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Feuilleton

Die Frage von Gleichheit und Differenz

1945 1960 1980 2000 2020

Ein in der freien Wirtschaft tätiger Naturwissenschaftler, Klaus F. Rittstieg, hat ein Buch zur Gender-Debatte geschrieben. Weit entfernt von kulturpessimistischen Pauschalurteilen plädiert er für eine Rückkehr zu Vernunft und Mittelmaß. Die Gegenbewegung sei im Gange.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein in der freien Wirtschaft tätiger Naturwissenschaftler, Klaus F. Rittstieg, hat ein Buch zur Gender-Debatte geschrieben. Weit entfernt von kulturpessimistischen Pauschalurteilen plädiert er für eine Rückkehr zu Vernunft und Mittelmaß. Die Gegenbewegung sei im Gange.

Man würde es ohnedies schon angesichts von Titel und Untertitel nicht annehmen, aber zur Sicherheit hält es der Autor gleich eingangs explizit fest: "Sollten Sie großen Wert auf politische Korrektheit legen, dann fürchte ich, dass Sie keine Freude mit diesem Buch haben werden." Dieses Buch reiht sich nämlich unter jene Publikationen, welche sich äußerst kritisch mit dem auseinandersetzen, was gemeinhin unter "Gender Mainstreaming" oder oft auch nur "Gender" verhandelt wird. Und sein Autor dürfte durchaus die Ansicht der streitbaren deutschen Publizistin Birgit Kelle teilen, dass es sich dabei um eine "absurde Ideologie" handelt (wie es in einem Untertitel eines Kelle-Buchs zum Thema heißt).

Zur Ideologie geronnen

Interessant ist freilich, dass der Autor Klaus F. Rittstieg kein Sozial- oder Geisteswissenschaftler ist, sondern ausgebildeter Chemiker und Biotechnologe und als solcher in einem Unternehmen tätig. Darüberhinaus outet sich der Autor als aus der Hamburger Umweltbewegung kommend. Über diese seine Zeit der späten 1980er-Jahre schreibt Rittstieg: "Dort, also in einem eher linken, alternativ angehauchten Milieu, war die reine feministische Lehre weit verbreitet: An allem Übel der Welt waren die Männer schuld." Er schreibt aber auch an anderer Stelle, dass die feministische Bewegung "ohne Zweifel die Gesellschaft offener gemacht und für uns alle mehr Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebensweges erkämpft" hat. Allerdings - und dieser Gedanke, der bereits im Untertitel formuliert ist, zieht sich durch das Buch - habe man "weit über das ursprüngliche Ziel hinausgeschossen".

Diesem Befund kann man zustimmen -und er gilt ja generell für viele Befreiungs-,Emanzipationsund Aufbruchsbewegungen, die irgendwann zur Ideologie gerannen. Rittstieg holt weit aus: von der Urgeschichte und dem Homo sapiens bis in unsere modernen Lebensverhältnisse spannt sich der Bogen, immer mit Bezügen zu seinem angestammten Metier -was natürlich just jene, gegen die Rittstieg antritt, ihm als "Biologismus" oder Ähnliches auslegen werden.

Generell geht es dem Autor um mehr als "Gender" - oder besser gesagt, er führt diese Debatte auf die ihr zugrundeliegende Frage zurück: jene nach Gleichheit und Ungleichheit, nach Identität und Differenz. Dem Zeitgeist gilt zumindest tendenziell jede Ungleichheit als Übel, jede (Behauptung von) Differenz als Diskriminierung - welche es demnach durch soziotechnooder - bürokratische Maßnahmen zu überwinden gelte. Genau gegen diese Sicht der Dinge richtet sich Rittstiegs Buch. Das führt er etwa auch bei vieldiskutierten Themen wie Familie und Arbeitswelt aus. Die unterschiedlichen Positionen von Männern und Frauen in diesen Bereichen sind laut Rittstieg eben nicht (nur) Ergebnis patriarchaler - endgültig zu überwindender - Verhältnisse, sondern liegen, horribile dictu, in der unterschiedlichen Natur von Mann und Frau begründet. Nur ein Beispiel: "Wenn Männer den Job wechseln, sind die finanziellen Motive stärker als bei Frauen, bei denen die Sicherheit des Arbeitsplatzes als wichtiger angegeben wird." Ja, natürlich sind das Mittelwerte, und natürlich gibt es Gegenbeispiele - aber das ist ja bei allen verallgemeinernden Aussagen, ohne die keine Wissenschaft und auch keine Politik auskommen kann, so. Aber ebenso natürlich würden auch Sätze wie der eben zitierte von der Gegenseite sofort wieder als "biologistisch" etc. abgetan.

Preis der Freiheit

Das Buch ist freilich keine kulturpessimistische Anklage, was man bei Leuten wie Rittstieg ja gerne vermutet. Vielmehr schließt er durchaus zuversichtlich. So sieht er die titelgebende "stille Gegenrevolution" schon längst im Gange und kann, wie bereits erwähnt, den gesellschaftlichen Umbrüchen auch Positives abgewinnen. Die einschlägigen Auseinandersetzungen seien "der Preis, den wir für unsere Entwicklung zahlen, und ich denke, dass man im Fall des sogenannten Geschlechterkampfes die positiven Entwicklungsschritte deutlich erkennen kann". Gleichwohl würden, und das stimmt Rittstieg hoffnungsfroh, "die Übertreibungen und Fehlentwicklungen [...] immer selbstverständlicher und immer gründlicher ignoriert".

Manches in dem Buch ist ein wenig holzschnittartig geraten -aber alles in allem bietet es einen erfrischend unbekümmerten Beitrag zu einer aufgeladenen Debatte.

Die stille Gegenrevolution

Haben wir mit dem Gender-Mainstreaming über das Ziel hinausgeschossen?

Von Klaus F. Rittstieg

Braumüller 2017 216 S., € 22,-

Man würde es ohnedies schon angesichts von Titel und Untertitel nicht annehmen, aber zur Sicherheit hält es der Autor gleich eingangs explizit fest: "Sollten Sie großen Wert auf politische Korrektheit legen, dann fürchte ich, dass Sie keine Freude mit diesem Buch haben werden." Dieses Buch reiht sich nämlich unter jene Publikationen, welche sich äußerst kritisch mit dem auseinandersetzen, was gemeinhin unter "Gender Mainstreaming" oder oft auch nur "Gender" verhandelt wird. Und sein Autor dürfte durchaus die Ansicht der streitbaren deutschen Publizistin Birgit Kelle teilen, dass es sich dabei um eine "absurde Ideologie" handelt (wie es in einem Untertitel eines Kelle-Buchs zum Thema heißt).

Zur Ideologie geronnen

Interessant ist freilich, dass der Autor Klaus F. Rittstieg kein Sozial- oder Geisteswissenschaftler ist, sondern ausgebildeter Chemiker und Biotechnologe und als solcher in einem Unternehmen tätig. Darüberhinaus outet sich der Autor als aus der Hamburger Umweltbewegung kommend. Über diese seine Zeit der späten 1980er-Jahre schreibt Rittstieg: "Dort, also in einem eher linken, alternativ angehauchten Milieu, war die reine feministische Lehre weit verbreitet: An allem Übel der Welt waren die Männer schuld." Er schreibt aber auch an anderer Stelle, dass die feministische Bewegung "ohne Zweifel die Gesellschaft offener gemacht und für uns alle mehr Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebensweges erkämpft" hat. Allerdings - und dieser Gedanke, der bereits im Untertitel formuliert ist, zieht sich durch das Buch - habe man "weit über das ursprüngliche Ziel hinausgeschossen".

Diesem Befund kann man zustimmen -und er gilt ja generell für viele Befreiungs-,Emanzipationsund Aufbruchsbewegungen, die irgendwann zur Ideologie gerannen. Rittstieg holt weit aus: von der Urgeschichte und dem Homo sapiens bis in unsere modernen Lebensverhältnisse spannt sich der Bogen, immer mit Bezügen zu seinem angestammten Metier -was natürlich just jene, gegen die Rittstieg antritt, ihm als "Biologismus" oder Ähnliches auslegen werden.

Generell geht es dem Autor um mehr als "Gender" - oder besser gesagt, er führt diese Debatte auf die ihr zugrundeliegende Frage zurück: jene nach Gleichheit und Ungleichheit, nach Identität und Differenz. Dem Zeitgeist gilt zumindest tendenziell jede Ungleichheit als Übel, jede (Behauptung von) Differenz als Diskriminierung - welche es demnach durch soziotechnooder - bürokratische Maßnahmen zu überwinden gelte. Genau gegen diese Sicht der Dinge richtet sich Rittstiegs Buch. Das führt er etwa auch bei vieldiskutierten Themen wie Familie und Arbeitswelt aus. Die unterschiedlichen Positionen von Männern und Frauen in diesen Bereichen sind laut Rittstieg eben nicht (nur) Ergebnis patriarchaler - endgültig zu überwindender - Verhältnisse, sondern liegen, horribile dictu, in der unterschiedlichen Natur von Mann und Frau begründet. Nur ein Beispiel: "Wenn Männer den Job wechseln, sind die finanziellen Motive stärker als bei Frauen, bei denen die Sicherheit des Arbeitsplatzes als wichtiger angegeben wird." Ja, natürlich sind das Mittelwerte, und natürlich gibt es Gegenbeispiele - aber das ist ja bei allen verallgemeinernden Aussagen, ohne die keine Wissenschaft und auch keine Politik auskommen kann, so. Aber ebenso natürlich würden auch Sätze wie der eben zitierte von der Gegenseite sofort wieder als "biologistisch" etc. abgetan.

Preis der Freiheit

Das Buch ist freilich keine kulturpessimistische Anklage, was man bei Leuten wie Rittstieg ja gerne vermutet. Vielmehr schließt er durchaus zuversichtlich. So sieht er die titelgebende "stille Gegenrevolution" schon längst im Gange und kann, wie bereits erwähnt, den gesellschaftlichen Umbrüchen auch Positives abgewinnen. Die einschlägigen Auseinandersetzungen seien "der Preis, den wir für unsere Entwicklung zahlen, und ich denke, dass man im Fall des sogenannten Geschlechterkampfes die positiven Entwicklungsschritte deutlich erkennen kann". Gleichwohl würden, und das stimmt Rittstieg hoffnungsfroh, "die Übertreibungen und Fehlentwicklungen [...] immer selbstverständlicher und immer gründlicher ignoriert".

Manches in dem Buch ist ein wenig holzschnittartig geraten -aber alles in allem bietet es einen erfrischend unbekümmerten Beitrag zu einer aufgeladenen Debatte.

Die stille Gegenrevolution

Haben wir mit dem Gender-Mainstreaming über das Ziel hinausgeschossen?

Von Klaus F. Rittstieg

Braumüller 2017 216 S., € 22,-