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Die Frauen sind wieder einmal schneller

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Bei der Entwicklung in Richtung Moderne sind die Frauen den Männer voraus. Neue Studie zeigt: Stillstand auf hohem Nivau. Enttäuschung über die Kirche.

Aus fünf breit angelegten, repräsentativen Studien stellten die Theologen Paul M. Zulehner und Petra Steinmair-Pösel eine zusammen: "Typisch Frau?“ ist der Titel der im Auftrag von Welt der Frau und Katholischer Frauenbewegung erstellten Expertise. Diese "stellt alte Geschlechterstereotype infrage“, wie Margit Hauft, Vorsitzende der Frauenbewegung, dazu schreibt.

Die Veränderungen der vergangenen 40 Jahre führten zu einer neuen Typologie, wobei jegliche Typologie "immer ein statistisches Konstrukt ist“, wie Zulehner diese Woche in Wien bei der Präsentation der Studie im Presseclub Concordia erläuterte. Die Typologien führten Ähnlichkeiten zusammen, bedeuteten aber nicht, dass alle Personen so seien. Wesentliches Ergebnis: Zwölf Prozent der Frauen würden sich als traditionell verstehen. Gut 30 Prozent der Frauen sehen sich als pragmatisch, 21 Prozent als suchende. Der Anteil der sich als modern einschätzenden Frau sei auf 36 Prozent gestiegen. Hier zeige sich der Unterschied zwischen den Geschlechtern, so Zulehner: "Die Frauen sind den Männern um 20 Jahre voraus.“

Polarisierung statt Vielfalt

Die Entwicklung zur Moderne habe "allerdings eine Abbremsung erfahren“, sei sogar leicht rückläufig. Frauen hätten festgestellt, dass die Verbindung von Beruf und Familie "nicht so komfortabel ist“: Immerhin 43 Prozent der sich als modern einstufenden Frauen seien der Ansicht, "das Leben in einer Familie ist einfacher, wenn ein Elternteil nicht arbeitet und zu Hause ist“. Auch 41 Prozent der kinderlosen modernen würden so denken, fanden die Studienautoren heraus. Im Schnitt aller Östereicherinnen und Österreicher würden 59 Prozent dieser Aussage zustimmen. Besonders bemerkenswert: Mehr als ein Drittel der modernen Frauen mit Kindern meint, "die neuen Geschlechterrollen sind anstrengender als die traditionellen“.

Was daraus folgt? Erforderlich sei, so Zulehner, eine "Politik der Wahlfreiheit“. Die Rollenmuster würden sich im Laufe eines Lebens ändern. Derzeit sei jedoch in der Politik eine "Brutal-Polarisierung“ in traditionelle Hausfrau und moderne berufstätige Mutter zu beobachten. Zu begrüßen wäre hingegen etwas mehr an Toleranz für die Vielfalt, etwas mehr an "Pluralitätsmanagement“, wie es Zulehner ausdrückte. Doch ein Mangel an Verständnis für Pluralität scheine auch, so lässt es die Studie erkennen, die katholische Kirche zu kennzeichnen.

Kirche verliert die Frauen

Co-Autorin Steinmair-Pösel äußerte sich klar: "Die Kirche läuft Gefahr, die Frauen zu verlieren“, erklärte sie anlässlich der Präsentation. "Die jungen, gebildeten und modernen ziehen sich aus der Kirche zurück.“ Darin scheint eine mehrfache Problematik zu stecken. Frauen seien nämlich "spirituell und religiös interessierter“ als Männer, sie hätten "sensiblere Antennen für spirituelle Erfahrungen“. Erhielten Frauen mehr Ämter, würde dies die Kirche stärken. Aber seit Jahrzehnten unterbleibe die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Kirche, obwohl genau das eine Voraussetzung für die Lösung mancher Probleme der Kirche wäre.

"Waren wir da nicht schon weiter?“, fragte denn auch Margit Hauft namens der Katholischen Frauenbewegung. Vor 20 Jahren habe es geheißen, die Frau sei Partnerin der Kirche, zu diesem Thema sei eine Handreichung erarbeitet worden. Hauft: "Es gibt keine theologischen Hindernisse für den ständigen Diakonat der Frau.“ Doch die Kirche habe "Schwierigkeiten, die Pluralität zu sehen, danach zu handeln und zu erkennen, dass diese von Gott gewollt ist“. Hinsichtlich des Familienbildes und der Rolle der Frau als Mutter habe die Kirche "Angst davor, anderes zuzulassen“. Doch diese "starre Rollenzuschreibung“ widerspreche der Pluralität und der Toleranz. Wenn die Kirche weiter mehr über die Frauen als mit diesen spreche, würde sie Chancen vergeben: "Die Kirche sagt zu vieles, was Kopfschütteln auslöst.“

Frauen wünschten, so Hauft, auch in der Gesellschaft Wahlfreiheit: "Frauen wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen“, doch warum sei es gerade für Frauen stets so schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren? Und warum unterstelle man stets den Frauen Machtgelüste? Solange es also für Frauen geradezu gefährlicher sei, in das Erwerbsleben einzusteigen, "stimmt etwas nicht“.

Hinsichtlich der geschlechtsspezifischen politischen Meinung scheint die präsentierte Expertise andere Befunde politikwissenschaftlicher Forschung zu bestätigen: Junge Frauen neigen eher zu den Grünen, junge Männer hingegen zu den Blauen, sagt Zulehner.

Typisch Frau?

Wie Frauen leben und glauben Von Paul M. Zulehner/Petra Steinmair-Pösel, Welt der Frau Verlags GmbH 2011 www.welt-der-frau.at.

152 Seiten, broschiert, e 19,90