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Die Fallstricke der Ehre

Elif Shafak thematisiert in ihrem Familienepos die Unvereinbarkeit von Individualität und blinder Ehrgläubigkeit.

Elif Shafak zählt zu den bekanntesten und meistgelesenen Literaten der Türkei. Nicht zuletzt ihr kontrovers diskutierter Roman "Der Bastard von Istanbul“, in dem der tabuisierte und totgeschwiegene Völkermord an den Armeniern zur Sprache kommt, was seiner Autorin 2006 einen Gerichtsprozess wegen "Verunglimpfung des Türkentums“ eingebracht hat, machte sie über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekannt. Damit stand sie nicht allein da. Artikel 301 wurde zum Kampfparagraphen der Politik gegen unliebsame Kritik von Schriftstellern und Journalisten. Das Verfahren gegen Shafak wurde eingestellt. Eingeschüchtert zeigt sich die auf Türkisch und Englisch schreibende Kosmopolitin jedenfalls nicht. Den herrschenden politischen Diskurs in der Türkei und das Auftreten von Premier Erdogan bezeichnet sie als "maskulin und aggressiv“ und auch in ihrem neuen Roman scheut sich die 42-Jährige nicht davor, heikle Themen anzusprechen.

"Ehre“ ist ein weit verzweigtes Familienepos, das sich über drei Generationen erstreckt. Im Zentrum stehen die zwei Zwillingsschwestern Jamila und Pembe. Die eine wandert mit ihrer Familie nach London aus, wo sie zwischen den konservativ-patriarchalen Ehrvorstellungen ihrer Herkunft und den Freiheiten ihrer neuen Heimat aufgerieben wird. Die andere, Jamila, bleibt allein in der ländlichen Türkei zurück und schafft es, als Hebamme und Heilkundige in einer für eine Frau ungewöhnlichen Autonomie zu leben. Rund um die zwei Schwestern entwirft die Autorin ein dichtes Netz, das Beziehungsstrukturen abbildet und keine Rücksicht auf eine Chronologie der Ereignisse nimmt. Als Pembe von ihrem Mann Adem verlassen wird und vorsichtig versucht, die Grenzen ihres Käfigs aus traditionellen Ehrvorstellungen und familiären Pflichten auszutesten, sieht sich ihr Sohn Iskender in der Pflicht, sie in ihre Schranken zu verweisen. Während Männer in den Genuss der Freiheiten ihrer neuen Heimat kommen, bleiben für Frauen die Beschränkungen bestehen. Wenn der 16-jährige Iskender seine englische Freundin schwängert, wird das Problem mit ein paar von seinem Onkel in die Hand gedrückten Geldscheinen für eine Abtreibung erledigt. Die weibliche Lebensrealität ist hingegen voller Falltüren. Vergewaltigung, Verführung, ungewollte Schwangerschaften: Um das Ansehen der Familie zu retten, wird der tödliche Strick im Kessel serviert …

Unfreiheit und Zwang

Der wuchtige, fast unbescheiden wirkende Titel "Ehre“ ist mit Bedacht gewählt. Ehre ist in Wahrheit nur ein Synonym für Unfreiheit und Zwang. Der Zwang zur Keuschheit, der Zwang, einen Sohn zu gebären, der Zwang, keine Angst zu zeigen, wenn man als kleiner Junge beschnitten werden soll. In Elif Shafaks Roman mündet die bedingungslose Unterwerfung unter einen patriarchal-kulturellen Ehrbegriff beinah zwangsläufig im Unglück. Das unerbittliche Diktat der Ehre vergiftet die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern und fordert einen hohen Preis: den Verzicht auf Liebe, die eigene Freiheit, auf Humanität. Es ist beeindruckend und auch ein wenig überraschend, dass Shafak dabei nie ins formelhaft Vereinfachende verfällt. Obwohl im Zentrum des Romans ein Ehrenmord steht, sind Gut und Böse keine Kategorien, die von ihr bedient werden. Das überlässt sie lieber dem fundamentalistischen Redner, der mit seinen Hetztiraden gegen den moralisch verkommenen Westen bei seinen jungen, verunsicherten männlichen Zuhörern offene Türen einrennt. Auch wenn die unterschiedlichen Maßstäbe, die an Männer und Frauen angelegt werden, sehr deutlich gemacht werden, geht es nicht um eine Aufrechnung. "Ehre“ thematisiert den Widerstreit von Pflichtgefühl und Individualität, dem jeder ausgeliefert ist. Selbst die antikapitalistischen Hausbesetzer, mit denen sich Pembes jüngster Sohn Yunus anfreundet, hängen einem Ehrenkodex an, dessen Strukturen nur besser verschleiert sind.

Auch wenn an manchen Stellen etwas Straffung gut getan hätte, ist "Ehre“ ein durchaus kunstvoll komponierter Roman. Verschiedene Perspektiven und Erzählweisen wechseln sich raffiniert ab, und Shafak begeht dabei nicht den häufigen Fehler, den diversen Erzählinstanzen denselben Tonfall zu verleihen. Eine Qualität des Romans ist seine Vielstimmigkeit und Komplexität. Die verschiedenen Handlungsstränge changieren zwischen einem für das orientalische Erzählen typischen magischen Realismus und der ungeschönten Schilderung der Alltagsrealität, ohne dass darin ein Widerspruch bestünde. Märchenhafte Elemente und anekdotische Szenen treffen auf die schnörkellosen Ich-Erzählungen Iskenders aus dem Gefängnis. Bedauerlicherweise verliert der Text zum Schluss hin an Tiefe. Dazu trägt sowohl der unvermutet eintretende Plot bei als auch das etwas zu versöhnlich ausgefallene Ende. Bis auf diesen kleinen Schönheitsfehler ist es ein starker Roman, der seinem Titel gerecht wird.

Ehre

Von Elif Shafak, übersetzt von Michaela Grabinger, Kein & Aber 2014.

528 Seiten, gebunden, e 25,60

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