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" Die formale Qualität ist entscheidend"

1945 1960 1980 2000 2020

Engagierte Kunst? Inhalte statt Gestaltungswillen? Intellektuelle Handstände? Peter Baum, international renommierter Kunstvermittler, im FURCHE-Gespräch über die bildende Kunst der Gegenwart.

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Engagierte Kunst? Inhalte statt Gestaltungswillen? Intellektuelle Handstände? Peter Baum, international renommierter Kunstvermittler, im FURCHE-Gespräch über die bildende Kunst der Gegenwart.

Die bildende Kunst hat sich auch aufgrund der medialen Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten teils stark verändert. Der ehemalige Leiter der Neuen Galerie in Linz und Gründungsdirektor des Lentos Kunstmuseums, Peter Baum, hat an Akzentsetzungen einerseits als Kurator und Museumsdirektor mitgewirkt, andererseits die Wandlungen immer auch kritisch beobachtet.

Die Furche: Kann Kunst heute hierzulande überhaupt noch stören?

Peter Baum: Bedingt. Es ist immer die Frage, an wen sie sich richtet, oder besser gesagt, wer sie annimmt als Diskussionsgegenstand, als Gegenstand einer visuellen und inhaltsbezogenen Auseinandersetzung. Dass Kunst im klassischen Sinn wirklich schockiert, kommt hier kaum noch vor, denn die Schocks erleben wir inflationär tagtäglich viel intensiver und in einer Art und Weise, die einen eigentlich zum Verzweifeln bringt.

Die Furche: Sie meinen damit unter anderem medienästhetische Inszenierungen, die sogar der Terror übernommen hat?

Baum: Ja, die Kunst hat ihre Grenzen. Das wird seit Jahrzehnten diskutiert, nach Auschwitz etwa hieß es, es könne keine Gedichte mehr geben oder keine Bilder. Dennoch versuchen Künstler und Künstlerinnen immer wieder sich an diesen Themen abzuarbeiten. Aber die Drastik solcher Ereignisse kann die bildende Kunst meiner Meinung nach kaum mehr bewältigen. Die Frage, die sich unter anderem stellt, ist die nach den Medien: Ist der Tagesjournalismus mit seinen heutigen Möglichkeiten nicht den klassischen bildnerischen Zeugnissen überlegen?

Die Furche: Nun kam aber dem Provozieren im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle zu. Durch Skandale wurden Grenzen verschoben, Tabubrüche waren auch Versuche die Gesellschaft zu verändern. Ist dieses Potenzial der Kunst bei uns verloren gegangen?

Baum: Nein, ich glaube nicht, dass das Potenzial kleiner wäre oder verloren gegangen wäre. Ich würde aber auch unterscheiden. Die sogenannte engagierte Kunst hat vor allem sozialkritische politische Überlegungen im Hintergrund. An und für sich ist jede Kunst, wenn sie den Ausdruck verdient, engagiert. Denn ohne wirkliche Anteilnahme und Kraftanstrengung ist da nichts zu machen. Das andere sind aber politische Aussagen, die vor allem in Verbindung mit den Heroen der Politik im 20. Jahrhundert und schon früher fast nur in die Hose gegangen sind. Schauen Sie sich die Denkmäler an, vom Faschismus über die kommunistischen Staaten nach 1945 bis hin zu Peinlichkeiten auch bei uns. Diese Masse an Plastiken, an Statuen, an Verherrlichung von Staatsideologie und Staatsführern. Da gibt es nichts, was als Kunst Bestand hat. Das ist alles Schrott.

Die Furche: Ich habe aber den Eindruck, dass Kunst sich nun wieder auffällig oft politisch versteht. Auch in Publikationen über Kunst scheint Politik ein wichtiges Thema zu sein.

Baum: Ich glaube, dass die bildende Kunst sich heute viel zu viel über Inhalte legitimieren will und nicht über die Art und Weise einer dringlichen Umsetzung. Die formale Qualität ist immer entscheidend, egal welcher Inhalt! Wäre etwa ein Bild wie "Guernica" nicht von so einem starken Künstler wie Picasso gestaltet worden, würden wir gar nicht darüber sprechen. "Guernica" ist eben eine Ausnahme. Schauen wir uns das Bild an: Es ist sehr abstrakt, setzt beim Rezipienten viel voraus, um es verstehen oder empfinden zu können. Die Abstraktheit, die zusammenfassende Formel wurde immer wichtiger. Mit dem äußersten Minimum an Mitteln kann man das Maximale aussagen. Beim Schreiben ist es ähnlich: Auch wenn gejubelt wird, dass der neue Roman 1200 Seiten hat, muss er nicht unbedingt der beste sein.

Die Furche: Aber wie kann man in einer derart pluralen Zeit wie heute überhaupt Kriterien festmachen? Ich könnte doch genauso das Gegenteil behaupten: Großartige Kunst wäre demnach dann gegeben, je mehr technische Mittel ein Künstler einsetzt, je pompöser er das macht. Beide Behauptungen können eigentlich nebeneinander stehen?

Baum: Ja, das kann nebeneinander stehen. Am Markt, in den Museen wirkt sich das dann so oder so zugunsten von A oder B aus. Aber einen Alleinvertretungsanspruch wird man nicht herauskristallisieren können. Auch wenn man sich noch so abplagt.

Die Furche: Nun hört man aber immer wieder Klagen, die gegenwärtige Kunst sei zu intellektuell und oft unverständlich. Auch die Erklärungen von Experten helfen oft wenig.

Baum: Nehmen wir ein paar Schlagworte: Intervention. Was ist Intervention? Alles ist Intervention. Installation. Einen ordentlichen Installateur für die Wasserleitung finden Sie schwer, aber Künstler gibt es Hunderte, die sich Installateure nennen. Da müht sich eine kleine intellektuelle Schicht mit ihren Handständen ab. "Kunst aus dem Bauch" war ein Schlagwort der 60er-Jahre. Es wäre lächerlich so etwas einzufordern. Aber Kunst umgekehrt nur als Konstrukt von mehr oder weniger intellektuellen Überlegungen und Strategien zu akzeptieren, so wie das heute oft der Fall ist - das kann es genauso wenig sein. Ein akademischer Diskurs, der sich selbst genügt, der aber weder eine entsprechende gesellschaftliche Wirkung hat noch eine künstlerische Potenz vorwegnimmt, die erst später entdeckt und entsprechend bewertet wird, ist auch zu wenig.

Die Furche: Die Zeiten haben sich ja auch geändert, etwa im Unterschied zur Avantgarde von damals ...

Baum: Ja, diese Verkürzung der Zeit, die Überfrachtung an Eindrücken jedweder Natur - Bild, Ton etc. -, das ist alles im gleichen Moment da. Und das schon lange. Ein gutes halbes Jahrhundert mindestens ist es nicht mehr so, dass ein dominierender Stil den anderen ablöst. Es geschieht alles parallel, mit all den Widersprüchen von heute, aber auch mit Übereinstimmungen. Die Verkettung mit gesellschaftspolitischen Vorgängen oder Absichten ist dabei durchaus legitim. Aber wenn es zu vordergründig gemacht und zum alleinigen Anlass genommen wird, um Kunst zu erzeugen, dann liegen die Künstler falsch. Kunst muss sich aus persönlicher Überzeugung in Verbindung mit einem starken gestalterischen Element zeigen - dann hat sie Wirkung.

Die Furche: Und es geht um eine ganzheitliche Wirkung von Kunst, nicht nur um eine für den Kopf?

Baum: Ja, das stimmt so und zeigt sich vor allem in der Musik, die gar keine Inhalte haben muss, wenn sie gut komponiert und entsprechend packend ist und Gefühle wie das der Befreiung oder der Trauer intensiv vermitteln kann. Musik ist da viel direkter. Sie spricht den ganzen Körper, nicht nur den Geist an, etwa im Vergleich zur Literatur, und das spürt man auch in einer anderen Art und Weise. Es zeigt sich, dass wir die Komposition, die wahrscheinlich die abstrakteste Kunstform an sich ist, diesen Fluss der Musik, in der zeitlichen Abfolge ohne viel zu fragen auf uns einwirken lassen. Die Legitimation für Kunst muss aus dem Kunstwerk selbst resultieren.

Das Gespräch führte Brigitte Schwens-Harrant

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