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Die Freiheit von Persiankiwi

Bei den Protesten im Iran spielt die jüngste Generation der Neuen Medien eine unverzichtbare Rolle: „YouTube“, „Facebook“, „Myspace“ und vor allem „Twitter“ lösen die Weblogs ab.

Persiankiwi hat weltweit fast 40.000 Abonnenten. Aber seit dem 24. Juni ist er verschollen.

ist seit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni zu einem der wichtigsten Berichterstatter aus Teheran geworden. Es handelt sich allerdings nicht um einen Journalisten im landläufigen Sinne, Persiankiwi ist der Name eines Kanals auf Twitter, auf dem ein oder vermutlich mehrere anonyme Mitglieder der Oppositionsbewegung im Iran die Welt über die Lage in Teheran informieren. Informationen über die Standorte von Demonstrationen wurden hier ebenso veröffentlicht wie Berichte über die Gewaltexzesse der Basji-Milizen. Jetzt scheint die Informationsquelle allerdings versiegt zu sein.

„Wir müssen gehen – wissen nicht, wann wir ins Internet können – Sie nehmen einen von uns, foltern, und bekommen Namen. Wir müssen jetzt schnell sein.“ So lautete eine der dramatischen letzten Nachrichten von Persiankiwi am 24. Juni. Seither herrscht Funkstille auf dem Kanal. Mehrere ähnliche Namen sind indes auf Twitter aufgetaucht, jedoch ist sich die Community offenbar nicht einig, wer der oder die „echte“ Persiankiwi ist. Zuletzt kursierte die Nachricht: „Persiankiwi ist okay. Keine Variation des Namens ist echt.“ Inzwischen kommen die Informationen aber auch über andere Kanäle.

Das iranische Regime muss etwas Derartiges vorausgeahnt oder zumindest erwogen haben. Sonst wären wohl kaum einige Tage vor der Wahl diverse Internetplattformen gesperrt worden. Womit die Zensur aber nicht gerechnet haben kann, ist die Wehrhaftigkeit der mittlerweile weltumspannenden Web-Community. Was für frühere Regime in allen Erdteilen ein Leichtes war, ist für den Iran im Moment nur begrenzt möglich: Den Informationsfluss aus dem und in das Land zu kontrollieren. Mitschuld trägt jenes Phänomen, das mittlerweile unter dem Sammelbegriff „Social Web“ zusammengefasst wird. Plattformen wie YouTube, Facebook, MySpace oder zuletzt Twitter sind schlicht durch die Anzahl ihrer Benutzer viel schwieriger zu kontrollieren als „normale“ Medien.

Nachfolger der Weblogs

Im Vergleich mit den schon länger etablierten Weblogs, die nichts anderes darstellen als persönliche Tagebücher, die im Internet für jedermann zugänglich sind, haben diese neuen Medien einen entscheidenden Vorteil: „Ihnen ist der Community-Charakter schon von Vornherein inhärent“, erklärt Olaf Nitz, der sich seit fast einem Jahrzehnt beruflich mit diesem und ähnlichen Phänomenen auseinandersetzt. Derzeit ist er für die Österreich Werbung im Bereich Internet Strategie tätig und hält Kurse über neue Medien an der FH St. Pölten und am Wifi Wien. Facebook ist, wenn man so will, zwar nicht mehr als eine Ansammlung von Weblogs einzelner, meist junger User, die hier der hemmungslosen Selbstdarstellung frönen. Worauf Nitz jedoch anspielt, ist, dass es gleichzeitig eine sehr benutzerfreundliche Plattform zur Kommunikation zwischen den Benutzern bietet und diese damit automatisch vernetzt.

Das Geheimnis von „Twitter“

Bei Twitter wird auf die exzessive Selbstdarstellung in Form von Bildern, Videos und dergleichen vollkommen verzichtet. Es ist ein reines Kommunikationstool, reduziert auf maximal 140 Zeichen pro „Tweet“, was in etwa der Länge dieses Satzes entspricht. Dementsprechend einfach ist auch die Anleitung auf der Startseite: Twitter ermögliche es, Freunden, Familie und Kollegen kurz und oft mitzuteilen, was man im Moment gerade tut. Oder eben, wie die Lage in einer von einem totalitären Regime kontrollierten Stadt ist. Der Community-Charakter ergibt sich hier dadurch, dass jeder Benutzer die Kanäle beliebiger anderer abonnieren und diesen damit durchgehend folgen kann. Durch so genannte Re-Tweets, also das Kopieren von Nachrichten anderer, können sich die Kurznachrichten rasend schnell verbreiten. Für Nitz ist das aber nur einer der Gründe, warum Twitter im Fall Iran so wichtig geworden ist. „Ein weiterer sind die sogenannten HashTags, kurze Schlagworte, die die Suche nach Themen ermöglichen.“

Die HashTags sind keine ursprünglich vorgesehene Funktion, sie haben sich vielmehr selbstständig in der Community entwickelt und wurden erst später auch vom System implementiert. So hat sich für Nachrichten zur derzeitigen Lage im Iran beispielsweise der HashTag #iranelection eingeführt, den auch Persiankiwi verwendete. Jeder, der dazu etwas mitteilen will, schreibt diesen in seine Nachricht, welche dann von anderen, die ihn in die Suchmaske eingeben, gefunden wird. Ein einfaches, aber sehr wirksames Prinzip.

Der dritte Grund, den Nitz für die momentane Hochkonjunktur von Twitter nennt, ist, dass dort jene Informationen kursieren, die dabei helfen, die Zensurmaßnahmen des iranischen Regimes zu umgehen. Zum Beispiel die Adressen sogenannter Proxy-Server, mit deren Hilfe man vortäuschen kann, dass sich der eigene Computer wo anders befinde, als das eigentlich der Fall ist. Nachdem der Iran nur für User innerhalb der eigenen Landesgrenzen Seiten sperren kann, können diese Sperren umgangen werden, indem man den eigenen Computer so tun lässt, als wäre er im Ausland. Wie das geht, erfährt man dieser Tage auf Twitter.

Doch es gibt auch Nachteile. So ist der einzige Kontrollmechanismus, der die Richtigkeit der Inhalte von Twitter-Nachrichten überprüft, die Community selbst. „Was richtig oder falsch ist, entscheidet die Mehrheit der User“, erzählt Nitz. „Schreiben viele das gleiche, so gilt das als wahr.“

Segen und Fluch

So wird die einfache und offene Benutzung von Twitter gleichzeitig zu Segen und Fluch. Niemand weiß, woher die Informationen kommen, niemand weiß, ob sie richtig sind, und niemand weiß, wie viel davon durch die Filter des Regimes gelaufen ist. Die selben HashTags, die die User verwenden, um die richtigen Informationen aus der Flut der Nachrichten herauszufiltern, können auch vom Regime verwendet werden, um unliebsame Oppositionelle ausfindig zu machen.

Persiankiwi dürfte das zum Verhängnis geworden sein. Dennoch haben die über 900 Nachrichten, die in den vergangenen Wochen über den Kanal um die Welt gegangen sind, Spuren hinterlassen. Denn auch wenn sie am Wahlergebnis – ob nun getürkt oder nicht – nichts ändern, so haben sie doch Aufmerksamkeit erregt und dafür gesorgt, dass die Welt hinsieht.

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