vallazza"

und mit einem Vorwort von Otto Breicha. Zeitgleich erschien eine Serie von Tuschezeichnungen in der Edition Raetia in Bozen. "Das Herzzerreißende der Dinge", diese auf Claude Lévi Strauss zurückgehende Auslegung des japanischen mono no aware, bezeichnet die ephemere Natur der Dinge, zugleich jene melancholische Gestimmtheit, die die Erkenntnis der flüchtigen Realität in uns erweckt. Die Traurigkeit, die hier gemeint ist, lehnt sich nicht gegen die Vergänglichkeit auf, sie verwandelt sie in Schönheit. Nach dem japanischen Philologen Motoori Norinaga ist das mono no aware auch ein ästhetisches Prinzip und ein Movens von Dichtung und Kunst.

Mayröckers Prosatext, 1984 und 1985 in 16 Kapiteln verfasst, ist in seiner Struktur dem Flüchtigen verpflichtet, er zeichnet sich durch einen schwebenden Duktus aus, der sprachliche Versuche und Varianten zulässt, nichts Letztgültiges vorgaukelt und den Text in Schwingung hält. Vallazzas Bilder sind ebenfalls bewegt, seine Figuren schlingern durch die Welt, sie haben keinen festen Boden unter den Füßen, sind nicht von klar definierbarer Gestalt, sondern muten surreal und traumhaft an. Der Künstler folgt dem Prinzip der Verwandlung, der auch Mayröckers Text eignet, seine Figuren können Zwitter- oder Fabelwesen, Wesen im Übergang, halb Mensch, halb Tier sein.

Surrealer Kosmos

Parallel zur Anverwandlung fremden Textmaterials zeichnet Vallazza die menschliche Existenz als eine Überschreitung vom Eigenen hin zum Fremden, wobei tierische Elemente als Allegorie innerer Schatten erscheinen, als das, was der Mensch in sich hat, aber nicht integrieren konnte. Dazu kommt, dass Mayröckers Text da, wo er um den eigenen Tod kreist, diesen vorwegnehmend als Übergang, als "Hinüberwechseln" inszeniert. Mayröcker montiert das wie Strandgut angetriebene Sprachmaterial zu einem surrealen Kosmos und spielt sich so von der Realität frei. Das Echo auf diese Textstellen sind Bilder einer weiblichen Figur, die sich selbst mit Flügeln oder den Fittichen eines Engels ausgestattet hat und über dem Boden schwebt. Auch Vallazza nimmt sich die Freiheit, die Realität zu "überfliegen", bei ihm haben Käfer Räder an den Beinen und Fabelgetier schwebt über dem Kopf des Zeichnenden. Seine nie ganz eindeutigen Sujets entsprechen Mayröckers mehrdeutigen Sprachbildern. Sie schreibt: "ich lehne mich mächtig gegen den Tod auf", und Vallazza gestaltet eine Frau, die ihre Hände gegen ein Gerippe erhebt -oder ergibt sie sich mit erhobenen Händen dem Tod, dem sie gebannt gegenüber sitzt? Beides mögliche Lesarten ein und desselben 'Bild-Textes'.

Es gehört zu Vallazzas Qualitäten, die Balance zwischen schwebenden, nur intuitiv zu erfassenden Bildern und klaren Aussagen zu halten. Der einfühlende Künstler, dem menschliche Not, psychische Abgründe und Agonien nicht fremd sind, ist zugleich ein politisch Denkender, der Nöte und Abgründe auch auf gesellschaftlicher Ebene auszumachen, zu benennen und darzustellen weiß. Texte haben ihn manchmal dazu angeregt, politisch Stellung zu beziehen, vor aktualisierenden Auslegungen hat er sich nicht gescheut. Dantes "Inferno" und "Purgatorio" boten dem Künstler die Möglichkeit, das gesamte menschliche Sündenregister, außerdem psychisches Leid und körperlichen Schmerz in Szene zu setzen: Körper stürzen in Flammenmeere, sie werden von tierhaften Gestalten in Bedrängnis gebracht, zerrissen, erdrückt und gefressen, Blut ergießt sich, Tränen erstarren zu Eis und teuflische Fratzen erschrecken ebenso wie massenweise in Luzifers Maul verschwindende Körper und Körperteile.

Missetäter seiner Zeit

Doch nicht genug: Wie Dante in seiner Dichtung die Hölle und das Fegefeuer mit realen Personen seiner Zeit bevölkerte, mit Kirchenvätern, Künstlern oder Politikern, so hat auch Vallazza die Missetäter seiner Zeit porträtiert. Er hat, um nur wenige Beispiele zu nennen, den einst umstrittenen St. Pöltener Bischof Kurt Krenn mit Vampirzähnen vorgeführt und Nazischergen an der Seite Luzifers dargestellt, die einst einflussreichen italienischen Politiker Fini, Craxi und Berlusconi hat er in einem Skizzenheft unumwunden als Gauner bezeichnet. Manchmal ironisch, meistens aber ernst: Vallazzas Bilder spiegeln das Menschliche in all seinen Facetten.

Was andere Künstler, die sich mit Dante beschäftigten, vermieden haben, hat er gewagt: Er hat auch Dantes "Paradiso" gestaltet. Der Gesamteindruck, der über die helle, den leeren Raum andeutende Bildtextur vermittelt wird, ist Leichtigkeit und Freiheit bei gleichzeitigem Fokus auf den zentral sich vordrängenden Bildbereich -ein bildfüllender Kreis als Metapher für das Vollkommene.

Die Autorin ist Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin

Der Weltenzeichner

Eine Ausstellung zum 80. Geburtstag von Markus Vallazza

Bis 4. September 2016, Kunst Meran

www.kunstmeranoarte.org

Markus Vallazza. Der Weltenzeichner

Hg. von Günther Oberhollenzer

Folio 2016. 208 S., geb., € 30,-

Erotika

Zeichnungen und Texte zu Casanova.

Von M. Vallazza und H. C. Artmann

Ed. Raetia 2016. 128 S. geb., € 24,90

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